2014_06_15

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Die Dreieinigkeit

Tagesthema 14. Juni 2014

Geheimnisvolle Trinität

Die Lehre vom dreieinigen Gott ist der Schlüssel zu einem Verständnis Gottes 

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Farbig bemaltes Relief aus Stein mit der Darstellung der Dreieinigkeit. Bild: epd-Bild

„Gott ist Gott!“ – Deshalb lässt sich, genau genommen, gar nichts über Gott sagen. „Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten ... Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge.“ So heißt es in dem schönen Gesangbuchlied von Gerhard Tersteegen.

Aus dieser Schwierigkeit, dass wir weder im Lob noch in der Skepsis wissen, wie wir klar über Gott reden sollen, führt uns die Lehre von der Trinität heraus. Die Lehre von der Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit spricht von dem lebendigen Gott, der sich offenbart hat und offenbart.

Die Lehre vom dreieinigen Gott hat höchste Bedeutung für den christlichen Glauben, obwohl sie schwer verständlich erscheint und in vieler Hinsicht anstößig wirkt. Die wichtigsten christlichen Bekenntnisse konzentrieren sich auf den dreieinigen Gott. Die kirchlichen Gottesdienste beginnen, wenn sie seriös beginnen, „Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Kirchliche Liturgien rufen den dreieinigen Gott an und verherrlichen ihn.

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Darstellung der Dreieinigkeit in der Kirche Sant'Antonio Abate in Castelsardo auf Sardinien. Bild: epd-Bild  

Ein Sonntag im Jahr wird „Tag der Heiligen Dreifaltigkeit“ (Trinitatis) genannt, und ihm folgen nicht weniger als 18 Sonntage „nach Trinitatis“, während sich der Advent mit vier Sonntagen und Ostern mit sechs Sonntagen „nach Ostern“ begnügen müssen. Die Trinität hat höchste Bedeutung für den christlichen Glauben und die christliche Kirche. Warum?

Das Christentum rechnet sich unter die monotheistischen Religionen, d. h. unter die Religionen, die nicht an viele Götter, sondern an den einen Gott glauben. Widerspricht dem nicht die kirchliche Trinitätslehre, vertritt sie nicht einen „Tritheismus“, die Anbetung dreier Götter? Dieser Vorwurf wird oft sowohl von anderen monotheistischen Religionen als auch vom säkularen gesunden Menschenverstand erhoben.

Diesem Vorwurf kann der christliche Glaube gelassen entgegenhalten: Wir glauben an einen lebendigen Gott, der sich in einer differenzierten Einheit zu erkennen gibt. Wir glauben an einen Gott, der sich offenbart hat und immer wieder neu offenbart. Auch die anderen Religionen können ohne eine Differenzierung in Gott gar nicht von einer Offenbarung Gottes sprechen.

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Deckenrelief mit Strahlendreieck und Krone. Bild: epd-Bild

Gott tritt ein in die Welt, gibt sich in der Welt und vor Menschen zu erkennen und wirkt unter ihnen und an ihnen. Damit aber macht Gott sich verwechselbar mit Weltlichem und mit Irdischem. Der Glaube an den dreieinigen Gott erkennt und bekennt, dass Gott Gott bleibt, auch in seiner Offenbarung, auch in seiner Selbstmitteilung an die Schöpfung und an die Menschen.

Dem Glauben an den dreieinigen Gott liegt die Erkenntnis zugrunde, die sich schon in der frühesten Kirche seit den vierziger Jahren des ersten Jahrhunderts festigt und in fast allen Schriften des Neuen Testaments greifbar wird, auch wenn das Neue Testament keine formelle Trinitätslehre entwickelt. Diese Erkenntnis lautet: In Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, sind „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ offenbart (1. Korinther 1,24). Sie sind so offenbart, dass Jesus Christus selbst als Gott und „Herr“ (kyrios) anzubeten und zu verherrlichen ist. Die frühen Christen werden als diejenigen bezeichnet, „die den Namen des Herrn anrufen“ (Apostelgeschichte 9,14 u.ö.).

Gott hat sich nicht nur in der irdischen und sterblichen Menschheit Jesu Christi – von der Krippe bis zum Kreuz – geoffenbart. Jesus Christus ist auch „Gott von Gott“, ewig, vor allen Zeiten lebend und in der Schöpfung und Neuschöpfung am Werk (Kolosser 1,15ff; Hebräer 1,2f; Johannes 1,1ff). Dies aber kann nur verstanden werden, wenn Jesus Christus in der Kraft seines Geistes erfasst wird. Jesus Christus ist mit Gott dem Schöpfer, den er seinen Vater nennt, in der Kraft des Heiligen Geistes vereint und verbunden. Durch die Macht und in der Macht des Heiligen Geistes regiert, erneuert, rettet und erhebt der dreieinige Gott die Menschheit und die Schöpfung.

In der Kraft des Heiligen Geistes nimmt Jesus Christus Menschen in sein eigenes Leben auf, ist er in ihnen und unter ihnen wirksam. In zahllosen Taten der Liebe, der Barmherzigkeit und der Vergebung, in Wahrheit und Gerechtigkeit suchenden Gemeinschaften innerhalb und außerhalb der Kirchen und natürlich auch im geistlichen Leben, vom persönlichen Gebet bis zu den größten Gottesdiensten, ist sein Geist in dieser Welt schöpferisch am Werk.

Wer die differenzierte Einheit Gottes, wer die Lebendigkeit Gottes, wer die Offenbarung Gottes auf einen bloßen Gottesgedanken reduziert oder auf eine unfassbare Größe, über die sich nichts sagen lässt, der zerstört den christlichen Glauben. Auch die anderen monotheistischen Religionen sollten deutlich machen, dass ihr Gott keine Monade ist, kein bloßer letzter Bezugspunkt. Sie sollten deutlich machen, auf welche Weise sie die differenzierte Einheit, die Lebendigkeit und die Offenbarung ihres Gottes denken und bezeugen.

Bloße Gottesgedanken oder religiöse Leerstellen sind geistlich trostlos. Die Lehre vom dreieinigen oder dreifaltigen Gott dagegen tröstet uns, sie stärkt den Glauben und gibt Zuversicht im Leben und im Sterben. Denn sie zeigt auf vielfältige Weise, dass und wie Gott unter den Menschen schöpferisch, rettend und erhebend wirkt.

Von Michael Welker, Seniorprofessor und Direktor des Forschungszentrums Internationale und Interdisziplinäre Theologie an der Universität Heidelberg (erschienen in der Evangelischen Zeitung)

Über Michael Welker

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Michael Welker. Bild: epd-Bild

Michael Welker wurde in der Evangelischen Kirche der Pfalz ordiniert. 1973 wurde er im Fach Systematische Theologie in Tübingen promoviert (Moltmann); 1978 in der Philosophie in Heidelberg (Henrich). 1980 habilitierte er sich in Tübingen mit einer Arbeit über A. N. Whitehead und die Prozessphilosophie. In Tübingen lehrte er als Professor von 1983 bis 1987 Systematische Theologie. Von 1987 bis 1991 hatte er den Lehrstuhl für Reformierte Theologie in Münster inne, von 1991 bis 2013 den Lehrstuhl für Systematische Theologie/Dogmatik in Heidelberg. Seit seiner Emeritierung ist er als Seniorprofessor für Systematische Theologie in Heidelberg tätig.

Welker ist Autor und Herausgeber zahlreicher theologischer Werke.

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