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Bild: KDL-Archiv

„Dorf muss man lernen“

Tagesthema 12. Februar 2014

Der Eindruck setzt sich durch: Auf dem Land sei die Welt noch in Ordnung: überschaubar, harmonisch. Die Menschen kennen sich und kümmern sich umeinander, es gibt mehr Grün als Grau, und die Kirche im Dorf fügt sich gut ein. Wer mehr als flüchtig hinsieht, weiß: So ist es nicht. Ländliche Räume sind, was ihre Idyll-Qualität angeht, ausgesprochen unterschiedlich, denkbar dynamisch und ebenso konfliktträchtig wie städtische.

Der hannoversche Landwirtschaftspastor Friebe ist für den „Landstern“ nominiert

Gut 40 Heidschnucken stehen zurzeit in seinem Stall in Brelingen bei Hannover. „Im Sommer können es auch mal über 60 sein“, sagt Karl-Heinz Friebe. Er ist Pastor im Haus kirchlicher Dienste in Hannover, Ansprechpartner für die Landwirte in seiner hannoverschen Landeskirche. Dass er selbst Nutztiere hält, verschafft ihm durchaus Respekt. Das Fachblatt „Land & Forst“ hat den 64-Jährigen just als einen von drei Bewerbern für die Wahl zum „Landstern“ in der Kategorie „Stark fürs Dorf“ nominiert.

Das Dorf stehe zwischen Idylle und Illusion, meint Pastor Friebe. Sein Kollege beim Kirchlichen Dienst auf dem Lande (KDL), der Agraringenieur Götz Schumacher, spreche immer in seinen Referaten von der Spannung „zwischen Tradition und visionärer Zukunft“. Die Landwirtschaft habe sich immer innovativ verändert, meist schneller, als sich die Menschen ein Bild davon machen könnten. Dennoch: Auch wenn längst Maschinen Pferd und Hand ersetzten, sei der idealtypische Bauernhof ein Familienbetrieb.

Schon seit er in jungen Jahren als Dorfpfarrer Traktor gefahren sei, schlage sein Herz für die Landwirtschaft, sagt Pastor Friebe. „Und ich habe auch schon mal im schwarzen Anzug eine akkurate Schweißnaht an einem Miststreuer gezogen“, berichtet er lachend. Friebe, im hamburgischen Marmstorf geboren, hat nämlich in seinem „ersten Leben“ Maschinenschlosser gelernt. Er habe nicht mitansehen können, wie ungeschickt der Bauer schweißte und sich nicht lange bitten lassen, es besser zu machen.

Heute rät Friebe jungen Dorfpfarrern, sich nicht nur um die Familien in seiner Gemeinde zu kümmern, sondern auch um die Betriebe. Der Strukturwandel sei erheblich, ebenso die Probleme. „Nach dem Krieg hatten wir in Deutschland 300 000 Betriebe, heute sind es 45 000. Und ein Drittel davon hat keinen Hofnachfolger.“ Dazu komme, dass nicht der Erzeuger die Preise für landwirtschaftliche Produkte bestimme, sondern der Konsument über Großabnehmer wie Discounter. Nicht „preiswert“ bestimme den Handel, sondern „billig“.

Die Kirche, so berichtet Friebe, werde von Landwirten oft auch kritisiert, vor allem wegen ihrer Pachten. Das sei ein „hochsensibles“ Thema. 1600 Kirchengemeinden in Niedersachsen verpachten an 8000 Landwirte Land, „gerademal ein Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche“. Die Pachtverträge gelten zwölf Jahre, aber alle sechs Jahre werde ein neuer Kirchenvorstand gewählt, der über Neuvergabe und Pachtzins entscheiden müsse. Da seien Konflikte vorprogrammiert, vor allem wenn dann auch noch Aspekte wie Gen-Technik oder Klärschlamm die Entscheidungen beeinflussen.

