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Zum Wohl von Mensch und Tier

Tagesthema 05. Juni 2014

Ärzte protestieren gegen Antibiotika in der Tiermast

Mit einer bundesweiten Kampagne wenden sich Humanmediziner und Tierärzte gegen den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Keime aus agrarindustriellen Anlagen, die resistent gegen Antibiotika seien, bedrohten massiv die menschliche Gesundheit, sagten die Initiatoren in Hannover.

Medikamente schlügen nicht mehr an, Antibiotika blieben wirkungslos. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) rief die Bundesregierung zum Handeln auf.

Rund 250 Ärzte, Pfleger und Pharmazeuten fordern als Erstunterzeichner eines Positionspapiers eine tiergerechte Haltung in bäuerlichen Betrieben, schärfere Kontrollen sowie Sanktionen beim Einsatz von Antibiotika in der Tiermast. Wichtige Antibiotika müssten für die Humanmedizin und die Forschung gegen multiresistente Erreger reserviert bleiben.

Ärzte versuchten oft vergeblich, das Leben und die Gesundheit immungeschwächter Patienten zu retten, sagte die Bremer Internistin Imke Lührs als verantwortliche Sprecherin der Ärzte-Initiative. Neue Antibiotika seien allerdings nicht zu erwarten. Resistente Erreger würden über die Abluft von Ställen, Gülle und Tiertransporte sowie über das Fleisch übertragen.

Besonders betroffen sind nach Angaben der Initiative Patienten mit geschwächter Abwehrkraft wie Säuglinge und alte Menschen. Aber auch Unfallopfer sowie Menschen in einer Dialyse oder Chemotherapie seien anfällig. Nach Studien sterben in der Europäischen Union jährlich rund 25.000 Menschen, weil Antibiotika nicht anschlagen.

Der Veterinär-Professor Siegfried Ueberschär warnte davor, „dass Antibiotika demnächst als Waffe gegen bakterielle Infektionen für Menschen und Tiere nicht mehr zur Verfügung stehen“ könnten. Die Massentierhaltung mit ihren negativen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft sei zunehmend „nicht mehr vereinbar mit tierärztlichen Grundsätzen“. Weil zu viele Tiere auf engstem Raum gehalten würden, seien die Landwirte gezwungen, Antibiotika einzusetzen, damit sich in den Ställen keine Krankheiten ausbreiten könnten.

In Gegenden mit einer hohen Dichte an Massenställen trügen auch die Beschäftigten von landwirtschaftlichen Betrieben oder Schlachthöfen vermehrt multiresistente Keime in sich, kritisieren die Ärzte in ihrem Positionspapier. Das Auftauwasser von Tiefkühlgeflügel oder frisches Hähnchen- und Putenfleisch seien zwischen 22 und 42 Prozent mit resistenten ESBL- oder MRSA-Keimen befallen.

76 Prozent der Schweine und 83 Prozent des Mastgeflügels erhielten Antibiotika, teilweise über ein Viertel ihrer Lebensdauer. 2011 seien den Tieren in Deutschland mehr als 1.700 Tonnen Antibiotika verabreicht worden. Einige Keime könnten die Resistenz auf andere Bakterien übertragen, das mache die Situation „brandgefährlich“. Niedersachsen sei ein Schwerpunkt der Massentierhaltung, kritisierte die Initiative.

Der BUND verlangte von der Bundesregierung wirksame Schritte gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast. Dänemark und die Niederlande hätten bereits klare Senkungsziele und Restriktionen formuliert, sagte die Agrarexpertin Reinhild Benning: „Es genügt nicht, den Antibiotika-Einsatz in Datenbanken nur zu erfassen und auf die Selbstkontrolle der Tierhalter zu setzen.“ Weitere Massenställe dürfe es nicht geben. Anwohner bestehende Anlagen müssten vor resistenten Keimen geschützt werden.

epd

Mehr über die Aktionen und Projekte vom „BUND“ gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast

Tierwohl ist untrennbar mit dem Fleischpreis verbunden

Landesbischof Ralf Meister
Landesbischof Ralf Meister. Bild: Guido Kollmeyer

Landesbischof Ralf Meister hatte im März zum Protest gegen die immer weiter sinkenden Fleischpreise bei den Discount-Märkten aufgerufen. „Der Kampf der großen Discounter in Deutschland hat direkte Auswirkungen auf die fleischverarbeitende Industrie und wird somit auch auf dem Rücken der Landwirte ausgetrage“", sagte er.  Das sei eine gefährliche Entwicklung, die zulasten des Tierwohls und der nachhaltigen Landwirtschaft gehe.

