2014_03_08_1

Bild: Jens Schulze

Tänzer ohne „Beißhemmung“ im Gotteshaus

Tagesthema 07. März 2014

Gefühle und Begriffe lassen sich in Bewegung ausdrücken. Und das passt überraschend gut in eine Kirche. Den Beweis dafür trat am Aschermittwoch das Ballett des Stadttheaters Bremerhaven in der Pauluskirche an. Zu Liedern aus 2000 Jahren und Textfragmenten bewegten sich die fünf Tänzerinnen und vier Tänzer so beredt, dass auch eine wortgewaltige Predigt kaum eindrücklicher hätte sein können.

Mit dem „Aschermittwoch der Künste“ wird in der Bremerhavener Pauluskirche die erste Kulturkirche der Landeskirche eröffnet

Es war nur anfangs ungewohnt, die jungen Körper durch das Gotteshaus wirbeln zu sehen. Mal spielerisch, dann wieder kraftvoll. Eben noch athletisch, jetzt wieder graziös. Hier feengleich schwebend, dort sich lasziv windend – in ungeahnter Bewegungsvielfalt und mit wechselnden Tempi prägte das Ballett die Gedanken der Zuschauer, die mit diesem „Aschermittwoch der Künste“ zugleich die Eröffnung der ersten Kulturkirche in der hannoverschen Landeskirche miterlebten. In dem Programm „Songs“, das sonst auf der Theaterbühne ausgeführt wird, interpretierte die Harmonie der Körper die Harmonie der Melodien und Texte aus- und eindrucksvoll.

Vier Kulturkirchen leistet sich die Landeskirche Hannovers, je eine in Hannover, Hildesheim, Emden und eben Bremerhaven. Jede setzt einen anderen Schwerpunkt: In Hannovers Markuskirche ist es die Musik, in der Jakobikirche Hildesheim die Literatur, in der Emder Martin-Luther-Kirche ist es die bildende Kunst, in der Pauluskirche Bremerhaven eben die darstellende Kunst. 800 000 Euro steuern die Landeskirche und die kirchliche Hanns-Lilje-Stiftung bis 2017 zu den Programmen in diesen Kirchen bei, weitere 400 000 Euro sollen für Kulturprojekte in anderen Kirchen fließen.

Jede Kirche, so betonte zu Beginn der Aschermittwochs-Veranstaltung Professor Christoph Dahling-Sander, der Sekretär der Hanns-Lilje-Stiftung, sei Ausdruck christlicher Kultur. „Sie erzählen vom Glauben; schon dadurch sind sie Kulturträger.“

Die vier Kulturkirchen – und andere, die sich ebenfalls einen kulturellen Schwerpunkt geben wollten – öffneten sich zusätzlich der zeitgenössischen Kunst „und werden dadurch hoffentlich eine bereichernde Antwort für das eigene Leben geben.“ Nicht einen „Tanz ums goldene Kalb“ sollte die Ballettaufführung werden, sondern etwas strukturell Neues. Denn alle Kulturkirchen haben sich geöffnet und kooperieren mit anderen Kulturträgern ihrer Stadt.

Geradezu mit einem Kopfschütteln beantwortete der Choreograph des Bremerhavener Stadttheaters, Sergei Vanaev, die Frage der landeskirchlichen Kulturbeauftragten Julia Helmke, woher er seine Inspirationen nehme: „Man kann und darf über Tanz nicht reden. Tanz ist selbst eine Kommunikationsfom, die nicht übersetzt werden muss.“

Und ähnlich wie in der Kirche gelte, „man hat eine Message und lässt sie wirken.“ Er sei überzeugt davon, dass in jedem Menschen ein guter Kern stecke. Und wenn der Tanz gut sei, erreiche er diesen Kern. „Ich denke, das macht die Kirche auch nicht anders.“ Dahinter stecke eben viel Intuition.

