2014_06_13_schmal

Bild: epd-Bild/ Jens Schulze

Wie Menschen in Friedland leben

Tagesthema 12. Juni 2014

Syrische Flüchtlinge – zwei FSJlerinnen besuchten das Grenzdurchgangslager

Es ist 8:26 Uhr, als wir in den ICE einsteigen. Die Reise führt uns nach Friedland in das Grenzdurchgangslager. Zunächst treffen wir den Standortleiter Heinrich Hörnschemeyer. Er nimmt sich die Zeit, um uns alles Wichtige über das Lager zu erzählen. Danach haben wir einen Termin bei Martin Steinberg, Pastor im Lager Friedland, der uns das Gelände zeigen wird. Wir sind gespannt: Wie sieht wohl ein Flüchtlingslager aus? Liegt es abgegrenzt vom restlichen Dorf Friedlands? Können sich die Flüchtlinge frei im Dorf bewegen?

Nach einem ersten Rundgang haben sich unsere Fragen schnell geklärt. Das Gelände des Grenzdurchgangslagers ist weitaus zentraler im Dorf angesiedelt als gedacht. Die Dorfbewohner in Friedland leben praktisch Tür an Tür mit den Flüchtlingen. Ob es hier Einheimische gibt, die dagegen protestieren? Aus vorherigen Terminen in Flüchtlingsheimen sind wir auf Proteste von umliegenden Bewohnern aufmerksam gemacht worden. Wir waren uns ziemlich sicher, dass dies auch in Friedland so sein würde. Aber nein, hier sei das anders, erklärt Lagerpastor Steinberg: „Die Menschen leben friedlich beisammen – ohne Vorurteile, Beschimpfungen oder Ablehnung.“

In Friedland gibt es einen Kindergarten und Kurse, die Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren auf die Schule vorbereiten. Dort lernen sie das Alphabet auf ganz spielerische Weise, zum Beispiel rappend oder singend. Und das macht den Schülern sichtlich Spaß. „Sie haben viel Freude daran, Neues zu lernen“, erklärt uns eine der Lehrerinnen. Für die Erwachsenen gibt es natürlich auch Unterricht. Es gibt Sprachkurse und sogenannte Crash-Kurse, in denen die Flüchtlinge etwas über deutsche Gesetze und Ämter, das Gesundheitssystems und die Geschichte des Landes lernen. „Den Flüchtlingen geht es hier in Friedland gut“, erläutert uns der Lagerpastor. „Sie bekommen täglich drei Mahlzeiten, ihre Wäsche wird gewaschen, die sanitären Anlagen werden gereinigt und neue Kleidung ist zu günstigen Preisen zu haben.“

Eigentlich dachten wir, dass die Flüchtlinge hier nur Second-Hand-Kleidung bekommen. Aber in Friedland gibt es einen Laden, der neuwertige Kleidungsstücke verkauft. Die Hosen, T-Shirts und Pullis sind zum Teil sogar noch original verpackt, alles ist nach Größen und Kategorien geordnet. Bezahlt wir hier mit Wertscheinen, die im Lager ausgeteilt werden. Erst finden wir gut, dass die Frauen, Kinder und Männer sich hier neue Sachen kaufen können. Doch dann fragen wir uns: Wie würden wir uns fühlen, wenn wir nur einen Laden hätten, in dem wir unsere Klamotten kaufen müssten? Egal, ob wir die Sachen mögen oder nicht.

Sollte ein Mensch in Deutschland sein Leben nicht so frei wie möglich gestalten dürfen? Die Flüchtlinge freuen sich über jede Hilfe, die sie bekommen. Doch das Leben in Friedland schränkt sie auch stark ein. Mütter können hier nicht ein einziges Mal selbst für die Familie kochen. Alle essen zu festen Zeiten in der Kantine. Außerdem gilt für die Bewohner Residenzpflicht: Die Flüchtlinge dürfen Friedland nicht verlassen. Zwei Wochen bleiben sie hier, in dem sogenannten Grenzdurchgangslager. Was dann mit ihnen geschieht, entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Ein Mitarbeiter des BAMFs nimmt während des Aufenthaltes die Daten jedes Geflüchteten auf und stellt einen vorläufigen Ausweis aus. Außerdem müssen die Flüchtlinge das Gespräch mit einem sogenannten „Entscheider“ führen. Hierbei müssen sie ihren Fluchtweg aus Syrien beschreiben und erzählen, was sie zu der Flucht getrieben hat. Sie müssen auch darlegen, warum es in ihrem Heimatland keine Zukunft mehr für sie gibt. Ein Dolmetscher hilft bei der Verständigung, aber ein Rechtsbeistand für die Flüchtlinge ist nicht dabei. Die „Entscheider“ haben eine sehr wichtige und auch schwere Aufgabe: Sie müssen sagen, ob ein Mensch in Deutschland bleiben darf oder wieder in sein Heimatland abgewiesen werden soll.

Am Ende unserer Besuche haben wir viel Neues dazugelernt. Auch Dinge, die uns sehr überrascht haben. Für uns ist es normal, quer durch Deutschland zu fahren und in den Ferien beispielsweise nach Spanien zu reisen. Wir könnten uns gar nicht vorstellen, jedes Mal einen Antrag stellen zu müssen, wenn wir unseren Stadtbezirk verlassen wollen. Denn genau das schreibt die deutsche Asylpoliktik Flüchtlingen vor. Nicht nur in Friedland, auch in der Zeit danach. Wir finden, dass die Mitarbeiter des Durchgangslagers alles Mögliche tun, um den Aufenthalt der Füchtlinge gut zu gestalten. Aber die Asyl-Gesetze schränken diese Gestaltungsfreiheit sehr ein.