„Die Verbraucher sollten dieser Entwicklung die Rote Karte zeigen und damit demonstrieren, dass sie diesen Irrweg nicht mehr mitmachen“, sagte Meister, Ratsvorsitzender der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen Die für Herbst angekündigte Initiative „Tierwohl“, bei der die Supermärkte die Landwirte für die artgerechte Haltung von Schweinen und Hühnern besser bezahlen wollten, sei überfällig, aber ein richtiger Weg.

„Nötig ist das Bewusstsein, dass mit dem geringen Preis auch Tierwohl und Nachhaltigkeitsfragen untrennbar verbunden sind“, betonte der Bischof der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland. Zuletzt hatten Aldi und Lidl die Fleischpreise gesenkt. Meister hatte sich bereits mehrfach für das Tierwohl eingesetzt.

epd

Zum Nachlesen im Wortlaut

Schließung von Ställen

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Chritsian Meyer. Bild: Bündnis 90/ Die Grünen

Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne) hat ein striktes Vorgehen gegen einen übermäßigen Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung angekündigt. Auf Initiative Niedersachsens werde in diesem Jahr erstmals die Antibiotika-Menge pro Stall erfasst, sagte Meyer in einem Interview. „Dort wo sie zu hoch ist, werden entschiedene Maßnahmen ergriffen. Schlimmstenfalls kann es zur Stallschließung kommen“, erklärte der Minister.

Das energische Einschreiten sei notwendig, um Fleisch sicherer zu machen, sagte Meyer. Zunehmend kämen Antibiotikaresistente Keime aus der Massentierhaltung und führten zum Tod von jährlich bis zu 15.000 Menschen in Deutschland. Daher müsse der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung „massiv heruntergefahren“ werden.

Minister Meyer forderte zudem faire, kostendeckende Preise für Fleisch: „Mit weniger Schwein mehr verdienen muss das Ziel sein.“ Damit stieß er auf Kritik der niedersächsischen FDP-Fraktion. Mit seiner Forderung verabschiede sich Meyer aus der „Lebenswirklichkeit der Menschen ohne Ministergehalt“, sagte deren agrarpolitischer Sprecher Hermann Grupe: „Die allerwenigsten können es sich leisten, einfach so mehr für den Einkauf zu bezahlen.“

Meyer argumentierte hingegen, Fleisch sei derzeit in Deutschland nur künstlich billig. Die Gesellschaft zahle den Preis dafür an anderen Stellen, etwa durch Subventionen für Futterflächen und Schlachthöfe oder durch Krankheitskosten wegen antibiotikaresistenter Keime. „Billiges Fleisch ist eine Illusion.“

epd

Niedersachsen will Verbraucherschutz stärken

Melken von Kühen
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Das Land Niedersachsen will mit einer neuen unabhängigen Kommission den Verbraucherschutz stärken. Erstmals seien alle Bereiche vom gesundheitlichen Verbraucherschutz über die Lebensmittelsicherheit bis hin zum wirtschaftlichen Verbraucherschutz bei Finanzprodukten unter einem Dach vereint, sagte der Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Christian Meyer (Grüne), in Hannover bei der ersten Sitzung des Gremiums.

Die Kommission ist den Angaben zufolge beim Verbraucherschutzministerium angesiedelt und mit Vertretern aus 21 Organisationen besetzt. Dazu gehörten neben der Verbraucherzentrale unter anderem Gewerkschaften, Umweltverbände, die Landfrauen, kommunale Spitzenverbände, die Sparkassen und Vertreter der Kirchen und muslimischen Verbände.

Das Gremium soll der Landesregierung Vorschläge für einen besseren Verbraucherschutz unterbreiten, hieß es. Das Spektrum reiche von verstärkten Kontrollen von Futter- und Lebensmitteln, über erweiterte Kennzeichnungspflichten bis hin zu einer Begrenzung der Dispo-Zinsen bei Girokonten. Zusätzlich seien von der Landesregierung die Zuschüsse für die Verbraucherschutzzentralen um 50 Prozent erhöht worden.

epd

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