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Bild: Evangelische Zeitung

Wo der Tod selbstverständlich ist

Tagesthema 24. Januar 2014

Vor zwölf Jahren hat sich Gisela Stockhaus für die ehrenamtliche Mitarbeit im Hospiz entschieden

Gisela Stockhaus hat von dem damals erst kurz zuvor eröffneten Uhlhorn-Hospiz in Hannover durch einen Artikel in der Obdachlosen-Zeitung „Asphalt“ erfahren.

Die Kinderkrankenschwester war mit 60 Jahren in den Ruhestand gegangen. Ein Jahr hatte sie schon das „Freisein“ genossen, als sie spürte, dass sie mehr tun wollte. Der Artikel brachte sie auf die Idee. Sie wollte dabei helfen, Menschen im Sterben zu begleiten. Im Frühjahr 2002 begann sie mit der Einarbeitung, zunächst beim ambulanten Hospizdienst.

„Bis dahin hatte ich wenig Kontakt mit Tod und Sterben“, erinnert sich Gisela Stockhaus. Aber diesen Themen könne sich ja ohnehin niemand entziehen. Als ihre Eltern gestorben waren, sei ihr bewusst geworden, dass sie nun „in der ersten Reihe“ stehe. Das bedeute zwar nicht, dass sie heute jeden Tag an den Tod denke, aber das Thema sei ihr selbstverständlicher geworden, „vielleicht, weil ich es im Hospiz immer wieder vor Augen geführt bekomme.“

Tatsächlich, so berichtet Gisela Stockhaus, habe sie im Hospiz erst zwei Menschen selbst bis in den Tod begleitet, „aber viele auf dem Weg dorthin“. Und obwohl jeder Tod individuell sei, erlebe sie im Hospiz auch nur einen Ausschnitt: „Hierher kommen ja überwiegend Krebspatienten.“ Dennoch unterschieden sich Dauer und Intensität der Sterbebegleitung stark. Da gebe es Patienten, die, am Morgen eingezogen, schon mittags sterben. Und andere, die nach Monaten sogar das Hospiz verließen – nicht geheilt, aber weil sie den Wunsch äußerten, die letzten Tage und Stunden im Familienkreis zu verbringen, und dort nunmehr auch die Voraussetzungen dafür stimmten.

Zur Begleitung der Sterbenden gehöre viel mehr als das Am-Bett-Sitzen, sagt Gisela Stockhaus. Dass vor allem auch Angehörige Beistand brauchen, sei ihr schon vor Antritt der Arbeit im Uhlhorn-Hospiz klar gewesen. „Aber wir Ehrenamtlichen können die hauptamtlich Mitarbeitenden an so vielen Stellen entlasten, damit sie genug Zeit für die medizinische Betreuung haben“, erklärt Gisela Stockhaus. Drehscheibe und Mittelpunkt des Lebens im Hospiz ist die große Wohnküche, in der sich Patienten, Angehörige und Mitarbeitende treffen. Hier sind auch die meis-ten Arbeiten zu verrichten, angefangen vom Broteschmieren fürs Abendessen über das Kochen eines erbetenen Kräutertees bis hin zum Ein- und Ausräumen des Geschirrspülers.

In der Wohnküche wird auch gescherzt und gelacht „Wer glaubt, im Hospiz herrsche immer Trauerstimmung, der sollte mal in die Wohnküche kommen“, berichtet Gisela Stockhaus. Nicht selten werden dort gescherzt und gelacht, „das ist wie in einer großen Familie.“ Gerade für Angehörige bietet dieser Raum Rückzugsmöglichkeiten. Sie müssen auch mal Abstand vom Sterbenden bekommen, um ihre eigenen Gedanken zu sortieren. Das gelingt leichter in einem Kreis von Menschen in ähnlicher Situation oder gleichen Erfahrungen.

Zurzeit arbeiten 16 Ehrenamtliche im Uhlhorn-Hospiz mit, darunter zwei Männer. Sie teilen sich die Arbeit in drei Schichten von jeweils drei bis vier Stunden rund um die Mahlzeiten morgens, mittags und abends. Ein Dienstplan wird Wochen im Voraus erstellt und dabei auch Rücksicht auf individuelle Wünsche oder auch Urlaubszeiten genommen. Durchschnittlich sei jeder Ehrenamtliche zweimal pro Woche im Einsatz, „aber das entscheidet jeder selbst, wann und wie oft er kommt“, betont Gisela Stockhaus, und „oft macht man dann doch mehr, als man eigentlich wollte.“ Das liege sicher daran, dass die Arbeit sehr befriedigend sei und „man selbst auch etwas bekommt.“

Dennoch habe es auch Situationen gegeben, die lange nachwirkten. Bei ihr sei das zum Beispiel der Tod einer jungen Frau gewesen, der es sehr schnell sehr schlecht gegangen sei. Auch in der letzten Lebensphase sei so unruhig gewesen, dass sie nicht allein in ihrem Zimmer bleiben wollte. Sie habe die Frau dann mit in die Wohnküche genommen, wo sie im Beisein zweier Mitbewohner gestorben sei. „Das war eine sehr irritierende Situation“, erinnert sich Gisela Stockhaus, auch die beiden Mitbewohner hätten nichts dazu sagen können, „selbst hinterher nicht.“

Die gute Ausbildung, zu der die Auseinandersetzung mit dem Tod, aber auch der Umgang mit Angst oder Aggressionen von Patienten wie Angehörigen gehört, sorge aber für eine Sicherheit und Verständnis, sagt Gisela Stockhaus. Sie habe schon aus ihrem Beruf und aus der Telefonseelsorge gewisse Vorerfahrungen mitgebracht, aber jeder neue Tag im Hospiz bringe neue Erfahrungen. Dennoch könne im Prinzip jeder diese Arbeit tun, auch wenn nicht jeder das auf Dauer durchhalte. Es reiche nicht der Wille, etwas Gutes tun zu wollen. „Es gehört schon dazu, sich zurücknehmen zu können, ohne sich aufzugeben.“

Michael Eberstein, Evangelische Zeitung

Das Uhlhorn-Hospiz

Das Uhlhorn-Hospiz ist eine diakonische Einrichtung der Diakonischen Dienste Hannover gGmbH.

Die Aufnahme ins Hospiz erfolgt auf Wunsch der Patienten. Dies sind Menschen, die an einer unheilbaren Krankheit leiden und die keiner Krankenhausbehandlung mehr bedürfen oder sie nicht wünschen und die zu Hause nicht oder nicht ausreichend versorgt werden können.

Weitere Informationen über das Uhlhorn-Hospiz

Den Tagen Leben geben

Hospizarbeit
Hospizarbeit gibt den Tagen Leben, sie ist Rückenstärkung im Alltag und gibt den kranken Menschen Ansehen. Bild: epd

Erst Mitte der 80er Jahre konnte die Hospizbewegung bei uns Fuss fassen. Mittlerweile haben sich allein in Niedersachsen ca. 120 Hospizinitiativen gegründet, deren Mitarbeitende in die Häuser und Familien kommen, um zu begleiten.

Daneben gibt es die stationären Hospize, falls eine Betreuung zuhause nicht möglich ist. Das Anliegen der Bewegung ist es, Schwerkranke Menschen und deren Angehörige zuhause zu begleiten.

Hospizarbeit ist auch für die hannoversche Landeskirche ein wichtiges Arbeitsfeld. Sterbende Menschen und deren Angehörige begleiten und betreuen in einer sehr intensiven Phase des Lebens und des Abschieds.

Mehr über die Hospiz- und Palliativversorgung der hannoverschen Landeskirche

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