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Bild: epd-Bild/ Leo Drumond/Plan International

Brasilien: Favelas und Fußball

Tagesthema 05. Juni 2014

Ob die WM die Lebensbedingungen in Brasilien vebessern kann

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Bernhard Felmberg

Jeder, der Sport treibt, verbessert sein Leben, sagt Pastor Bernhard Felmberg. Man dürfe die Macht des Fußballs allerdings nicht überschätzen. Die WM 2014 mag ein Katalysator sein – mehr nicht.

Evangelische Zeitung: Herr Felmberg, was bewegt Sie, wenn Sie an die WM in Brasilien denken?

Bernhard Felmberg: Da gehen mir viele Dinge durch den Kopf und das Herz. Einerseits steht Brasilien für phantastischen Fußball und überbordende Lebensfreude. Andererseits wissen wir um die Situation vieler armer Menschen in den Favelas sowie die zügellose Gewalt, die an manchen Orten herrscht.

Brasilien hat viele Gesichter. Das wütende Gesicht der Bevölkerung ist uns in den letzten Monaten immer wieder begegnet. Millionen von Menschen sind auf die Straße gegangen. Sie haben sich gegen die mangelnde Gesundheitsfürsorge und die schlechte Schulausbildung sowie die teuren öffentlichen Verkehrsmittel zur Wehr gesetzt. Die kommende Fußballweltmeisterschaft hat diesen Protesten Aufmerksamkeit verschafft. Dies ist gut, denn dies sind grundsätzliche Schwierigkeiten in Brasilien.

EZ: Welche Chancen hat das Land, dass sich durch den Sport etwas für die Menschen verbessert?

Felmberg: Jeder, der Sport treibt, verbessert sein Leben. Man kommt in Gemeinschaft. Es verbindet einen ein Ziel. Man kommt raus aus den alltäglichen Zusammenhängen des Lebens. Fußball hat ein starkes soziales Element. Er fördert die Freude am Leben. Das hilft. Wenn man allerdings meint, dass die Fußballweltmeisterschaft wirtschaftlich auf Dauer für die Menschen ein Erfolg sein wird, dann darf man getrost einige Fragezeichen setzen.

In Südafrika war dies nicht der Fall und auch die Olympischen Spiele in Griechenland hatten keine positive nachhaltige wirtschaftliche Wirkung. Ja, eigentlich war eher das Gegenteil der Fall. Es ist wichtig, dass die grundsätzlichen sozialen Probleme gelöst werden. Die FIFA WM 2014 mag hier ein Katalysator sein – mehr nicht.

EZ: Sie sind Fan von HERTHA BSC. Mit welcher Mannschaft werden Sie mitfiebern?

Felmberg: Die blau-weißen Farben der HERTHA sind vom 12. Juni bis 13. Juli im Hintergrund. Ich hoffe, dass die deutsche Mannschaft ihrem Namen als Turniermannschaft alle Ehre macht und nach 1990 endlich wieder einmal den Pokal holt. Das wäre ein Fest.

Pastor Dr. Bernhard Felmberg ist Sportbeauftragter des Rates der EKD.

Fair Play für die Menschen in Brasilien Brot für die Welt und EKD zur WM

Andere Arbeitszeiten in der Kirche zur WM in Brasilien?

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Dr. Stephanie Springer

Angesichts der nächtlichen Übertragungen der WM-Spiele seien keine neuen Arbeitszeit-Regelungen nötig, sagt Kirchenamts-Präsidentin Stephanie Springer. Die Gestaltung der Arbeitszeiten sei ohnehin flexibel.

Evangelische Zeitung: Frau Springer, rechnen Sie anlässlich der WM mit Mitarbeitenden, die morgens noch müde sind, weil sie spät in der Nacht Fußball geschaut haben?

Stephanie Springer: Sicher fiebern Mitarbeitende des Landeskirchenamtes bei der WM mit, es gibt auch Tippgemeinschaften bei den Kolleginnen und Kollegen. Das werden die Fußballbegeisterten sportlich mit ihrem Dienst vereinbaren.

EZ: Wie wollen Sie darauf reagieren?

Springer: Da ist gar keine besondere Regelung notwendig. Über die Gleitzeit und die Möglichkeiten des Zeitausgleichs sind wir ohnehin flexibel in der Gestaltung der Arbeitszeiten. Das kann, wer möchte, auch zur WM in Anspruch nehmen.

EZ: Welche Folgen haben veränderte Arbeitszeiten?

Springer: Ich rechne nicht damit, dass die WM unsere Arbeitsabläufe beeinflusst. Vielleicht beschert sie uns ja ein neues Fußball-Sommermärchen. Allen Fans und Spielern wünsche ich ein spannendes und faires Turnier.

Die Juristin Dr. Stephanie Springer ist Präsidentin des Landeskirchenamtes der Landeskirche Hannovers.