Das Gebäude der Kirche erlebe er wie ein riesiges Megaphon oder Verstärker, erklärte Vanaev weiter; er sei sehr beeindruckt. Wie ein gelungenes Bühnenbild könne das Gotteshaus an sich etwas Gutes bewirken. „Ähnliches möchte ich mit meinen Stücken erreichen.“

Ähnlich drückte es der Intendant des Stadttheaters, Ulrich Mokrusch, im Gespräch mit Landesbischof Ralf Meister aus. Er sei überrascht, wie sehr der Assoziationsrahmen durch die Kirche verändere. Der Tanz wirke hier ganz anders als auf der Bühne. Gleichzeitig gebe es Ähnlichkeiten, und es sei beeindruckend zu sehen, wie sich scheinbar Gegensätzliches begegne: Gregorianik auf der Bühne oder Opern in der Kirche.

Diese Begegnung sei aber gar nicht so einfach wegen der „Konfrontation mit Wertebildern“, sagte Mokrusch. Er und die Künstler hätten schon eine gewisse „Beißhemmung“ gespürt: „Wir können hier nicht alles machen.“ Aber das sei ein guter Widerstand. Der Intendant kündigte an, in der kommenden Spielzeit den Glauben zum Thema zu machen. Aber auch da habe es eine typische Reaktion der Schauspieler gegeben: „Aber, um Gottes Willen, nicht in der Kirche!“ Gleichwohl schrecke sie keine „Heiligkeit“ der Kirche, aber sie hätten großen Respekt.

Es gebe jedoch nicht nur Widerstände, meinte Bischof Meister, sondern ja wohl auch Inspiration. Das bestätigte der Intendant, sagte aber auch, dass der Glaube schon etwas sehr Intensives sei, fast schon intim, und damit schwerer zu thematisieren als etwa Sexualität von Schwerbehinderten. Bischof Meister bestätigte, dass er das gerade miterlebten Ballett als sehr intim empfunden habe und es ihn geradezu beschäme, dass der Tanz Gefühle so eindrucksvoll wiedergebe, wofür er viele Worte brauche.

Schließlich wollte der Intendant vom Landesbischof wissen, warum Kirche so körperlos sei. Ralf Meister warf einen Blick zurück in die Anfänge des Christentums; schon dort habe es die Frage gegeben, wie der göttliche Geist mit dem irdischen Körper zusammengehe. Bis ins 20. Jahrhundert hinein habe die Meinung vorgeherrscht, dass dieses eben nicht zusammenpasse, erst dann sei die Leibfeindlichkeit mehr und mehr überwunden worden. „Nur einmal im Jahr, am Heiligabend, lassen wir Theater im Gottesdienst zu: das Krippenspiel“. Und besonders die evangelische Kirche, die von der Dominanz des Wortes geprägt sei, könne das Göttliche eben nicht mit körperlicher Erfahrung, sondern nur vom Verstand her nachvollziehen.

Schon zum 16. Mal hatte die Landeskirche zu einem „Aschermittwoch der Künste“ eingeladen, „aber noch nie zu einem „mit dem Bewegtsein, Bewegtwerden, in Bewegung sein“, hatte Julia Helmke bei ihrer Begrüßung gesagt.

Sie stellte die Frage, ob der Tanz, der grundsätzlich sinnlich sei, in die Kirche gehöre. Diese Frage sei sehr alt und immer noch umstritten. „Tanz entgrenzt, Tanz stellt die Körperlichkeit in die Mitte“, sagte die Kulturbeauftragte. „Wird damit nicht etwas anderem als Gott gehuldigt, lenkt der Tanz ab, ist er gar blasphemisch oder loben wir gerade dadurch Gott? Was wird beim Tanzen bewegt, in uns, im eigenen Körper?“

Mit einem Augenzwinkern berichtete Julia Helmke von bangen Fragen einiger Gäste: Muss ich dann da etwa selbst tanzen? Nein, sie mussten nicht, blieben gleichwohl nicht unbewegt. Die Erfahrung, die aus der Balletaufführung in der Pauluskirche in die ganze Landeskirche ausstrahlt, dürfte neue Sichtweisen öffnen. Von Leibfeindlichkeit war bei diesem Publikum jedenfalls nichts zu spüren. Es geizte nicht mit anhaltendem Beifall. Und viele versprachen beim Hinausgehen, sich am nachfolgenden Sonntag die gesamte „Songs“-Aufführung in der neuen Kulturkirche anzuschauen.

