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Bild: Evangelische Zeitung/ Michael Eberstein

Blühender Zeitzeuge

Tagesthema 26. Juni 2014

Der hannoversche Stadtpark im Wandel der Zeit

Der hannoversche Stadtpark ist selbst den meisten Hannoveranern unbekannt. Erst wenn vom „Stadthallengarten“ gesprochen wird, erhellen sich die Blicke, jedenfalls bei Freunden gestalteter Natur. Doch viele Hannoveraner haben noch nie einen Fuß in diesen höchst sehenswerten und als Denkmal geschützten Garten gesetzt, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert.

Der Park gehört zu dem Ensemble mit der Stadthalle und ihrem als Konzertsaal gerühmten Kuppelsaal sowie dem alleeartigen Vorplatz und der angrenzenden Niedersachsenhalle. Dieses Ensemble steht seit 1983 unter Denkmalschutz. Der Park selbst wurde 1989 unter Schutz gestellt. Drei Jahre später begannen die Konservierungs- und Erneuerungsarbeiten. Denn von dem Charakter des Parks, wie er kurz nach Fertigstellung der Stadthalle und vor Beginn des Ersten Weltkriegs angelegt wurde, war durch zahlreiche Überformungen kaum etwas übrig geblieben.

Eine erste tiefgreifende Veränderung erfuhr der Park 1933 durch die „Jadega“, eine Leistungsschau des Gartenbaus, die lange als „braune Gartenschau“ galt. Doch es wurden nicht nur heimische Gewächse präsentiert, sondern auch „Exoten“ aus Asien oder Afrika. Ebenfalls ein Relikt der „Jadega“ ist die beliebte Sauna am Rand des Parks.

Das Parkgelände war seinerzeit auch vergrößert worden. Davon zeugt ein „Spielgarten“ jenseits der vierspurigen Straße, die den Park von Europas größtem Stadtwald, der Eilenriede, trennt.

Nur sechs Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Hannoveraner eher Kartoffeln und Gemüse in ihren Schrebergärten anbauten, wurde der Stadtpark Schauplatz für die erste Bundesgartenschau. Vielleicht war es eine Trotzreaktion der jungen Bundesrepublik, denn ein Jahr zuvor hatte es in Erfurt eine DDR-Gartenschau gegeben. Für die Planung des Geländes hinter der Stadthalle gab es einen Wettbewerb. Doch auch die städtische Verwaltung hatte ihre Ideen.

Am Ende wurde ein Kompromiss verwirklicht, der aus zum Teil auch noch angepassten Versatzstücken der besten Entwürfe entstand. Dieses „unorthodoxe“ Planungsvorgehen ergab zumindest das gewünschte Planungsziel „Internationalismus“. Im Vorfeld hatte es aus Fachkreisen heftige Kritik gegeben, die Gartenschau sei „rückwärtsgewandt“, zu wenig zukunftsweisend; sie entspreche dem Stand der 1930-er Jahre. Die Fachleute prognostizierten ein Debakel. Es kam anders. Offenbar bediente die Melange der Entwürfe das ästhetische Empfinden der Besucher.

Von den frühen 1950-er Jahren zeugt bis heute das „Rosencafé“. Wer hier auf den unregelmäßig geformten Sandsteinplatten der Terrasse die Blumenpracht genießt oder im Café auf einem der grau-gelb gemusterten Cocktail-Sesselchen Platz nimmt, die weiß gestrichenen Wände aus Trümmersteinen sieht, fühlt sich um Jahrzehnte zurückversetzt.

Vielleicht wundert sich der Besucher über die Wegeführung vor der Terrasse, die so gar keinen Bezug auf das Gebäude nimmt. In den 1960-er Jahren wurde der Stadtpark grundlegend überplant. Wasserbecken mit Fontänen, Pflanzkübel aus Waschbeton und eine geometrische Wegeführung stellen seither eine auf die Kuppel der Stadthalle abgestimmte Gartengestaltung dar.

Irritierend blieb die Eingangssituation. Einer großzügigen Lösung stand der Hotel-Hochhausneubau neben dem Kongresszentrum im Wege. Spätestens seit eine baufällige Brücke über die Straße abgerissen wurde, müssen Parkbesucher zwischen Stadthalle und Hotel den Eingang suchen und sich zwischen parkenden Autos hindurch wurschteln. Bis heute zeichnet diese Planung den Park aus. Sie bietet viel fürs Auge, lädt zu Spaziergängen ein, hat mit lauschigen Nischen Rückzugsorte.

Doch reicht der Erhalt des Vorhandenen nicht länger. Vor einem Jahr wurde eine Bestandsaufnahme abgeschlossen, die dem 100 Jahre alten Park eine neue Perspektive ermöglichen soll. Zu dem daraus erwachsenen Pflege- und Entwicklungskonzept gehört die Neugestaltung des Eingangs. In etwa zwei Jahren sollen Maßnahmen beginnen, um dem Park zu neuer Blüte zu verhelfen.

Michael Eberstein, Chefredakteur Evangelische Zeitung

Wie in einer anderen Welt

Ein Fleckchen Erde in ein eigenes Paradies verwandeln: Danach sehnen sich viele Menschen. Mit Tricks und vorausschauender Planung gelingt das auch dann noch, wenn die Kräfte mit den Jahren schwinden.