Der „Fußball-Spielplan“ der Evangelischen Zeitung zur Weltmeisterschaft

Fußball und Christentum haben viel gemeinsam – und unterscheiden sich doch deutlich voneinander. In einem speziellen „Fußball-Spielplan“ zur Weltmeisterschaft lässt die Evangelische Zeitung die Argumente gegeneinander antreten. Pokal gegen Kelch – wer gewinnt?

1 – die Zeremonie
Ein Ball und die ganze Welt schaut hin. Wie macht der Fußball das? Er inszeniert diesen Ball, er wird feierlich hereingetragen. In einer Art Prozession ziehen die Mannschaften zur Mitte des Stadions. Es werden zwei Hymnen angestimmt. Die Zuschauer schwenken Fahnen, stimmen in Chorgesänge ein. Wie in der Liturgie gibt es eine besondere Kleidung. Es gibt auch heilige Geräte, der Pokal ist meist einem Kelch nachgebildet.
Die Vergleiche zeigen: Die Fußballreligion ist rituell, Fußball findet wie der Gottesdienst am Wochenende statt.

2 – der heilige Raum
Wie in einem Tempelbezirk oder einer Kirche ist dem Geschehen ein Raum vorbehalten, in den nur die Akteure eintreten. In den Kirchen ist es der Chorraum, er ist eben dem Chor, dem Prediger und wenigen anderen vorbehalten. Im Stadion ist der Raum durch Linien abgegrenzt. Er ist denen vorbehalten, die eine bestimmte Kleidung tragen, Spieler und Schiedsrichter. Zuschauer dürfen nicht in diesen heiligen Raum. Das Spiel wird so lange unterbrochen, bis die Zuschauer wieder aus dem zentralen Raum herausgebracht worden sind.

Den ganzen Spielplan vom Priester und Kommunikationstrainer Dr. Eckhard Bieger beim aktuellen Thema der Woche der Evangelischen Zeitung „Fußball – doch Religion?“

Vertreter der Fußball-Bundesliga lehnen das Verbot religiöser Botschaften auf T-Shirts von Spielern ab. „Man sollte respektieren, dass Spieler bei bestimmten Themen eine bestimmte Meinung haben“, sagte der Präsident des Fußball-Bundesligisten Hannover 96, Martin Kind, bei der Aufzeichnung der evangelischen Talkshow „Tacheles“ in der hannoverschen Marktkirche. Es sei ein „tolles Signal, dass sie einen Glauben haben und daraus Stärke ziehen“. Ähnlich äußerte sich der Trainer des VfL Wolfsburg, Dieter Hecking: „Das ist ein Eingriff in die Privatsphäre eines Menschen, da kann ich nur den Kopf schütteln.“

Mit Blick auf die Fußball-WM in Brasilien hatte der Weltverband FIFA im März bekräftigt, dass politische, religiöse oder persönliche Botschaften auf der Unterwäsche von Spielern verboten sind. Das betrifft etwa T-Shirts mit der Aufschrift „Jesus liebt dich“ oder „Allah ist groß“, die die Spieler unter ihren Trikots tragen. Kopftücher für Frauen oder Turbane sind hingegen erlaubt. Eine entsprechende Vorschrift gibt es bereits seit 2007, ab Juni, also rechtzeitig vor Beginn der Weltmeisterschaft am kommenden Donnerstag, sollen Verstöße aber konsequent bestraft werden.

Hecking berichtete, er habe Spieler aus Südamerika in der Kabine gefragt, warum sie vor dem Spiel beten. „Es ging niemals um den Sieg“, sagte er. „Es ging darum, Kraft zu bekommen, der Mannschaft zu helfen und darum, dass keiner verletzt wird.“ Kind wandte sich strikt dagegen, Fußball zum Religionsersatz zu machen. Die Kirche müsse „dagegenhalten“, wenn dieser Eindruck erweckt werde. Fußball sei ein Spiel.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, hob in der Diskussion die verbindende Wirkung des Fußballs hervor. „Fußball hat eine enorme Kraft, Menschen zusammenzubringen.“ Fußball verbinde Menschen über alle gesellschaftlichen Schichten und Schranken hinweg: „Es gibt wenig, worüber man wirklich mit allen reden kann.“ Fußball habe ein enormes Integrationspotenzial und könne daher für die Gesellschaft viel leisten.

Der Trainer des 1. Frauen-Fußball-Clubs Frankfurt, Colin Bell, gab zu bedenken, dass sich Menschen nach etwas Höherem sehnten als sie selbst. Mancher Fan meine da, Antworten im Fußball zu finden. Aber der Fußball könne Gott niemals ersetzen. Für den Sportchef der „Bild“-Zeitung, Walter M. Straten, bieten nur noch der Fußball und der „Tatort“-Krimi ein Lagerfeuer-Gefühl, bei dem sich alle vor dem Fernseher oder im Stadion versammelten.

Evangelische Zeitung

„Lieber verlieren, als für den Sieg beten“ - auch darüber wurde bei der letzten Tacheles-Sendung zum Thema „Zwischen Fußballhimmel und Abseitsfalle – kann der Glaube Berge versetzen?“ diskutiert

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