2013_08_13

 Bild Alasdair Jardine

Vom Bauerndorf zur Künstlerkolonie

Tagesthema 20. Januar 2014

„Mythos und Moderne“ lautet das Motto, unter dem das niedersächsische Worpswede in diesem Jahr die Gründung seiner Künstlerkolonie vor 125 Jahren feiert. Bis heute hat sich das „Weltdorf“ eine inspirierende Aura bewahrt.

Vor 125 Jahren ließen sich die ersten Maler in Worpswede nieder

Mitte des 19. Jahrhunderts kannte niemand das Bauerndorf Worpswede im Teufelsmoor bei Bremen: ein ärmlicher Ort unter weitem Himmel. Das änderte sich ab 1889, als drei junge Maler den Flecken in seiner urtümlichen Landschaft entdeckten, Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn. Sie waren so fasziniert, dass sie vor 125 Jahren die heute wohl bekannteste deutsche Künstlerkolonie gründeten. Das Jubiläum soll ab Februar mit einem opulenten Ausstellungsprogramm gefeiert werden, auch mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus.

Neben Mackensen, am Ende und Modersohn gehörten bald auch Paula Becker und Heinrich Vogeler zu den ersten Künstlern, die sich in Worpswede niederließen. Die norddeutsche Landschaft und das schlichte Leben auf dem Land inspirierten auch Dichter wie Rainer Maria Rilke und dessen spätere Ehefrau, die Bildhauerin und Malerin Clara Westhoff.

„Wie viele andere Künstler in Europa kehrten sie den Großstädten und Kunstakademien den Rücken, um eine von der Natur inspirierte Kunst zu schaffen“, sagt der Geschäftsführer des Worpsweder Museumsverbundes, Matthias Jäger. „Innerhalb weniger Jahre wurde Worpswede zu einer Pilgerstätte für Künstler und Sinnsucher.“

Nun soll Worpswede unter dem Motto „Mythos und Moderne“" wieder zur Pilgerstätte werden, diesmal für Kunstinteressierte. Dafür wurden zentrale Museen und eine Flaniermeile mit Millionenaufwand saniert. Neben Kunst bieten die zahlreichen Worpsweder Galerien dabei auch allerlei Kitsch an, die Sonntage sind stets verkaufsoffen.

Der Ort zählt zu den etwa 50 Künstlerkolonien, die heute in der europäischen Vereinigung euroArt zusammenarbeiten. Ausgehend vom kleinen Barbizon südöstlich von Paris entstanden sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts und versammelten Künstler, die der damals neuen Freilicht- oder Pleinair-Malerei einen kräftigen Schub verliehen.

Das Phänomen der Künstlerkolonien spielt nach Auffassung von Experten wie Matthias Jäger oder dem Nürnberger Kunsthistoriker Claus Pese zwar nur noch historisch eine Rolle. Aber die bedeutendsten Künstler in den Kolonien hätten viel bewegt und zahlreiche Kunstrichtungen vorangetrieben, urteilt Pese: „Sie hatten wesentlichen Anteil an der Entwicklung von Impressionismus, Naturalismus, Synthetismus, Jugendstil und Expressionismus.“

Worpswede muss sich im Blick auf seine Geschichte allerdings auch seiner braunen Vergangenheit stellen. Der Maler Fritz Mackensen entwickelte sich zum linientreuen Nationalsozialisten, der expressionistische Künstler Bernhard Hoetger gestaltete einen nordisch-mythologisch geprägten Kunstkosmos. „Die ersten Worpsweder waren keine Europäer“, konstatiert der Berliner Kunsthistoriker Kai Artinger. Sie seien beseelt gewesen von deutsch-völkischen Ideen.

Wer der NS-Ideologie nahe stand und wie sehr, darüber wird bis heute gestritten. Unbestritten ist dagegen: Der Nationalsozialismus hat Worpswede als niederdeutsches Musterdorf vereinnahmt. Museumsmanager Jäger betont, auch dieser Aspekt solle in der Sommerausstellung „Mythos und Moderne“ zwischen Mai und September thematisiert werden. Die Schau ist der Höhepunkt des Jubiläumsprogramms in vier zentralen Museen und soll versuchen, die 125-jährige Geschichte der Kolonie zu erzählen.

Eine Geschichte, die bis in die Moderne ragt. „Der Ort ist gegenwärtig Anziehungspunkt für Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt“, sagt Jäger und spricht von einer immer noch „inspirierenden Aura“ des Dorfes am mittlerweile größtenteils kultivierten niedersächsischen Teufelsmoor.

