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Bild: 2014 Peter Eickmeyer/ epd-Bild

„Im Westen nichts Neues“

Tagesthema 01. Juni 2014

Kann man das Unfassbare des Krieges in Worte fassen? Erich Maria Remarque ist das mit „Im Westen nichts Neues“ gelungen. 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs liefert Peter Eickmeyer dazu die Zeichnungen - eindrücklich und schonungslos nah.

Zeichner setzt Grauen des Ersten Weltkriegs ins Bild

Die braun-schwarze Erde ist von unzähligen Stiefeltritten zerwühlt, das Wasser in den Bombentrichtern rotbraun verfärbt. Körper liegen grotesk verkrümmt in Gräben. Schwarze Schatten zeichnen die Gesichter. Rot sickert es aus verbundenen Beinstümpfen. Die Bilder lassen keinen Zweifel aufkommen: Hier herrscht Krieg, Erster Weltkrieg.

Der Künstler Peter Eickmeyer aus Melle bei Osnabrück hat mit schonungsloser Detail-Genauigkeit Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ illustriert.

Aus den mehr als 140 Zeichnungen ist die Graphic Novel „Im Westen nichts Neues“ mit Originaltexten von Remarque entstanden. Das Buch ist am 1. Juni im Bielefelder Splitter-Verlag erschienen. 50 großformatige Bilder daraus sind noch bis zum 20. Juli in der Ausstellung „Kein Entkommen“ im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum in Osnabrück zu sehen.

Der 1898 in Osnabrück geborene Autor Remarque berichtet vom Krieg an der Westfront aus der Sicht des jungen Soldaten Paul Bäumer. Der 19-jährige hat sich mit gleichaltrigen Kameraden freiwillig gemeldet. Doch ihr Heldenmut wird schnell zum skrupellosen, verzweifelten Überlebenskampf zwischen Schützengräben und Granatbeschuss. Das Buch solle „über eine Generation berichten, die vom Kriege zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten entkam“, schrieb Remarque in seinem Vorwort.

Der Antikriegs-Klassiker erschien erstmals 1928 und wurde in mehr als 60 Sprachen übersetzt. Remarque hat darin auch eigene Erlebnisse verarbeitet. Die Nazis verbrannten das Werk 1933 öffentlich. Da war der Autor schon in die Schweiz emigriert. Manche haben ihm angesichts des Bucherfolgs vorgeworfen, er habe beim Schreiben für „Im Westen nichts Neues“ bereits einen Film im Hinterkopf gehabt. Erstmals wurde der Roman bereits 1930 in Hollywood verfilmt. „Es ist in der Tat nicht schwer, seine Texte in Bilder umzusetzen“, sagt Eickmeyer. „Sie drängen sich quasi auf.“

Unter dem Titel „Gräben“ hat der Grafiker die Kämpfe Mann gegen Mann an der Front festgehalten. Soldaten springen über einen Graben, die Ausrüstung auf dem Rücken, Gewehre im Anschlag, mitten im Kugelhagel. Einer hat es geschafft. Im Vordergrund reißt es einem anderen den Kopf samt Helm von den Schultern. „Die Lippen sind trocken, der Kopf ist wüster als nach einer durchsoffenen Nacht“, heißt es in dem dazugestellten Remarque-Text: „In unsere durchsiebten, durchlöcherten Seelen bohrt sich quälend eindringlich das Bild der braunen Erde mit der fettigen Sonne und den zuckenden und toten Soldaten, die da liegen, als müsste es so sein.“

Eickmeyer hat akribisch für die Graphic Novel recherchiert, etwa im belgischen Ypern. Dort erinnern Friedhöfe, Museen und Gedenkstätten an den Ersten Weltkrieg. „Ich habe mich über Details etwa bei den Uniformen, Fahrzeugen und Waffen informiert.“ Gemeinsam mit seiner Frau Gaby van Borstel hat er Teile von Remarques Roman in rechteckigen Kästen in die Bilder eingeklinkt. „Insgesamt haben wir so gut ein Drittel des Ursprungstextes verwendet“, erläutert van Borstel. Auf Sprechblasen haben sie bewusst verzichtet.

In einigen der mit Gouache und Feder gefertigten Zeichnungen Eickmeyers finden sich Anklänge an berühmte Gemälde oder Fotos. Das Bild „Schreiende Pferde“ etwa nimmt Teile aus „Guernica" von Pablo Picasso auf. Nicht nur deshalb hat die Graphic Novel Eickmeyers einen eigenen künstlerischen Wert, findet der Leiter des Remarque-Friedenszentrums, Thomas Schneider. Sein Werk gehe weit über eine reine Bebilderung des Romans hinaus.

Martina Schwager, Evangelische Zeitung

Informationen zum Erich Maria Remarque-Friedenszentrum in Osnabrück

Remarque lässt die Soldaten oft in ihrer einfachen, manchmal derb-realistischen Sprache reden. Die Zeichnungen Eickmeyers benennen das Grauen ebenso schonungslos:

Da hängen Körper ohne Gliedmaßen in einem Baum, Gesichter sind von Granatsplittern entstellt. Remarque schrieb: „An den Brustwehren stehen einige Scharfschützen. Hin und wieder knallt ein Schuss: Das hat gesessen! Hast du gesehen, wie er hochsprang? Sergeant Oellrich führt in der Schussliste von heute mit drei einwandfrei festgestellten Treffern.“

Die intensive Beschäftigung mit dem Roman hat Eickmeyer dessen Botschaft noch deutlicher gemacht, „dass nämlich Krieg niemals eine Lösung sein kann“. Dennoch habe er auch die Grenzen gespürt, das unfassbare Grauen in Bilder zu fassen, sagt er: „Dem Krieg kann man sich nicht wirklich nähern.“

Martina Schwager, Evangelische Zeitung

Weitere Bilder und Informationen zur Ausstelllung „Graphic Novel“

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