Michael Eberstein, Chefredakteur Evangelische Zeitung

„Für den lebendigen Gott“

Mit dem Aschermittwoch beginnt jedes Jahr die rund 40-tägige Fasten- oder Passionszeit vor Ostern. Der Verzicht auf Speisen und Getränke wie Fleisch und Wein oder auch auf den Fernsehkonsum gilt als Symbol der Buße und der spirituellen Erneuerung. In den sieben Wochen vor dem Osterfest nehmen sich viele Christen zudem mehr Zeit für Ruhe, Besinnung und Gebet, um sich selbst und Gott näherzukommen.

Tagesthema „Aschermittwoch und Passionszeit“

Nachdenken über ein zukunftsfähiges Miteinander

„Der Aschermittwoch beschäftigt sich immer auch mit dem Nachdenken von Kirche und kulturellen Institutionen über ein zukunftsfähiges Miteinander in Stadt und Land. Mit dem landeskirchlichen Kunstempfang nehmen wir gern innovative Kulturdialoge und Projekte auf. Es ist schön, ihn in diesem Jahr in der Bremerhavener Pauluskirche zu feiern. Sie ist eine der vier profilierten Kulturkirchen unserer Landeskirche und wird bis 2017 aus dem ‚Fonds Kulturarbeit in Kirchen – Kulturkirchen’ gefördert“, erklärte die landeskirchliche Kulturbeauftragte im Haus kirchlicher Dienste, Julia Helmke.

Mehr über den „Aschermittwoch der Künst“ auf Kunstinfo.net

Religiöse Momente im Tanz

Der Tanz kann nach Auffassung des hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister geradezu religiöse Erfahrungen auslösen. „Der Tanz geht weit über gegenständliche Welterfahrung hinaus“, sagte Meister zum diesjährigen „Aschermittwoch der Künste“, den die hannoversche Landeskirche Anfang März 2014 in Bremerhaven feierte.

Er drücke Stimmungen aus und erzähle Geschichten ohne einen einzigen gesprochenen Satz. Der Tanz lasse ein neues Raumempfinden entstehen: „Das kann geradezu religiöse Momente auslösen.“

Zum jährlichen Kunstempfang der Landeskirche stellte das Stadttheater Bremerhaven unter der Leitung seines Chefchoreographen Sergei Vanaev Teile der Ballettchoreographie „Songs“ in der Bremerhavener Pauluskirche vor.

Im Anschluss diskutierten Meister und Theaterintendant Ulrich Mokrusch darüber, was Theater und Kirche verbindet und welchen Wert Unterhaltung und Kultur für die Gesellschaft haben.

Die Bremerhavener Pauluskirche ist eine von vier herausgehobenen Kulturkirchen der hannoverschen Landeskirche, die bis 2017 mit insgesamt 800.000 Euro gefördert werden. Durch die Initiative soll der Dialog von Kirche und Theologie mit zeitgenössischer Kunst und Kultur ausgebaut werden.

Die Pauluskirche wird mit der Tanzchoreographie offiziell als Kulturkirche eröffnet. Sie begleitet den Angaben zufolge den Strukturwandel der Region bereits durch eine engagierte Kulturarbeit. Dort sind unter anderem ein Theaterprojekt mit der Gruppe „Das letzte Kleinod“ zur Geschichte der Arbeitskämpfe in Bremerhaven sowie eine Begegnung von Theologen und „Poetry-Slammern“ geplant.

Bereits am 9. März soll die Ballettchoreographie „Songs“ komplett in der Pauluskirche gezeigt werden.

epd

Immer informiert sein

kopf_tt_4

Um aktiv Kirche mitgestalten zu können, braucht es Information: Wenn Sie per E-Mail auf das Tagesthema der landeskirchlichen Internetseite und weitere aktuelle Angebote auf kirchlichen Internetseiten hingewiesen werden möchten, abonnieren Sie „Tagesthema plus“.

„Tagesthema plus“ abonnieren

Wir sind evangelisch