Tatsächlich arbeiten zurzeit mehr als 100 Künstler und Kunsthandwerker in Worpswede. Einige von ihnen haben sich in ihren Ateliers Oasen der Ruhe bewahrt. Der Ort, der sich gerne als „Weltdorf“ sieht, lebt andererseits vom kunstinteressierten Massentourismus und kann auf eine prominente Fangemeinde zählen, zu der auch Altkanzler Helmut Schmidt gehört. Die Worpsweder seien Suchende gewesen, urteilt er. „Aber zugleich strahlten ihre Bilder Einfachheit aus, Ausgewogenheit, Ruhe, Kraft.“

Seinen ganz eigenen Blick auf Kunstszene, NS-Vergangenheit und Dorf wirft der Dramatiker Moritz Rinke, der 1967 in Worpswede geboren wurde. In seinem Romandebüt unter dem Titel „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ entwirft er eine anarchische Familiensaga, die nicht nur aus autobiografischen Gründen in dem Dorf am Weyerberg spielt: „Ich halte Worpswede für einen fantastischen Ort, um Geschichte zu erzählen.“

Von Dieter Sell (epd)

„Inspirierende Aura“

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Mehr als 100 Künstler und Kunsthandwerker leben in Worpswede, Deutschlands berühmtester Künstlerkolonie. 125 Jahre nach ihrer Gründung habe sie sich ihre inspirierende Aura bewahrt, urteilt der Geschäftsführer des Museumsverbundes Worpswede, Matthias Jäger. Bild: Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund / epd-Bild  

Mehr als 100 Künstler und Kunsthandwerker leben in Worpswede, Deutschlands berühmtester Künstlerkolonie bei Bremen. 125 Jahre nach ihrer Gründung habe sie sich ihre inspirierende Aura bewahrt, urteilt der Geschäftsführer des Museumsverbundes Worpswede, Matthias Jäger. Im Februar startet ein Ausstellungsmarathon zum Jubiläumsjahr. Unter dem Titel „Mythos und Moderne“ soll auch die Rolle des Künstlerdorfes im Nationalsozialismus beleuchtet werden.

epd: Gibt es ein künstlerisches Thema, das für die Künstlerkolonie Worpswede steht?

Matthias Jäger: Die Landschaft ist in der Kunst und auch in Worpswede lange ein wichtiges Thema gewesen. Erst nach 1945 spielt das keine so große Rolle mehr. Die Gründer der Kolonie waren aber nicht nur Maler. Sie waren auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk, sie wollten Leben und Kunst in Einklang bringen. Raus aus der Stadt, zurück zur Natur, zurück zu den Wurzeln der Kunst, das war das große Motto der Künstlerkolonien.

epd: Ist das noch aktuell?

Jäger: Was die Künstler damals angetrieben hat, die Sehnsucht nach einem ursprünglichen Ort, das gibt es auch heute wieder. Das ist ein Brückenschlag von den Anfängen der Künstlerkolonie in die Gegenwart. Und nach wie vor ist Worpswede für Künstler ein anziehender Ort, nicht nur in der Auseinandersetzung mit der Geschichte, sondern auch, weil er sich bis heute eine inspirierende Aura bewahrt hat.

epd: Heißt das, das Phänomen der Künstlerkolonie ist noch lebendig?

Jäger: Nein, das war eine historische Bewegung in ganz Europa, die sich zwischen der Mitte des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts abgespielt hat. Deshalb bezeichnen wir uns heute auch nicht mehr als Künstlerkolonie, sondern als Künstlerdorf. Das ist weiter gefasst, denn die Grenze zwischen Stadt und Land ist heute wesentlich durchlässiger. Das Künstlerdorf ist nur noch einen Katzensprung von den Metropolen entfernt. Vor 125 Jahren dauerte es fast einen Tag, um nach Bremen zu kommen, heute ist es eine halbe Stunde. Heute ist man vernetzt und kann auch von Worpswede aus in Berlin mit seinen Arbeiten präsent sein. Aber Künstler, die sich hier niederlassen, finden in Worpswede nach wie vor eine andere Konzentration.

epd: Noch eine Brücke zwischen Neuzeit und Vergangenheit...

