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Bild: epd-Bild/ Dieter Sell

Fremdenfeindlicher, wenn die Flagge vor Augen ist

Tagesthema 29. Juni 2014

In die K.o.-Runden der Fußballweltmeisterschaft hat es die deutsche Nationalmannschaft als erste ihrer Gruppe geschafft - doch wie geht es nun weiter? Der erste Schritt ist das Spiel gegen Algerien im Achtelfinale - und die bleibende Begeisterung deutscher Fans in Brasilien und zu Hause beim Public-Viewing und vor den TV-Geräten in den Wohn- und Schlafzimmern. 

Sozialpsychologin: Nationalstolz bei WM kann in Fremdenfeindlichkeit umschlagen

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Verkleidet in Deutschlandfarben. Bild: epd-Bild/ Dieter Sell

Public-Viewing-Partys zur Fußball-Weltmeisterschaft mit einem Meer an schwarz-rot-goldenen Fahnen können aus Sicht einer Psychologin die Fremdenfeindlichkeit steigern - vor allem wenn Deutschland verliert. Die Osnabrücker Sozialpsychologin Julia Becker warnte in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) angesichts der laufenden WM vor einem allzu gedankenlosen Umgang mit der unübersehbaren Fülle an Fanartikeln in Deutschland-Farben.

Der unbeschwerte Party-Patriotismus, erstmals zur Fußball-WM 2006 in Deutschland heraufbeschworen, sei schon damals ein Märchen und durch nichts zu belegen gewesen, sagte die Professorin der Universität Osnabrück. Studien von damals bis heute belegten im Gegenteil, dass Nationalstolz beim Anblick von schwarz-rot-goldenen Flaggen leicht in Fremdenfeindlichkeit umschlagen könne.

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Fans im Freudenrausch. Bild: epd-Bild/ Steffen Schellhorn

Sie habe vielfach Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Milieus zu ihrer Einstellung gegenüber Deutschland und gegenüber Menschen anderer Nationalitäten befragt, erläuterte Becker. Die Fragen hätten sie jeweils auf Fragebögen mit und ohne schwarz-rot-goldener Flagge präsentiert bekommen. Das Ergebnis: „Wer sich stark mit Deutschland identifiziert, ist fremdenfeindlicher, wenn er die Flagge vor Augen hat.“

Flaggen könnten eine enorme emotionale Wirkung entfalten, sagte die Professorin. Sie forscht seit Jahren über dieses Thema. Bedenklich aus deutscher Sicht sei, dass die schwarz-rot-goldene Fahne bei einigen Deutschen noch immer Gefühle von Dominanz und Macht hervorrufe. Demgegenüber löse die US-Flagge bei Amerikanern eher Gedanken an Gleichheit und Gleichberechtigung aus. Deshalb sinke auch deren Hang zur Fremdenfeindlichkeit beim Anblick ihrer Fahne.

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Fanartikel. Bild: epd-Bild/ Erich Höfele

Besonders alarmierend für die aktuelle Situation in Deutschland findet die Psychologin einen weiteren Zusammenhang: Wenn sich die fahnenschwenkenden Fußball-Patrioten bedroht fühlten, könnten sogar aggressive Gefühle aufbrechen. Das wäre etwa bei einer Niederlage der deutschen Mannschaft der Fall. Aber auch innergesellschaftliche Bedrohungsszenarien wie eine Wirtschaftskrise oder ein als problematisch empfundener großer Zustrom von Flüchtlingen könnten die feindseligen Gefühle verstärken.

Sie wolle niemandem das Public Viewing vermiesen, betonte Becker: „Es ist nichts dagegen einzuwenden, Fußballspiele in großen Gruppen anzuschauen.“ Und Jubeln für eine Mannschaft findet sie auch in Ordnung. „Aber muss es zu jedem Großereignis Millionen von Fahnen, T-Shirts, Zahnbürsten, Fahrradwimpel und Tassen in den Deutschland-Farben geben?“

epd-Gespräch: Martina Schwager

Parallelen zu Kirche und Glaube

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„In einer aufgeladenen Ritualisierung“, meint Landesbischof Ralf Meister, gebe es Parallelen zwischen dem Verhalten im Stadion und dem Leben im Glauben. Das alles werde nun angesichts der WM wieder hervorgeholt.

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„Ich gehöre zu Jesus“, steht auf dem T-Shirt, das der brasilianische Spieler Jubei Kaka bei der Weltmeisterschaft 2002 trug. Mittlerweile sind solche Slogans verboten. Bild: picture alliance

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