Trotzdem besitzt Friedland eine harmonische Atmosphäre. Die Umgebung und das Engagement der Mitarbeiter bieten den Flüchtlingen als erste Anlaufstelle das Wichtigste, was sie zur Zeit brauche: das Gefühl von Sicherheit.

Von Jana Aumann und Lisa Ebbecke, FSJlerinnen Evangelische Zeitung

„An der Flüchtlings- und Asylpolitik in Deutschland muss noch einiges verbessert werden“ - Das aktuelle „Stichwort“ von Jana Aumann und Lisa Ebbecke

Syrische Flüchtlinge - das Thema der Woche in der EZ

Ein wenig anders ist die Ausgabe 24 der Evangelischen Zeitung: Nicht die seit Jahren erfahrenen Redakteurinnen und Redakteure hatten das Zepter in der Hand, sondern zwei junge Frauen.

Als Projekt im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahrs haben sich Lisa Ebbecke und Jana Aumann mit der Situation der syrischen Flüchtlinge bei uns in Deutschland und dem damit verbundenen Asylverfahren beschäftigt, Interviewpartner und Informanten angefragt, recherchiert und geschrieben.

Die Redaktion der Evangelischen Zeitung hat unterstützt und begleitet – und herausgekommen ist ein „Thema der Woche“, das alles hat, was diese Rubrik haben soll: Aktualität und Relevanz – jetzt trifft es hoffentlich das Interesse unserer Leserinnen und Leser.

Christof Vetter, Verleger

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Gebot der Humanität

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Kai Weber

Der erweiterte Familiennachzug ist gerecht, meint Kai Weber vom Flüchtlingsrat Niedersachsen. Ähnlich wie beim Bosnienkrieg sollte Deutschland auch beim Zuzug syrischer Famlienangehöriger großzügig sein.

Anfang Juni 2014 zählt das Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2,8 Millionen aus Syrien vertriebene Flüchtlinge. Gerade mal drei Prozent von ihnen haben seit Beginn des Konflikts in Europa Zuflucht gefunden. Die Hauptaufnahmestaaten dieser Flüchtlinge – Libanon, Jordanien, Türkei, Irak, Ägypten – sind erkennbar an ihre Grenzen gelangt. Allein der Libanon mit seinen vier Millionen Einwohnern hat etwa eine Million syrischer Flüchtlinge aufgenommen. Viele Kriegskinder gehen zwei Jahre und länger nicht mehr zu Schule. Ausbeutung und Prostitution grassieren. Die medizinische Versorgung der Geflüchteten ist nicht gesichert, nicht einmal diejenige der Kinder.

Jeden Monat werden 100.000 neue syrische Flüchtlinge registriert. Daher hat UNHCR erneut einen dringenden Appell an die Weltgemeinschaft ausgesandt: Finanzielle Hilfe allein reicht nicht mehr, die Staaten sollen auch Menschen aufnehmen. Gerade Europa kann, Europa muss mehr tun. Auch Deutschland.
Tatsächlich böte ein erweiterter Familiennachzug die Möglichkeit, mehr Syrern zu helfen und so die Aufnahmestaaten in der Region zu entlasten. Bisher wird aber nur einigen Angehörigen gut verdienender Familien der Nachzug ermöglicht. Die anderen scheitern an hohen formalen Hürden.

Nachdem das Programm zur Aufnahme eines zweiten Kontingents von 5000 Flüchtlingen in Deutschland bekannt wurde, gingen Anträge für rund 76.000 Familienangehörige an die Bundesländer. Doch nicht einmal jeder zehnte Angehörige bekommt eine Chance. Ein großzügiger Familiennachzug würde die Einreise dieser Menschen zulassen – ohne bürokratischen Kriterienkatalog, ohne finanzielle Verpflichtungserklärungen, ohne Höchstquote für Kranke.
Während des Bosnienkrieges haben über 300.000 Kriegsflüchtlinge Zuflucht in Deutschland finden können. Es wäre ein Gebot der Humanität, denjenigen die Tür zu öffnen, deren Familienangehörige unter uns leben.

Kai Weber ist Geschäftsführer des Flüchtlingsrates Niedersachsen.

„Wir freuen uns über jede und jeden“

Ein erster Blick: Es ist zwölf Uhr, und ich stehe im zentralen Speiseraum im Grenzdurchgangslager Friedland. Hier ist Platz für 600 Personen. Jetzt mögen es 400 sein. Und es ist eine bunte Mischung von Nationalitäten und Religionsgemeinschaften. Kinder, Frauen und Männer aus Pakistan, Afghanistan, Irak, Syrien, Eritrea, Somalia, Tschetschenien, Georgien und die ersten aus der Ukraine und natürlich „deutschstämmige“ Familien aus Kasachstan.

Flüchtlinge, die das volle Risiko einer Flucht mit Schleppern gegen viel Geld gewagt und gewonnen haben, beantragen in Friedland Asyl und kommen in das Asylverfahren des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

Zum Bericht von Pastor Martin Steinberg

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