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Bild: epd-Bild/ Dethard Hilbig

Anne Frank wäre 85 Jahre alt

Tagesthema 10. Juni 2014

Was Anne nicht mehr erzählen konnte

Rund 23.000 Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland werden am 12. Juni blaue Luftballons steigen lassen. Fast 60 Anne-Frank-Schulen erinnern damit an ihre Namensgeberin und senden inspiriert von ihrem berühmten Tagebuch Wünsche und Hoffnungen in den Himmel. Anne Frank (1929-1945) wurde an diesem Tag vor 85 Jahren geboren.

Auch an der niedersächsischen KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen sollen Ballons aufsteigen. Dort starb das jüdische Mädchen kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers an den Folgen von Krankheit und Entkräftung - irgendwann im März 1945, wann genau, weiß niemand. „Von Anne Franks 85. Geburtstag zu sprechen, ist schwierig“, sagt Elke von Meding. „Sie durfte ja nur 15 Jahre alt werden. Das ist eine Mahnung an uns.“

"Was machst du heute aus Anne Franks Geschichte?"

Die frühere Lehrerin Meding hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu erzählen, was Anne nicht mehr selbst erzählen konnte: wie ihre letzten Lebensmonate in Bergen-Belsen verliefen. Seit rund drei Jahrzehnten begleitet die 72-Jährige Besucher der Gedenkstätte bei Führungen auf den Spuren des Mädchens, das sich mit seiner Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus vor den deutschen Besatzern verbarg, bis die Gestapo das Versteck im August 1944 stürmte und die Bewohner deportierte.

Meding stützt sich auf die raren Zeugnisse von Überlebenden, die gemeinsam mit Anne Frank und ihrer Schwester Margot in Bergen-Belsen waren. Von Anne selbst gibt es kein Wort über diese Zeit. Ihr Tagebuch endet mit dem Eintrag vom 1. August 1944.

Kurz vor dem Jahrestag von Anne Franks Geburt sind rund 40 Menschen zu einem Rundgang zusammengekommen. Die zehnjährige Frida bleibt an der Vitrine mit einem Häftlingskleid stehen, wie es die Frauen und Mädchen oft ohne Unterwäsche tragen mussten. Die Vorstellung, wie sehr Anne gefroren haben mag, kommt ihr dabei ganz nah. „Die Männer hatten viel mehr anzuziehen“, sagt sie leise: „Die hatten wenigstens noch Hosen.“

Als Anne und Margot Frank im Spätherbst 1944 von Auschwitz nach Bergen-Belsen deportiert wurden, war das Lager längst völlig überfüllt. Auf sich gestellt und ohne ihre Eltern gelangten sie an einen Ort des Todes, wo Hunger, Durst und schlimmste hygienische Bedingungen herrschten. Schlafen mussten sie mit vielen zusammengepfercht in einem ehemaligen Schützenzelt ohne Boden, wie Meding berichtet.

Dass ihr Vater noch lebte, ahnten die Mädchen nicht, liest Meding aus den Erinnerungen von Hannah-Elisabeth Pick-Goslar vor. Die ebenfalls inhaftierte Nachbarin aus der Zeit in Amsterdam konnte in Bergen-Belsen nur über einen Stacheldraht hinweg mit Anne sprechen. „Das war nicht dieselbe Anne, die ich gekannt habe. Sie war ein gebrochenes Mädchen“, schreibt die Freundin. „Sie fing sofort an zu weinen und erzählte mir: Ich habe keine Eltern mehr.“

Während die Besuchergruppe über die Heidelandschaft der Gedenkstätte geht, trägt Meding weitere Berichte von Freundinnen und Bekannten der Schwestern vor. Sie schildern, wie beide krank wurden und entkräftet starben - erst die ältere Margot, dann Anne, die sich von da an allein auf der Welt glaubte. „Zu viert haben wir die dünnen Leichname in eine Decke gelegt und zur großen Grube gebracht“, zitiert Meding Erinnerungen von Lin Jaldati. „Mehr konnten wir nicht tun.“

Karen Miether, epd

Die Bildungsstätte Anne Frank - Historisches Lernen, Menschenrechtsbildung, Zusammenleben

„Sie war ein lustiges, vergnügtes, fantasiebegeistertes Mädchen“

Zu ihrem 13. Geburtstag bekam Anne Frank (1929-1945) ein Tagebuch geschenkt. „Ich bin so froh, dass ich Dich habe!“, endet ihr erster Eintrag. Zu diesem Zeitpunkt lebte das jüdische Mädchen mit ihrer und einer weiteren Familie bereits im Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus.

Es war das Jahr 1942, der Massenmord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und ihre Helfer hatte begonnen. Schon als 15-Jährige wurde Anne Frank von den Nazis kurz vor Kriegsende umgebracht. Vor 85 Jahren, am 12. Juni 1929, kam sie in Frankfurt am Main zur Welt.

Anne Franks Vermächtnis ist weiterhin lebendig - weiter lesen bei der Evangelischen Zeitung

„Sie ist eine von vielen“

Den symbolischen Stein mit den Lebensdaten von Margot und Anne Frank, vor dem die Besucher dann stehen, gibt es erst seit 1999. Buddy Elias, ein Cousin der Mädchen, ließ ihn aufstellen. Wo genau die Schwestern auf dem Gelände voller Massengräber begraben wurden, ist unbekannt. Im Konzentrationslager Bergen-Belsen wurden mehr als 52.000 Menschen ermordet oder starben an Hunger und Krankheiten. „Anne Frank ist eine von vielen“, sagt die Sprecherin der Gedenkstätte, Stephanie Billib.

Von vielen weiß man nicht einmal die Namen: Kurz vor der Befreiung verbrannte die SS die Häftlingsregistratur. „Mein Kollege trägt bis heute Mosaiksteine von Daten zusammen“, sagt Billib: „Dennoch kennen wir nur etwa die Hälfte der Namen aller Häftlinge.“

Anne Frank dagegen wurde durch ihr Tagebuch, das sie zwischen 1942 und 1944 in ihrem Amsterdamer Versteck führte, zu einem weltweit bekannten Symbol für die Opfer des Nationalsozialismus. Der Künstler Marc Chagall illustrierte das Deckblatt einer frühen Ausgabe. Es zeigt ein Mädchen mit einer Taube. Meding hält es zum Schluss ihrer Führung hoch: „Anne Frank hat mit ihrem Tagebuch an uns heute noch eine Friedensbotschaft“, sagt sie.

„Ihr Schicksal darf nicht vergessen werden“, betont auch Laura Uhr, die in der KZ-Gedenkstätte ein Freiwilliges Soziales Jahr macht. Die 19-Jährige hat gemeinsam mit Stefan Matthias Pape vom Anne-Frank-Zentrum in Berlin die Ballon-Aktion „Wolkenlos“ für den 12. Juni geplant. Sie wollen es nicht bei einem Rückblick auf das Leben von Anne Frank belassen. „Wir hoffen, dass du das Andenken an die unzähligen Opfer des Holocaust aufrecht erhältst, indem du dich für eine vielfältige Gesellschaft einsetzt“, appellieren sie an die Schüler. „Deine Botschaft kann mehr als nur fliegen, lass sie wahr werden.“

Karen Miether, epd

Mehr über die Aktion „wolkenlos“ - 85 Jahre Anne Frank

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