2014_02_22

Bild: Jens Schulze

Aus eins mach viele

Tagesthema 22. Februar 2014

Luther, Zwingli und Calvin sind angetreten, um die Kirche zu reformieren, aber sie haben sie nicht nur reformiert, sondern auch pluralisiert. Als Folge der Reformation verlor die abendländische Christenheit ihre Einheit, was römisch-katholische Mitchristen bis heute bedauern, ja beklagen. Aber es wurde dem römisch-katholischen Kirchenmodell nicht nur eine evangelische Kirche gegenübergestellt, sondern gleich mehrere unterschiedliche evangelische Kirchen, die sich überdies untereinander bekämpften. Wie konnte es dazu kommen?

Die Reformation brachte eine Reform

Im Jahre 1520 entfaltete Luther in seiner Adels- und in seiner Freiheitsschrift die Lehre vom allgemeinen Priestertum. Mit ihr wollte er den Obrigkeiten zeigen, dass sie das Recht hatten, die Kirchenreform in ihre Hände zu nehmen. Und mit ihr wollte er jedem einzelnen Gläubigen zeigen, dass er keine Mittler brauchte, weder Heilige noch Priester, sondern das Recht habe, selbst vor Gott zu treten und ihn anzurufen und ihn zu bitten. Auch das Recht und die Kompetenz, die Bibel zu lesen und auszulegen, billigte Luther jedem einzelnen Christen zu, jedem Gelehrten und jedem Bauer, jedem Mann und jeder Frau.

Die Geister, die Luther damit 1520 rief, wurde er nicht wieder los. Schon 1521/22, als Luther auf der Wartburg weilte, gingen seine Anhänger in Wittenberg verschiedene Wege. Sein Professorenkollege Karlstadt wollte sichtbare Veränderungen, relativierte aber auch die Bedeutung der Sakramente und sah sie als bloß äußerliche Handlungen an. Als Luther von der Wartburg zurückkehrte, überwarf er sich mit Karlstadt, und noch deutlicher überwarf er sich wenig später mit Thomas Müntzer, der glaubte, direkte göttliche Eingebungen empfangen zu haben und überdies gewaltsam gegen die alte Kirche vorgehen wollte.

Die Reformation pluralisierte sich schon in ihren ersten Jahren. 1530 beim Augsburger Reichstag, wurde nicht ein, sondern drei evangelische Bekenntnisse vorgelegt. Das war eine Folge des Streits zwischen Luther und Zwingli um das Verständnis des Abendmahls, der 1524 begonnen hatte. Es formierten sich zwei große Lager, die die konfessionelle Struktur des Protestantismus bis heute kennzeichnen: das Luthertum und das Reformiertentum oder der Calvinismus. 

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Hankrat-Abendmahlskelch von 1504. Bild: epd-Bild  

Doch neben diesen beiden großen Lagern formierten sich auch Täufer und Schwenkfelder und Sozinianer und bildeten eigene, kleinere Kirchen. Im 17. Jahrhundert kamen die Baptisten hinzu, im 18. Jahrhundert die Methodisten, im 19. Jahrhundert die Adventisten und im 20. Jahrhundert die Pfingstler, um nur die wichtigsten kirchlichen Strömungen im Protestantismus zu nennen. Die vielen, vielen kleineren neueren und neuesten Kirchenbildungen lassen sich gar nicht aufzählen. Niemand kann sie mehr überblicken.

So lange Luther lebte, konnte er mit seinem Charisma und mit seinen Argumenten manche Entwicklungen noch im Zaum halten. Doch seine Möglichkeiten waren begrenzt, da er ja als Geächteter nicht mehr richtig reisen konnte, ohne sein Leben zu gefährden. Schon beim Reichstag 1530 mussten die Evangelischen ohne ihn auskommen und auch bei den Reichsreligionsgesprächen 1540/41.

Luthers Ideen legten den Grund für diese Entwicklung, aber auch die besonderen politischen Verhältnisse Deutschlands trugen zu ihr bei. Deutschland war bekanntlich kein Nationalstaat, wie Frankreich oder England, sondern bestand aus rund 250 kleineren und größeren selbstständigen Herrschaftsgebieten. Jeder theologische Denker und jeder religiöse Visionär fand irgendwann irgendwo eine Obrigkeit, die ihn schützte und ihm die Sammlung seiner Getreuen und eine Kirchenbildung ermöglichte. Hätte die Reformation in Frankreich stattgefunden, hätte eine zentrale und starke staatliche Macht vielleicht einen Gleichklang herstellen können, wenn auch mit Gewalt. Aber in Deutschland war das nicht möglich.

So lange Luther lebte, konnte er mit seinem Charisma und mit seinen Argumenten manche Entwicklungen noch im Zaum halten. Doch seine Möglichkeiten waren begrenzt, da er ja als Geächteter nicht mehr richtig reisen konnte, ohne sein Leben zu gefährden. Schon beim Reichstag 1530 mussten die Evangelischen ohne ihn auskommen und auch bei den Reichsreligionsgesprächen 1540/41.

