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Bild: Jörg Grabhorn/ Evangelische Zeitung
 

Die weltweit einzige Deichkirche

Tagesthema 29. Januar 2014

Erinnerung an vergangene Zeiten in Carolinensiel

Sie ist eher klein und innen wie außen recht schlicht gehalten – und dennoch einzigartig: die Kirche in Carolinensiel: Es ist die einzige Kirche weltweit, die auf einem Deich erbaut wurde. Das behaupten jedenfalls die Carolinensieler, und bislang hat ihnen niemand widersprochen, erzählt Kirchenführer Gerhard Müller.

Die Kirche wird auch „Schifferkirche“ genannt – aus gutem Grund. Carolinensiel ist 1730 durch Eindeichung eines Teils der Harlebucht entstanden. Der seinerzeit in Ostfriesland regierende Fürst Georg Albrecht benannte die Neugründung nach seiner Frau, Fürstin Sophie Caroline. Dort, wo die Harle bislang ungehindert ins Meer floss, entstand ein Sielhafen, der sich prächtig entwickelte und während seiner Blütezeit im 19. Jahrhundert nach Emden der zweitgrößte Hafen Ostfrieslands war. Um 1800 lebten dort etwa 750 Einwohner. 1860 waren rund 60 Frachtsegler in Carolinensiel gemeldet, die nicht nur Nord- und Ostsee befuhren, sondern auch die Weltmeere.

Schule, Arzt, Apotheke, drei Mühlen – alles war schon wenige Jahrzehnte nach der Gründung des Ortes vorhanden. Nur für den Kirchgang mussten sich die Einwohner auf den gut und gerne sieben Kilometer langen und im Winter zweifellos beschwerlichen Weg nach Funnix machen.

Als 1770 ein Abgesandter von Preußens König Friedrich dem Großen, der 1744 die Herrschaft über Ostfriesland übernommen hatte, in Carolinensiel vorbeischaute, „krallten“ ihn sich die Einwohner, wie es Gerhard Müller erzählt, und machten Druck in Sachen Kirchbau.

Es dauerte dann noch mal fünf Jahre, bis die Grundsteinlegung erfolgte, und am 20. Oktober 1776 wurde die Kirche geweiht. Standort war der alte Deich, denn 1765 war der Seedeich durch Eindeichung des Friedrichsgrodens rund einen Kilometer vorgeschoben worden.

Die Kapitäne im Ort haben den Kirchbau unterstützt, indem sie das Baumaterial – Ziegelsteine und Holz – heranbrachten. Um ihren Status deutlich zu machen und dass es sich sozusagen um „ihre“ Kirche handelte, stifteten sie zur Einweihung ein Votivschiff: die Brigg „Venus“.

Bis heute thront die Venus auf einem der „Priefchen“, der Logenplätze für hoch gestellte Persönlichkeiten. Sie ist Danksagung für glückliche Heimkehr und Bitte um göttlichen Beistand für weitere Fahrten.

1921 kam ein weiteres Votivschiff hinzu, die „Alje Mehrings“. Die Tochter einer Kapitänsfamilie vermachte den Nachbau einer preußischen Handelsfregatte der Kirche.

Das dritte Votivschiff ist noch jungen Datums: Der Schiffsmodellbauer Jarg von Wackerode aus Wilhelmshaven stiftete die „Marie Emilie“ im Jahre 1985. Das Modell einer Drei-Mast-Bark von 1861 ist dem Gedenken an alle Opfer der See gewidmet. Von Wackerode hatte die anderen beiden Votivschiffe in den Jahren zuvor restauriert; so erklärt sich seine Verbundenheit mit der Deichkirche.

Carolinensiel ist heute Urlaubs- und Ausflugsort. Der reizvolle historische Sielhafen, das Deutsche Sielhafenmuseum und nicht zuletzt die Deichkirche laden zu einem Rundgang und zur Erinnerung an vergangene Zeiten ein.

Jörg Grabhorn, Evangelische Zeitung

Mehr über die Deichkirche in Carolinensiel

Ferne Heimat Kirche

Schifferkirchen in Deutschlands Norden sind auch heute noch ein Zeichen für christliche Seefahrt. Die Evangelische Zeitung stellt in der aktuelle Ausgabe zum Thema „Christliche Seefahrt“ einiger dieser Kirchen vor.

Darin berichtet auch der Seemannspastor der Nordkirche, Matthias Ristau, über die „Ferne Heimat Kirche“ und darüber, was die Menschheit von den Erfahrungen der Seeleute lernen kann.

Mehr über die Schifferkirchen und den Bericht vom Seemannspastor beim aktuellen Thema der Woche der Evangelischen Zeitung

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Seeleute sind wichtig für uns an Land

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Heike Proske

Ausgehend vom christlichen Abendland begann die Seeschifffahrt, nahe und ferne Länder zu erkunden. Die begrenzte Vorstellungswelt des 15. Jahrhunderts wurde mit auf See genommen, aber im Laufe langer gefährlicher Reisen erweitert und verändert.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, nur nennen wir dieses Phänomen anders: Globalisierung. Sich auf den Weg zu machen, Familie und Freunde zurückzulassen und monatelange harte Arbeit auf sich zu nehmen, das ist heute in der Seeschifffahrt Realität wie eh und je. Zum Kennenlernen fremder Kulturen bleibt in den Häfen keine Zeit. Die kurzen Liegezeiten und hochmoderne Technik, die das Be- und Entladen enorm erleichtert, lassen keinen Spielraum für Entdeckungen. Andere Kulturen lernen Seeleute an Bord in der Mannschaft kennen: mal zur Freude, mal zur Last.

Für uns an Land spielen Seeleute eine wichtige Rolle, ohne dass wir uns das bewusst machen. Mehr als 90 Prozent aller Waren kommen auf dem Seeweg zu uns. Fast alle gefertigten Produkte sind mehr als einmal – vom Rohstoff bis zum Verkauf des Endprodukts – auf Schiffen unterwegs gewesen.

Würde der Seetransport nur vier Wochen ausgesetzt, würde beispielsweise Verbandmaterial in den Krankenhäusern fehlen. Unser Alltag hängt von der Arbeit der 1,2 Mio Seeleute weltweit ab. Sie sorgen für unser reibungsloses Leben. Dabei nutzen sie unterwegs Clubs und Kommunikationsmöglichkeiten, die z.B. die Deutsche Seemannsmission (DSM) bietet.

Wenn Sie das nächste Mal Ihr Mobiltelefon in die Hand nehmen (in Asien mit Rohstoffen aus Afrika produziert) oder Ihr Baumwoll-T-Shirt anziehen, schicken Sie einen dankbaren Gedanken über die Meere an die Seeleute, deren eigenes Leben dafür sehr eingeschränkt verläuft. Sie werden spüren: Ihre Gedanken kommen an und bringen Freude für Sie zurück!

Heike Proske ist Generalsekretärin der Deutschen Seemannsmission e.V.

Die Deutsche Seemannsmission

Gefahr durch Piraten

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Havariekommando und Seemannsmission leisten an den Küsten im Notfall Erste Hilfe. Bild: epd-Bild/ Havariekommando

Trotz einer rückläufigen Zahl der Attacken belastet die weltweite Piraterie die Seeleute auf den Hochseeschiffen nach Beobachtungen der Deutschen Seemannsmission massiv. „Die Piraten setzen schwerere Waffen ein, sind brutaler, verletzen bewusst und nehmen auch Tote in Kauf“, erklärte die Generalsekretärin der Organisation in Bremen, Heike Proske.

Zum Bericht über die Belastung der Schiffsbesatzungen

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