Friebe bedauert, dass nicht nur Städter kaum noch wüssten, was das Landleben ausmacht. Auch im Dorf selbst herrsche viel Unwissenheit. „Auch den Bauern ist die Augenhöhe verloren gegangen“, sagt der Landwirtschaftspastor. Er verweist auf die modernen Schlepper: „Früher fuhren die Bauern mit einem kleinen Trecker durchs Dorf, konnten jederzeit zum Klönschnack anhalten, ohne absteigen zu müssen. Heute thronen sie hoch über den Menschen in abgeschlossenen Kabinen und steuern mit Computer und Joystick die Maschinen.“

Dazu komme, dass zumindest in stadtnahen Dörfern zunehmend mehr Pendler wohnen. „Wo Wohnen und Arbeit getrennt werden, wächst der Wunsch nach Ruhe im Dorf“, ist Friebe überzeugt. Das Verständnis für Notwendigkeiten sei verloren gegangen: „Früher wusste jeder im Dorf, dass man am Donnerstag keine Wäsche raushängt, weil dann der Bauer jaucht. Heute drohen sie ihm mit einer Klage, wenn er Gülle ausbringt.“ Und wenn der Landwirt Pflanzenschutz betreibe, heiße es, er spritze Gift. Tiere würden als Streichelobjekt betrachtet, nicht als Nutztier, „dabei maskieren wir nur unser Essen“, wenn es im Supermarkt unter Klarsichtfolie angeboten werde.

Auch die jüngste Form landwirtschaftlicher Nutzung sorge für „gesellschaftliche Disharmonie“: die Energieerzeugung. Biogas-Anlagen, Windräder oder auch Solarzellen würden nur akzeptiert, wenn sie vom eigenen Gartenzaun aus nicht zu sehen seien. Dazu komme der unselige Trend der Neubaugebiete am Dorfrand.

„Jeder baut sich sein Lieblingshaus, egal, ob es regional passt oder nicht.“ Auch deshalb sterbe das Dorf von der Mitte her. „Höfe mitten im Dorf verdienen kein Geld, kosten aber viel“, erklärt Friebe mit dem Hinweis auf die riesigen Dachflächen, unter denen einst Großfamilien samt Tieren lebten und die heute erhalten werden müssten. „Da haben Kirche und Bauern dieselben Probleme: Zu viel umbauter Raum!“ Beide müssten sich neue Konzepte für eine Umnutzung einfallen lassen.

Parallelen sieht Pastor Friebe auch beim Arbeitsbild: „Früher ernährte sich der Pfarrer aus der Gemeinde, er erhielt seine Pfründe. Dafür bot er Lehre, Seelsorge und Gottesdiente. Und das war's.“ Die Kirche hinge immer noch an diesem traditierten Bild, die Gemeindeglieder sprächen immer noch von „meinem Pastor“. Gerade aber auf dem „flachen Land“ schreie die Zukunft nach der Nutzung der verschiedenen Talente und Teambildung. Friebe rät zur Wiederbelebung des alten „Kirchspiels“. Ebenso könnte die Kirche für ein neues Dorfleben beitragen, etwa durch Unterstützung eines Dorfladens oder des regionalen Tauschhandels. Dabei müsse allerdings auch das örtliche Gewerbe berücksichtigt werden.

Über die Zukunft des Dorfes, so meint Friede, werde vor allem aber die Mobilität entscheiden. Hilfreich könne auch eine „verlässliche Nachbarschaft“ sein. Für das Zusammenleben trügen auch Vereine und Freiwillige Feuerwehr entscheidend bei. Er habe in den letzten Jahren erkennen können, dass zunehmend mehr Menschen ins Dorf kämen, die bereit seien, Mitverantwortung zu übernehmen. „Sie werden das Dorf prägen.“

„Dorf kann man nicht, Dorf muss man lernen“, ist der Landwirtschaftspastor überzeugt. Man müsse die positiven wie negativen Seiten der sozialen Kontrolle, der Naturnähe, der vorhandenen Strukturen und der Stadtferne sehen und akzeptieren. Vor allem aber „muss man sich selbst aktiv einbringen“, rät Friebe, „sonst kann man auch im Dorf vereinsamen.“