Melanchthon betätigte sich als „Außenpolitiker“ der Wittenberger Reformation. Nach Luthers Tod brachen die letzten Bande, und die Lutheraner begannen sich gegenseitig zu zerfleischen, bis es 1577 gelang, die Eintracht mit der „Konkordienformel“ halbwegs wiederherzustellen.

Heute stellt sich die Frage: War das nur Theologengezänk oder berührte es auch die einfachen Menschen? Ich denke, die Menschen blickten, damals wie heute, in erster Linie auf das Christlich-Elementare, das Verbindende. In Lebenskrisen, angesichts von Krankheit und Tod, relativierten sich die Unterschiede der Kirchen und Konfessionen. Im konkret gelebten Christenglauben waren die Unterschiede geringer als auf der öffentlichen Bühne.

Die Pluralisierung des Christentums als Folge der Reformation war von den Reformatoren nicht gewollt, und doch scheint sie beinahe zwangsläufig gewesen zu sein. Sollen wir sie heute bedauern?

Ich meine: nein. Die Pluralisierung kann aus heutiger Sicht nur positiv gewertet werden. Sie hat das Christentum fit gemacht für die Moderne. Pluralität schadet der Religion nicht. Im Gegenteil. Das zeigen die Vereinigten Staaten von Amerika. Nirgends ist das Christentum pluraler als in Amerika, aber gerade dort ist es unter allen modernen Staaten am lebendigsten und erfasst am meisten Menschen, was sich Sonntag für Sonntag an den Gottesdiensten in den Kirchen zeigt.

Professor Dr. Martin H. Jung lehrt Historische Theologie an der Universität Osnabrück (aus: Evangelische Zeitung)

Der Abendmahlsstreit spaltete das evangelische Lager

Wie sind Leib und Blut Jesu Christi in Brot und Wein anwesend? Real, verwandelt oder symbolisch? Diese Frage hat immer wieder zu unterschiedlichen Antworten von Christen geführt – innerhalb der katholischen Kirche, später auch unter den Reformatoren.

Vor allem Martin Luther und Ulrich Zwingli konnten sich in der Frage des Abendmahlsverständnisses nicht einigen – auch nicht beim „Marburger Religionsgespräch“ 1529. Es kam zum „Ersten Abendmahlsstreit“. Luther sah im Abendmahl das tiefste Erlebnis der sichtbar gewordenen Gnade Gottes. Denn in der Einsetzung des Abendmahls komme es zur „praedicatio identica“, zu „Leibsbrot“ und „Blutswein“, wie Luther es in seiner Schrift „Vom Abendmahl Christi. Bekenntnis 1528“ formuliert. „In, mit und unter“ Brot und Wein werde der wahre Leib und das wahre Blut Christi ausgeteilt und mit dem Mund empfangen („Realpräsenz“).

Der humanistisch geprägte Zwingli sah im Abendmahl und seinen Elementen hingegen allein eine symbolhafte Kraft, die die Erinnerung an den Auferstandenen wecken sollte. Nur im gläubigen Gedenken der Gemeinde sei Christus auf geistliche Weise gegenwärtig. Gemeinsam abgelehnter Ausgangspunkt beider war jedoch die katholische Lehre der „Transsubstantiation“, nach der Wein und Brot sich während der Abendmahlsfeier tatsächlich und dauerhaft in Blut und Fleisch Jesu verwandeln.

Nach Zwinglis Tod 1531 bemühten sich die evangelischen Lager, den Streit beizulegen – auch um gegenüber den Altgläubigen zu einem breiten Bündnis zu gelangen („Schmalkaldischer Bund“).

Luther und Zwingli lehnten beide die katholische Lehre der „Transsubstantiation“ ab, nach der Wein und Brot in Blut und Fleisch Jesu verwandeln.

Vor allem Martin Bucer und Philipp Melanchthon bemühten sich um Ausgleich. Mit der „Wittenberger Konkordie“ von 1536 gelang es, die Vertreter der sogenannten oberdeutschen Reformation in das lutherische Lager zu integrieren. Die von Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger angeführten Schweizer evangelischen Kantone blieben jedoch vom „Schmalkaldischen Bund“ ausgeschlossen. 

Auch das reformierte Lager war zunächst untereinander uneins: Der Genfer Reformator Jean Calvin lehnte Zwinglis Auffassung ab, dass es beim Abendmahl vor allem auf das Handeln der Gemeinde ankomme. Nach seiner Lehre sind Brot und Wein Gnadenmittel, durch die der Gläubige Christus und in ihm die Fülle der Gnadengaben empfängt. Nur die Gleichsetzung der Elemente mit Christi Leib und Blut bestritt Calvin, weil Christi Leib materiell im Himmel anwesend sei.
Luther akzeptierte Calvins Auffassung zunächst. 1549 einigte sich Calvin jedoch mit Bullinger und näherte sich der zwinglianischen Abendmahlslehre an. Diese Annäherung führte in den 1550er Jahren wiederum innerhalb des lutherischen Lagers zu einer Auseinandersetzung um das Abendmahl, dem sogenannten „zweiten Abendmahlsstreit“. 

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