Jäger: Genau. Hier gibt es Oasen der Ruhe, in denen Künstler wie früher ihre Themen entwickeln können. Das ist auch der Grund, weshalb bis heute Stipendiaten kommen: um hier aus den großstädtischen Alltagsbezügen auszubrechen. In den Anfängen der Kolonie wollten sich Künstler in ein Thema wie Landschaft tief versenken, um so zu einer ganz neuen Anschauung zu kommen. Diese große Beharrlichkeit sieht man auch bei heute hier lebenden Künstlern, die klar und langfristig an ihren Themen arbeiten.

epd: Eine Verbindung zwischen Geschichte und Gegenwart schlägt auch das Motto des Jubiläumsjahres „Mythos und Moderne“. Was wollen Sie damit ausdrücken?

Jäger: Mythos und Moderne sind für uns zwei entscheidende Pole in der Worpsweder Kunstentwicklung, und zwar von Anfang an. Den „Mythos Worpswede“ haben Künstler mit ihrer Sehnsucht nach Ursprüngen und dem Urtümlichen begründet. Auf der anderen Seite aber gibt es auch den Aufbruch in die Moderne.

epd: Wer steht in Worpswede für die Moderne?

Jäger: Paula Becker etwa, später Paula Modersohn-Becker, die 1897 nach Worpswede kam, hat ihre Themen modern und zukunftsgewandt interpretiert. Sie setzte moderne formale Impulse und war viel radikaler in der Erkundung malerischer Mittel und in ihrer Weltanschauung als ihre Malerkollegen. Gerade ihre Selbstporträts, darunter der erste weibliche Selbstakt der Kunstgeschichte, gehen in der Radikalität der Selbstbefragung in eine Richtung, die ihre Kollegen nicht mitgegangen wären. Mit ihr kam dieser moderne, vorwärtsgewandte Gegenimpuls, der in der gesamten Geschichte des Künstlerdorfes eine große Rolle spielt. Worpswede ist eben kein historisches Phänomen geblieben. Der Ort hat sich weiterentwickelt und immer wieder neu ge- und erfunden.

epd: Eine einzige Erfolgsgeschichte?

Jäger: Es gab auch dramatische Rückschritte. So führte die Ideologisierung der Kunst und des Dorfs nach dem Ersten Weltkrieg schließlich im Nationalsozialismus dazu, dass der Ort als „niederdeutsches Musterdorf“, seine Kunst als „Beispiel völkischer Kunstauffassung“ vereinnahmt wurden. Auch diesen Aspekt werden wir in unserer Sommerausstellung „Mythos und Moderne“ thematisieren.

epd: Was bietet das Jubiläumsprogramm?

Jäger: In vier modernisierten und erweiterten Häusern haben wir die Möglichkeit, 125 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte breit und tiefgehend darzustellen. Die Sommerausstellung ist natürlich der Höhepunkt. Aber es startet schon im Februar. Dann geht es im Barkenhoff, in der Großen Kunstschau, in der Kunsthalle und im Haus im Schluh um die Geschichte der beteiligten Häuser und der Persönlichkeiten, die sie geprägt haben. Die Sommerausstellung im Mai versucht, die 125-jährige Geschichte des Worpsweder Kunstkosmos orientiert an Schlaglichtern und Wendepunkten zu erzählen. In der Herbstausstellung geht es dann um die Impulse, die seit den 1970er Jahren aus der Welt nach Worpswede gekommen sind.

epd-Gespräch: Dieter Sell

Ausstellungen

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Worpswede - Die Museen

Das Jubiläumsjahr wird am 9. Februar mit den Frühjahrsausstellungen in den vier großen Worpsweder Museen Barkenhoff, Kunstschau, Kunsthalle und Haus im Schluh eröffnet. Unter dem Titel „Zeitspeicher - Vier Häuser für die Kunst!“ laufen sie bis zum 27. April.

Im Mai schließt sich die große Sommerausstellung zum 125-jährigen Bestehen an. Motto: „Mythos und Moderne“ (11. Mai bis 14. September). Die abschließende Herbstausstellung „Worpswede zeitgenössisch“ stellt Künstler­innen und Künstler aus aller Welt vor, die zeitweise in Worpswede gelebt und gearbeitet haben (ab 28. September).

Orte

  • Barkenhoff / Heinrich-Vogeler-Museum und Worpsweder Archiv
    Ostendorfer Straße 10, 27726 Worpswede
  • Große Kunstschau Worpswede 
    Lindenallee 5, 27726 Worpswede
  • Haus im Schluh
    Im Schluh 35-37, 27726 Worpswede
  • Worpsweder Kunsthalle
    Bergstraße 17, 27726 Worpswede
Die Museen in Worpswede

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