Michael Eberstein, Evangelische Zeitung 7/2014

Kirche auf dem Land

Kirchlicher Dienst auf dem Lande

Für das Themenfeld „Kirche auf dem Land, ländlicher Raum und Landwirtschaft“ präsentiert sich der „Kirchliche Dienst auf dem Lande“ (KDL) als Fachdienst für alle Fragen der Landwirtschaft und der Lebenssituation bäuerlicher Familien, den Menschen auf dem Land, sowie der kirchengemeindlichen wie regionalen Entwicklung im ländlichen Raum.

Der KDL greift aktuelle Entwicklungen und Veränderungsprozesse auf und zeigt kirchliches Profil.

Zur Internetseite des Arbeitsfeldes „Kirche auf dem Land“ im Haus kirchlicher Dienste

„Tiere müssen in Würde leben können“

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Bild: Jörg Nielsen / epd-Bild

Für eine nachhaltige und tiergerechte Landwirtschaft tragen nach Ansicht des kirchlichen Agrarexperten Karl-Heinz Friebe Hersteller und Verbraucher Verantwortung. Nötig sei eine neue Solidarität zwischen Konsumenten und Produzenten, sagte der Referent für das Fachgebiet Kirchlicher Dienst auf dem Lande der hannoverschen Landeskirche zum Start der Grünen Woche 2012 in Berlin im epd-Gespräch.

Drei Fragen an den hannoverschen Agrarexperten Karl-Heinz Friebe

Bauernhof als Klassenzimmer

„Wie viel frisst eine Kuh am Tag?“ und „Was bedeuten die Zahlen auf der Ohrmarke der Wiederkäuer?“ – Fragen wie diese beschäftigen die Schülerinnen und Schüler an Tagen, an denen Bauernhöfe zum Klassenzimmer werden.

Möglich wird diese Art des Lernens durch das Projekt „Transparenz schaffen“, das in ganz Niedersachsen und Bremen durch 44 regionale Bildungsträger angeboten wird. Im Landkreis Celle organisieren es die Landfrauen.

Die Reportage über das Klassenzimmer auf dem Land beim aktuellen Thema der Woche der Evangelischen Zeitung

Das ganze Jahr nah bei den Menschen

Die Kirche im Dorf: Welche Rolle hat sie dabei gespielt, welche spielt sie noch, auch abgesehen davon, dass Kirchtürme zu schönen Wahrzeichen taugen? Dreierlei grundlegend: Die deutlichsten Spuren haben auf dem Lande stets die jeweiligen Naturgegebenheiten hinterlassen sowie die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, also z.B. Stadtnähe, Herrschaftsstruktur (Grund- oder aber Gutsherrschaft), Erbrecht und politisches System 1945-1990.

Sodann: Die Konstante ist bis tief ins 20. Jahrhundert die Bodenständigkeit fast aller Landbewohner gewesen, d.h. auch ihre Verbundenheit mit der Landwirtschaft. Das hat sich geändert: Das heutige Landleben bestimmen Wohn- und Freizeitinteressen, und die Landwirtschaft wird bestenfalls als Symbol für Romantik und Ländlichkeit bejaht, als Teil der Landschaft – aber nur, solange sie nicht lärmt oder stinkt.

Schließlich: Landleute haben sich Veränderungen aller Art auf ihre Weise und in ihrem Tempo angeeignet, sie z.B. erst einmal in die üblichen Wertmuster und Rhythmen eingebaut. Das gilt für technische und kulturelle Neuerungen – etwa den Gebrauch von Büchern, Strom, Telefon, Radio oder Fernsehen – ebenso wie für die kirchlichen Impulse, z.B. infolge der Reformation. Die ländliche Kirchlichkeit hat in vielen Gegenden keine wirklich „gute, alte Zeit“ gehabt, auf die sich als Ideal zurückblicken ließe; Klagen über schwache Gottesdienstbesuche oder die Unmüdigkeit der Kirchenmitglieder („Dorför ward de Paster betohlt!“) ziehen sich durch die Jahrhunderte.

