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Bild: epd-Bild/Karen Miether

Beharrlicher Protest

Tagesthema 22. Juni 2014

Seit 25 Jahren kommen Menschen im Wald bei Gorleben zusammen

Elisabeth Hafner-Reckers holt Planen und Strohsäcke aus einem Verschlag - Nässeschutz und Polster. Richtig bequem wird der Sitzplatz auf einem mit Bohlen befestigten Erdwall auch damit nicht. An Birken, Kiefern und vier Holzkreuzen vorbei fällt der Blick auf das Erkundungsbergwerk im niedersächsischen Gorleben. An jedem Sonntag treffen sich hier im Wald Menschen zum „Gorlebener Gebet“, seit 25 Jahren schon. So lange der Salzstock als Endlager für Atommüll in der Auswahl bleibt, wollen sie damit weitermachen - mindestens.

„Wenn Gorleben als Standort aufgegeben wird, werden wir 25 Jahre weiter hier sitzen und Gott danken“, zitiert Elisabeth Hafner-Reckers einen langjährigen Mitstreiter. Die Gruppe rechnet sich zur Protestbewegung gegen die Atomanlagen, die an den Wald angrenzen. „Ob bei Kälte oder strömendem Regen, noch nie ist ein Gorlebener Gebet ausgefallen“,  sagt Koordinatorin Christa Kuhl. Am 29. Juni feiert die Initiative mit dem hannoverschen Landesbischof Ralf Meister als Gast ihren Jahrestag der Beharrlichkeit.

„Das Gorlebener Gebet ist ein hoffnungsweckendes Beispiel dafür, wie widerständig der christliche Glaube sein kann“, sagt der evangelische Bischof. Längst ist die Initiative in der Kirche anerkannt. In den Anfangsjahren allerdings wurde sie mit Misstrauen betrachtet, denn im Wald predigen nicht nur Theologen. Mal spricht ein Ehepaar im Wechsel, dann wieder gestaltet ein Studentenchor die Andacht. Muslimische Frauen haben schon Friedenstexte aus dem Koran vorgelesen.

Seit 1989 werden die „Gorlebener Gebete“ regelmäßig gefeiert. Doch ihre Geschichte reicht weiter zurück und ist eng verknüpft mit dem Streit um die Atomkraft in Deutschland. 1985 haben Atomkraftgegner erstmals ein Holzkreuz nach Gorleben getragen. Auseinandersetzungen mit den Behörden und mit Kirchenvertretern begleiteten seinen Weg vom Kraftwerk Krümmel bei Hamburg ins Wendland.

1988 beteiligten sich rund 6.000 Menschen an einem Protestmarsch vom bayerischen Wackersdorf nach Gorleben. Brüchig geworden steht das Kreuz von damals noch dort, angelehnt an einen Baum. Auch die anderen Kreuze wurden bei „Kreuzwegen für die Schöpfung“ in den Wald geschleppt - 2001 etwa von Lüneburg entlang der letzten Etappe der Castor-Transporte aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague ins Gorlebener Zwischenlager.

Die Atommüll-Halle, in der 113 Behälter mit Kernbrennstoffen lagern, liegt kaum einen halben Kilometer vom Andachtsort entfernt. Zuletzt rollten im November 2011 Castoren nach Gorleben, begleitet von Massenprotesten. Mit ihnen stieg auch die Besucherzahl der Gorlebener Gebete oft auf mehr als 150 an. Aber selbst jetzt, nachdem die Politik einen Neustart für die Suche nach einem atomaren Endlager angekündigt hat, kommen Kuhl zufolge rund 30 Menschen jede Woche - so auch an diesem Tag.

„Es wird keine objektiven Kriterien für ein Endlager geben, solange Gorleben in die Suche einbezogen ist und in den Köpfen spukt“, sagt Elisabeth Hafner-Reckers. Doch nicht nur für eine politische Umkehr mit Blick auf Gorleben beten die Frauen und Männer. „Wir bitten um Frieden und Hilfe gegen den Hunger in der Welt“, ergänzt Christa Kuhl: „Es geht um Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.“

Die ungezwungene Atmosphäre unter freiem Himmel zieht auch Menschen an, die sonst in keine Kirche gehen. „Für mich ist das hier die Gemeinde“, sagt Ruth Meiners aus Salzwedel. Seit 15 Jahren kommt sie hierher. Mittlerweile ist sie 84 und hat einen bequemen Klappstuhl dabei. „Wenn Gorleben bei der Endlagersuche rausfällt, treffen wir uns aus anderen Anlässen“, sagt sie. Doch die Skepsis überwiegt: „Wir glauben nicht daran.“

Karen Miether, epd

Mit dabei sein

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Logo Gorlebener Gebet

Das Gorlebener Gebet am 29. Juni mit Landesbischof Ralf Meister beginnt um 14 Uhr.

Bereits ab 11 Uhr rufen Initiativen zu einem Widerstands-Marathon rund um das geplante Endlager Gorleben auf.

Weitere Informationen

Kirche und Atomkraft

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Widerstand gegen Atomkraftwerke, Bild: Jens Schulze

Mit Fragen der Atomkraft setzt sich die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers seit vielen Jahren auseinander: Die Situation in Gorleben und bei der Asse fordert die Menschen in Niedersachsen heraus.

Positionen „Atomkraft“

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