Üppiges Grün umwuchert die Beete, in denen sich Kartoffeln, Erdbeeren und Akelei zur Sonne strecken. Nur die Margeriten, die wollen nicht so recht. „Dabei hätte ich so gerne Margeriten“, sagt die 74-jährige Walburga Lohse, Herrin über 3500 Quadratmeter Gartenparadies in Lilienthal bei Bremen. Aber die Nacktschnecken teilen ganz offensichtlich ihre Vorliebe und fressen die jungen Pflanzen kahl.

Lohse gibt nicht auf, setzt immer wieder neue Margeriten. Ansonsten greift sie eher maßvoll ein. Natur soll Natur bleiben. „Manches lass' ich einfach stehen“, sagt sie und erzählt von den Kindern, die regelmäßig in ihren Garten kommen.

Ein großes Stück ihrer Scholle hat sie für die örtliche Bürgerstiftung geöffnet, die wiederum Kindern auf kleinen Parzellen den Anbau von Gemüse, Beerenfrüchten und Blumen ermöglicht. Beide profitieren: Die Kinder buddeln im Grünen, und Walburga Lohse kann ihren großen Garten halten.

Wie der Garten auch im Alter ein Jungbrunnen bleiben kann - mehr beim Thema der Woche in der Evangelischen Zeitung

Naturheiler und sprechende Esel

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Synodentagesordnung trifft Natur.   Bild: Jens Schulze

Schon die Bibel vermittelt dieses doppeldeutige Naturbild: Als Schöpfer der Welt gibt Gott in 1. Mose 1,28 den Menschen den Auftrag: „Macht euch die Erde untertan!“ Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist hier feindselig. Gott bestimmt Adam: „Du wirst dein Brot verdienen im Schweiße deines Angesichts. Unkraut und Dornen werden auf deinem Feld wachsen.“ Und über die Schlange, die Adam das verlorene Paradies eingebrockt hat, sagt er: „Ewige Zwietracht wird zwischen euch bestehen. Du wirst ihr den Kopf zertreten, und sie wird dich in die Ferse beißen.“

Dies ist allerdings nur das Naturbild der Genesis, in der der Schöpfergott der Natur als Schöpfung gegenübersteht, bezeichnet mit den souveränen Namen Jahwe oder Elohim. Die folgenden Bücher bis zu den Psalmen vermitteln ein anderes, freundlicheres Naturbild (so kriegerisch sie auch sonst daherkommen): Sie belegen, dass im Gelobten Land neben dem Schöpfergott-Glauben ein altertümlicher Animismus und Geisterglaube weiterlebte: In diesem Glauben ist die Natur nicht Gegensatz zu Gott, sondern sie selbst ist göttlich beseelt, und der Mensch ist Teil von ihr. Wir nennen das heute: ganzheitliches Naturbild.

In 1. Samuel 28 sucht Saul vor der Schlacht gegen die Philister in der Wüste eine Schamanin auf, die in ihrer Höhle aus dem Erdreich den Geist des toten Samuel aufsteigen lässt. Ein schroffer Gegensatz zum: „Macht euch die Erde untertan!“ der Genesis. In diesen Büchern wird Gott auch nicht mehr männlich als Jahwe bezeichnet, sondern trägt eine gender-neutrale Abkürzung aus vier Buchstaben, die bedeuten: „das, was war, ist, sein wird“ und häufig übersetzt werden mit: der/die/das Ewige. Dies ist es auch, was David zu seinem Psalm 23 inspiriert: „Er (sie, es) weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“

Noch in der Königszeit beherrschen auch die jüdischen Propheten oft alte Schamanen-Praktiken: In 2. Könige 2,19-24 tritt der Prophet Elisa als wahrer Öko-Wunderheiler auf und reinigt einen verschmutzten Fluss, indem er ein Salz in die Quelle streut und die Formel spricht: „So spricht der Ewige: Ich habe diesen Fluss wieder gesund gemacht.“ Auf dieselbe Weise macht er die Äcker um Jericho wieder fruchtbar. Auffällig ist dabei sein vertrauter Umgang mit der Natur: Elisa spricht mit Wasser und Erde.

Oft ist dieses ganzheitliche Gott-Natur-Bild verbunden mit dem Glauben an die Seelenwanderung, und die Autoren stellen dann höhere moralische Ansprüche an den Umgang mit Tieren: In Numeri 22 begegnet uns eine sprechende Eselin, die ihren Herrn Bileam ausschilt, weil er sie auf seinem Ritt schon dreimal geschlagen hat. Möglicherweise hatte auch Jesus dieses freundliche Naturbild: seine Abschaffung der Tieropfer und seine vegetarische Ernährung sprechen dafür.

Der Psychologe Erich Fromm unterscheidet die beiden Modi Haben und Sein: Während wir im Haben aneignen und nutzbar machen wollen, ruhen wir im Sein in uns selbst, zufrieden mit dem, was wir besitzen und erreicht haben. Das Leben ist immer wechselweise Haben und Sein. Auf die Zeit der Aneignung folgt die Zeit der Verinnerlichung und Sinngebung, auf die Landnahme Moses‘ die Landliebe Davids. Unsere menschliche Natur ist doppeldeutig, und dies spiegelt sich in einem doppeldeutigen Naturbild, wie es die Bibel vermittelt.

Holger Wetjen, Evangelische Zeitung

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