2014_06-08

Bild: epd-Bild

Pfingsten - ein Neuanfang

Tagesthema 07. Juni 2014

Wunsch zu Pfingsten

Keine Geburtstagswünche an die Kirche, aber viele guten Wünsche und Hoffnungen für die Christinnen und Christen: Landesbischof Ralf Meister wünscht, dass alle Christinnen und Christen die dynamische, kraftvolle, überraschende Aktivität des Heiligen Geistes spüren.

Abschied von vielen großen Hoffnungen, um neue zu gewinnen

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Landesbischof Ralf Meister. Bild: Dethard Hilbig  

„Schön wärs, noch einmal in die Welt zu reisen,
noch einmal zu flanieren in den Gassen,
noch einmal eine richtige Mahlzeit speisen,
noch einmal sich zur Liebe locken lassen“

So hat Hermann Hesse die Sehnsucht beschrieben, nach vielen Abschieden im Leben noch einmal wieder Liebgewordenes zu genießen. Aber es gibt kein Zurück, viele der Abschiede sind endgültig, ein Wiedersehen in dieser Welt ist ausgeschlossen.

Natürlich gibt es auch ein Abschiednehmen, das uns befreit und erlöst. Abschied, der notwendig und sinnvoll ist. Jeder Schüler hat einmal ausgelernt und muss vom Lehrer ins eigene Denken entlassen werden, Kinder müssen sich irgendwann vom Elternhaus lösen, damit sie ihr eigenes Leben leben können, eine ungelebte Liebe darf ein Ende finden. Ein Leben ohne Abschied wäre die Hölle des Immergleichen. Nichts würde sich wandeln, alles bliebe beständig, unbeweglich, todesstarr.

Wir kommen von Ostern und feiern heute Pfingsten. Ein Bogen zieht sich vom Abschiednehmen bis heute. Jesus schreit am Kreuz in seiner Not: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“ Die Auferstehungsbotschaft vom Ostersonntag ruft uns zu: wenn wir solche Erfahrungen der Gottverlassenheit machen, bleibt Gott der einzige, der uns durch alle Abschiede, durch alle Verlassenheit in dieser Welt begleitet. In allem Abschied hält Gott unser Leben zusammen.

„Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter dir, wie der Winter, der eben geht,“ schreibt Rilke. Das Leben nicht sehen mit dem Blick desjenigen, der das Verlorene bedauert, der dem Vergangenen hinterher trauert, der melancholisch alle vergossenen Tränen immer und immer wieder durch die Seele rinnen läßt, sondern das Leben ansehen als einen fortwährenden Neubeginn, eine Folge wunderbarer Anfänge.

Pfingsten nahmen die Jünger Abschied von vielen großen Hoffnungen, um neue zu gewinnen. Mit Pfingsten stirbt die Idee, Jesus müsse alle Zeit leiblich unter uns sein, damit wir verstehen könnten was er meint. Pfingsten nehmen wir Abschied von der Idee, alle müssten aus einem Land kommen und die gleiche Sprache sprechen, damit wir Menschen uns verstehen. Pfingsten gewinnen wir die Hoffnung, die ganze Menschheit könne sich von Gott und für Gott begeistern lassen.

Pfingsten Glasfenster
„Pfingsten ist der Durchbruch ...“, so schreibt Ralf Meister: Licht durchbricht das Pfingstfenster in des britischen Künstlers Martin Donlin in der evangelischen Pfingstkirchengemeinde in Frankfurt. Bild: epd-Bild  

Pfingsten ist der Durchbruch, dass es mehr gibt als mein kleines Leben mit Gott, mehr gibt als die kleine Gemeinschaft in unseren Gemeinden, dass keine Sprache und keine Kultur, keine Nation und keine Tradition, wie unterschiedlich sie auch immer seien, die Menschen untereinander vor Gott trennt. Pfingsten ist die Erfindung der Menschheit und der Abschied von der Apartheid.

Landesbischof Ralf Meister

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Darstellung einer Taube in der Kuppel im Berliner Dom. Bild: Rolf Zöllner / epd-Bild

Pfingsten ist nach Ostern und Weihnachten das dritte große Fest im christlichen Kirchenjahr. Die Feiertage, in diesem Jahr am 8. und 9. Juni, sind auch ein Symbol für Kreativität und Neuanfang. Den biblischen Berichten zufolge schenkt Gott seit Pfingsten seinen Geist nicht mehr einzelnen Auserwählten, sondern jedem Gläubigen. Pfingsten gilt daher vor allem als das Fest des Heiligen Geistes.

Der Name Pfingsten geht auf das griechische Wort „pentekoste“ (der fünfzigste) zurück, weil das Pfingstfest seit Ende des vierten Jahrhunderts fünfzig Tage nach Ostern gefeiert wird. In Erinnerung an die Ausgießung des Heiligen Geistes wird Pfingsten auch als „Geburtstag der Kirche“ und Beginn der weltweiten Mission verstanden.

Die Bibel schildert nach Jesu Tod am Kreuz, der Auferstehung Christi und Himmelfahrt eine neue Gemeinschaft der Jünger: „Sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen“, heißt es in der Apostelgeschichte. Auf die Pfingsterzählung des Neuen Testaments dürfte auch die Redewendung „Feuer und Flamme sein“ für „begeistert sein“ zurückgehen: Bei dem Treffen der Jünger „sah man etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden von ihnen ließ sich eine Flammenzunge nieder“, heißt es.

Petrus rief der Überlieferung zufolge die Menschen daraufhin auf, Buße zu tun und sich auf den Namen Jesu Christi taufen zu lassen. Ihm folgten laut Pfingsterzählung an dem Tag rund 3.000 Menschen. Bis zum vierten Jahrhundert wurde an Pfingsten zugleich Christi Himmelfahrt gefeiert. Erst später entwickelten sich daraus zwei eigenständige Feiertage. Im Kirchenkalender endet mit Pfingsten die österliche Festzeit.

epd

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