2014_03_15

Bild: Budrich Verlag

Die Narben der Apartheid

Tagesthema 14. März 2014

Zwei Monate lang hatten sie sich in ein Kloster bei New York zurückgezogen. Der US-amerikanische Psychotherapeut Stephen Karakashian interviewte dort täglich Father Michael Lapsley aus Südafrika für dessen Biographie. Selbst zu schreiben fällt Lapsley schwer, denn er verlor seine Hände und ein Auge 1990 bei einem Briefbomben-Attentat. Nun stellte der anglikanische Geistliche seine Autobiographie in der Hannoverschen Kreuzkirche vor.

Father Michael Lapsley aus Südafrika stellte in der Hannoverschen Kreuzkirche seine Biografie vor

Michael Lapsley ist gebürtiger Neuseeländer. Nach seiner Priesterausbildung in Australien ging er 1973 als Missionar in das südafrikanische Durban. Das Land wurde seine neue Heimat. Hineingeworfen in die Apartheid der 70er Jahre, musste der junge Geistliche schnell lernen, dass in diesem Land zuallererst die Hautfarbe eines Menschen zählte. „Ich musste mich entscheiden, ob ich auf der Seite der Unterdrückten oder der Unterdrücker stehe“, erinnert er sich. „Ich entschied mich, die Unterdrücker zu bekämpfen.“

Als beim „Schüleraufstand“ 1976 hunderte schwarze Jugendliche erschossen wurden, setzte sich Lapsley für die Schüler ein. Die südafrikanische Regierung verwies ihn, der inzwischen Kaplan an der Uni in Durban war, daraufhin des Landes. Er ging ins Exil nach Lesotho und Simbabwe, wo er 1990 mit viel Glück den Briefbombenanschlag eines südafrikanischen Geheimdienstes (CCB) überlebte. In seiner Autobiographie erzählt Lapsley von diesem Ereignis. „Würden mich die Täter ehrlich um Vergebung bitten, ich würde sie ihnen gewähren.“

Sein eigenes Trauma verarbeitete er und hilft seitdem auch vielen anderen Menschen, ihre seelischen Erschütterungen zu überwinden. Nach seiner Rückkehr ins Land und dem Ende der dortigen Apartheid arbeitete Father Lapsley in einem Kapstadter Traumazentrum für Opfer von Gewalt und Folter. 1998 gründete er dort das „Institut zur Heilung von Erinnerungen“, das er bis heute leitet. Der schlimmste Schaden der Apartheid sei aber spiritueller Natur gewesen: „Farbige begannen zu glauben, dass sie tatsächlich weniger wert seien als Weiße.“

Rassismus ist immer noch ein großes Problem in Südafrika, sagte Lapsley. Die Gesetze und die Verfassung zu ändern sei leicht gewesen, aber die Gesellschaft war nach 1994 dieselbe wie vorher. „Ich könnte ihnen eine ganze Nacht lang erzählen, was wir seitdem alles erreicht haben“, erläuterte der anglikanische Priester. „Aber ich könnte ihnen genauso lange erzählen, welche Probleme noch vor uns liegen.“ Südafrika sei heute eine der ungleichsten Gesellschaften der Welt. „Das trägt nicht gerade zum Frieden bei.“

Nach dem zweimonatigen Treffen in den USA schrieb Mitautor Karakashian das Gehörte auf. Als die Texte fertig waren, trafen sich beide erneut. Lapsley ging mit Karakashian das Buch einen Monat lang Wort für Wort durch. „Das war nötig. Es ist ja meine Geschichte meines Lebens.“ 2012 erschien dann seine „südafrikanische Biografie“.

Die deutsche Auflage stellt Lapsley nun hierzulande vor. Fünf Tage reist er durch das Land - immer mit dabei Barbara Budrich, in deren Verlag das Buch erschien. Sie übersetzt für Lapsley. Bei der Buchvorstellung in Hannover nahm ihr diese Aufgabe aber Helmut Grimmsmann ab. Er ist stellvertretender Direktor des Ev.-luth. Missionswerkes in Niedersachsen, das Lapsley zusammen mit der Landeskirche nach Hannover eingeladen hatte.

„Das Buch soll anderen Menschen nützlich sein“, sagte Lapsley. „Es ist ein Buch über jemanden, der eine Entscheidung treffen muss.“ Darin kommen aber auch weiße Südafrikaner und ihr Umgang mit Schuld und Scham vor. Diese Verarbeitungsprozesse seien ähnlich denen der Deutschen nach der Judenvernichtung. Überhaupt soll Lapsleys Buch vorrangig eine Heilungsgeschichte sein. „Heilung ist harte Arbeit, aber mit Gottes Hilfe ist sie möglich.“

Stefan Korinth, Evangelische Zeitung

Die Geschichte von Michael Lapsley

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Südafrikanischer Freiheitskämpfer

Foto_Lapsley in Luxembourg 2013
Michael Lapsley. Bild: Budrich Verlag

Durch eine Briefbombe des Geheimdienstes verlor er beide Hände und ein Auge: Der anglikanische Pater und Menschenrechtler Michael Lapsley (74) wurde in Südafrika zu einer Symbolfigur des Kampfs gegen die Rassentrennung. Jetzt ist seine Biografie „Mit den Narben der Apartheid“ in deutscher Sprache erschienen. Am Dienstagabend stellte er sie auf Einladung des Evangelisch-lutherischen Missionswerks in Niedersachsen und der hannoverschen Landeskirche in Hannover vor.

Der gebürtige Neuseeländer kam 1973 während seines Studiums ins südafrikanische Durban und wurde dort Kaplan. Drei Jahre später begann er sich während der „Schülerunruhen“ für demonstrierende Kinder einzusetzen und wurde des Landes verwiesen. Aus dem Exil in Lesotho und Simbabwe kämpfte er nach Angaben des Missionswerks weiter für ein Südafrika ohne Rassenschranken. 1990, drei Monate nach der Freilassung von Nelson Mandela, habe ihm der südafrikanische Geheimdienst die Briefbombe geschickt.

Nach seiner Genesung kehrte er 1992 zurück nach Kapstadt und begann, in einem Traumazentrum für Opfer von Gewalt und Folter sowie für die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission zu arbeiten. 1998 gründete er das „Institut zur Heilung von Erinnerungen“, das er seither als Direktor leitet. Dort können Menschen Hilfe finden, die durch Gewalt und Terror traumatisiert sind.

Lapsley wurde von Universitäten in Südafrika, Australien und England mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet und erhielt weitere Ehrentitel. In Ghana trägt eine entwicklungspolitische Stiftung seinen Namen. Seine Biografie biete Inspiration für Menschen, die politischer und individueller Gewalt und Ungerechtigkeit ausgesetzt seien, hieß es. Das Vorwort schrieb der frühere anglikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu

epd

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