Seit dem Mittelalter und (zumindest) bis heute prägend ist hierzulande ein dichtes Netz von Ortsgemeinden, Ortsgeistlichen und Kirchengebäuden: Kein Ort, und liege er noch so peripher, fällt aus der seelsorgerlichen Verantwortung heraus, und mancherorts ist die Kirchengemeinde die einzig verbliebene Einrichtung vor Ort.

In Westdeutschland wesentlich selbstverständlicher als in Ostdeutschland prägen die Kirchengemeinden das ländliche Sozialleben eines Dorfes, einer Region mit, vor allem durch rhythmusgebende, die Zeit und die Einzelbiographie strukturierende Feste.

Wesentlich für die Kirchen in ländlichen Gebieten ist stets ihre Funktion als Stabilitätsfaktor gewesen, nicht zuletzt in Kriegs- und Krisenzeiten: Sie sind präsent und wirksam geblieben – oft als einzige Institution, etwa nach 1945 – und waren da, manchmal nur in Kirchturm und Pfarrhaus, oft aber auch wohltuend heilsam, tröstend und zurechtbringend.

Diese Funktion ist auch heute nicht zu unterschätzen, wenn so etwas wie die religiöse Primärsozialisation in überschaubaren Verhältnissen gelingen soll (Kirchengemeinde als „intermediäre Institution“), allerdings auch nicht zu überschätzen, wenn es um das Ausbilden von Heimatbewusstsein geht. Schon vor 100 Jahren hat man in der aufkommenden Dorfkirchenbewegung allzu enthusiastische Bilder von der Kirche als geistlichem Zentrum des gesamten Dorflebens gemalt, die mit der Realität nicht viel zu tun hatten.

Die Rolle der Kirchen im Dorf war immer schon ambivalent. Einerseits gehörten sie selbstverständlich zur Dorfgesellschaft dazu: Der Pastor war unparteiische Vermittlungsinstanz und gehörte zu den örtlichen Honoratioren. Seit dem Aufkommen des Vereinswesens im 19. Jahrhundert galt die Kirchengemeinde oft selbst als Dorfverein neben Schützen-, Gesangs-, Heimatverein und Feuerwehr, was stets entsprechendes Milieuverhalten nach sich zog: Die ganze Dorfgesellschaft hat sie nie erreicht.

Andererseits hat die Kirche immer auch eine Ander-Welt repräsentiert – als Fremdkörper im Dorf. In der Person der Ortsgeistlichen war jahrhundertelang etwa die Obrigkeit präsent, dazu im Pfarrhaus eine oft ganz fremde Welt der Bildung und Kultur (Studierstube, Musik) und schließlich – hoffentlich nicht zuletzt – eine biblische Botschaft, die ziemlich quer zu Werten wie Arbeit, Familie und Besitz steht, frei nach Paulus: „Hier ist nicht Einheimischer noch Zugezogener, hier ist nicht Landwirt noch Neubaugebiet-Bewohner, hier ist nicht einmal Landmensch noch Stadtmensch; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Galater 3,28).

Diese Botschaft hat immer auch gestört und Widerspruch erregt, die Dörfer aber mitgeprägt – und sei es in den Kirchenräumen, die durch die Zeit „durchgebetet“ worden sind.

Wo haben die Kirchen das Landleben am meisten geprägt, wo gelingt das heute? Kurz: Ich denke, im Dienst vor Ort, beharrlich und nah bei den Menschen, wo Christenmenschen die Zeichen der Zeit erkennen, die jeweiligen Bedürfnisse heilsam aufnehmen und die jeweils beste Botschaft ausrichten, die zum Leben hilft.

Kai Hansen ist Pastor in Haddeby

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