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Schienenstrang Auschwitz-Birkenau, Bild: Denise-Sophie / photocase.com

An den Holocaust erinnern

Tagesthema 26. Januar 2014

Bis zu 400.000 Menschen besuchen pro Jahr die fast 20 Gedenkstätten, die von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten getragen oder gefördert werden. Für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus leisten diese Stätten einen wichtigen Beitrag, sagt der Geschäftsführer der Landesstiftung in Celle, Habbo Knoch, im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der promovierte Historiker wirbt auch dafür, die Zusammenarbeit mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen weiter auszubauen. Einmal im Leben als Schüler eine Gedenkstätte zu besuchen, reiche nicht aus.

Stiftungsleiter Knoch: Gedenkstätten an historischen Orten sind wichtig

„Brücke in eine andere Zeit“

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Der Landschaftsarchitekt AW Faust hat das neu gestaltete Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen vorgestellt. Lichtungstreifen im Wald zeichnen dabei die Grenze des ehemaligen Konzentrationslagers bei Celle und einzelne Lagerbereiche nach. Bild: Jens Schulze

epd: Welche Rolle spielt es, wenn an einem historischen Ort wie zum Beispiel dem früheren Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager Bergen-Belsen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird?

Knoch: Auf die Besucher wirken diese Orte sehr stark ein. Sie überschreiten die Schwelle zu einem Ort, der ihnen fremd ist. Es sind Orte, mit denen sie Gewalt, Leiden und Massengräber verbinden. Dadurch entstehen Formen der Abwehr aber auch eine emotionale Öffnung. Der Ort kann zu einer Brücke in eine andere Zeit werden. Reste von Gebäuden, Quellen und die Schicksale der Menschen, von denen erzählt wird, machen die Geschichte konkret.

epd: Kann so das Interesse der Besucher geweckt werden?

Knoch: Man sollte die Wirkung der Orte nicht dahingehend überschätzen, dass Menschen dort überhaupt erst für Unrecht sensibilisiert werden. Wer sich nicht einlassen will, der ist schwer zu erreichen. Bei anderen aber haben Gedenkstätten einen Verstärkungseffekt. Mitgefühl oder Rechtsbewusstsein werden in der Auseinandersetzung gestärkt.

Es gibt trotz der hohen Besucherzahlen aber viele Menschen, die überhaupt nicht zu solchen Orten gehen. Eine wichtige Frage ist, wie wir diese Menschen erreichen. Wir müssen deutlich machen, dass Gedenkstätten nicht nur Orte für Gedenkfeiern und Schulklassen sind. Es ist falsch, zu denken, wer einmal im Leben als Schüler eine Gedenkstätte besucht hat, hat das Nötige getan.

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Baracken des ehemaligen NS-Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers im niedersächsischen Sandbostel. Bild: Dieter Sell / epd-Bild  

epd: Wie kann Interesse geweckt werden?

Knoch: Wichtig ist dafür, dass wir die Bildung und Forschung verstärken und in diesen Bereichen noch mehr mit anderen zusammenarbeiten. Es gibt bereits Angebote, bei denen Mitarbeiter von Gedenkstätten mit einem "Museumskoffer" in Schulen gehen. Auch die neuen Medien wollen wir stärker nutzen. Für die Gedenkstätte Bergen-Belsen haben wir eine App für Tablets entwickelt. Damit könnten Besucher Quellen genau zu den Orten im Gelände abrufen, an denen sie sich befinden. Zukünftig sollen Besucher sich ihre Informationen selbst zusammenstellen können.

Es geht immer darum, eine Auseinandersetzung mit Ort und Thema herzustellen. In Bergen-Belsen bieten wir zum Beispiel Fotoworkshops an, bei denen Menschen das Gelände des früheren Konzentrationslagers erkunden. Möglich wären auch Patenschaften, verbunden mit der Pflege für das Gelände oder einzelner Gräber. Oder Themenpatenschaften, bei denen sich jemand mit der Biografie von früheren Häftlingen auseinandersetzt.

epd: Welche Rolle spielen denn Gedenkstätten heute noch für die Überlebenden früherer Lager und ihre Angehörigen?

Knoch: Sie sind nach wie vor von besonderer Bedeutung. Für die Überlebenden ist es wichtig, zu wissen, dass ihr Vermächtnis bewahrt wird. An den Gedenkstätten gibt es Menschen, die ihre Erinnerungen weitertragen. Für die Angehörigen von Überlebenden und Opfern sind die Gedenkstätten zugleich Orte, die das Familiengedächtnis sichern. Zum Teil kommen Überlebende mit Kindern und Kindeskindern zu uns. In diesen Familien sind meist mehr Menschen ermordet worden, als überlebt haben. Wir können auch Fragen der Angehörigen zu ihrer Familiengeschichte beantworten.

epd: Zu Jahresbeginn hat die Schändung des Berliner Holocaust-Mahnmals für Empörung gesorgt. Ein Amateurvideo zeigt, wie Menschen Stelen als Abschussrampe für Raketen nutzen und gegen die Steinquader urinieren. Besteht die Gefahr, dass der Respekt vor solchen Gedenkstätten verloren geht?

Knoch: Die Empörung ist gerechtfertigt. So etwas gehört nicht an diesen Ort. Man sollte aber solche Einzelfälle auch nicht verallgemeinern. Es gibt Tausende Besucher jeden Tag, die sich respektvoll verhalten. Das Holocaust-Mahnmal ist nun mal ein Denkmal im öffentlichen Raum. Von Anfang an gab es Diskussionen etwa darüber, ob man sich auf die Stelen setzen und sonnen darf. Die Gefahr, dass generell der Respekt verloren geht, sehe ich nicht.

epd-Gespräch: Karen Miether

Holocaust-Gedenktag

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 Bild: Susann Städter / photocase.com

Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert und auf den 27. Januar festgelegt. An diesem Tag war 1945 das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.

Die Vereinten Nationen riefen 2005 den 27. Januar als „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ (International Day of Commemoration to honour the victims of the Holocaust) aus. Seit 2006 wird er weltweit begangen.

Der Begriff „Holocaust“ leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „Brandopfer“. Er wird heute vor allem für den systematischen Völkermord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten verwendet. Bis zum Kriegsende wurden rund sechs Millionen Juden ermordet.

epd

Landesbischof Ralf Meister zum Holocaust-Gedenktag

Landesbischof - im Wortlaut
Bild: Jens Schulze

Der 27. Januar als „jüngster“ Gedenktag erinnert an das staatsterroristische Regime der Nationalsozialisten und die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Das Vernichtungslager Auschwitz ist einer der schrecklichsten Orte der Menschheitsgeschichte. Dieser Ort bleibt eine fortdauernde Mahnung vor dem, was der Mensch dem Menschen antun kann. Zugleich erinnert dieser Tag an die Verpflichtung, allen Ideologien mutig entgegen zu treten, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion ausgrenzen wollen.

Landesbischof Ralf Meister

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