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Bild: epd-Bild / Norbert Neetz 

Verfassungsänderung erklärt

Tagesthema 19. Januar 2014

Als Ausdruck der besonderen Beziehung zwischen Synagoge und Kirche hat die 24. Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers bei ihrer letzten Tagung im November 2013 die Verfassung der Landeskirche geändert. Nun haben Landesbischof Ralf Meister und Landesrabbiner Jonah Sievers in zwei Vorträgen in der Marktkirche in Hannover die Verfassungsänderung und ihre Bedeutung erläutert.

Besser spät als nie

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Landesbischof Ralf Meister (Mitte) am Rand der Synodaltagung im November 2013 im gespräch mit Rabbi Jona Sievers (links) und Rabbi Gabor Lengyel. Bild: Jens Schulze  

Als Landesbischof Ralf Meister vor gut einem Jahr ihn, den Landesrabbiner Jonah Sievers, und seinen Kollegen Gabor Lengyel zum Dialog über eine Verfassungsänderung der hannoverschen Landeskirche eingeladen habe, sei es für sie keine Frage gewesen, sich daran zu beteiligen: „Darauf hatten wir lange gewartet.“ Andere Landeskirchen seien schneller gewesen, „aber besser spät als nie.“ Und in ihren Erklärungen sei die hannoversche Landeskirche zum Teil auch über die der anderen hinausgegangen.

Dennoch seien nur zwei der drei erhofften Aussagen erreicht worden: Schuldbekenntnis, Bekämpfung künftigen Antijudaismus in der Kirche und eine theologische Absage an eine Judenmission. Diese letztere hätte durchaus klarer, „nicht so verklausuliert“ ausfallen dürfen, meinte Sievers. Viel mehr fehle jedoch eine Aussage zur Bekämpfung des Antijudaismus. Der Landesrabbiner räumte ein, dass dies „einen kleinen systematischen Bruch“ im Verfassungstext bedeutet hätte, dennoch sei eine solche Aussage wichtig genug, sich darüber hinwegsetzen zu können.

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Landesrabbiner Jonah Sievers - nicht bei seinem Vortrag in der Marktkirche, sondern bei seinem Grußwrt vor der Landessynode im November 2013. Bild: Jens Schulze

Sievers betonte, dass auch er den begonnenen christlich-muslimischen Dialog für richtig und wichtig halte, dennoch dürfe dies nicht zu Lasten des christlich-jüdischen gehen. Der dürfe nicht „beerdigt werden in dem Glauben, es sei längst noch alles gesagt“. Die Auseinandersetzung mit dem Judentum habe offenbar bei jungen Theologen nicht mehr den Stellenwert wie bei der Vorgängergeneration. „Aber das Eis ist noch nicht dick genug, dass es trägt.“ Als Beispiel dafür nannte Sievers die Rückkehr der katholischen Kirche zur Bitte um Judenkonversion im Karfreitagsgebet. „Was das Volk glaubt, betet es. Und umgekehrt.“

Der Rabbiner räumte ein, dass sich die Kirche generell verändert habe, nicht mehr die sei, die sie vor der Shoah gewesen sei. Aber sein Eindruck sei, dass dies nur den Kopf der Kirche betreffe, seine Erkenntnisse seien aber noch nicht bis in die Untergliederungen vorgedrungen. „Manchmal geht eine Elterngeneration zu weit, und die nachfolgende dreht das Rad zurück.“ Deshalb müsse die Verfassungsänderung durch Arbeit in den Gemeinden verfestigt werden. „Die jüdischen Gemeinden vor Ort werden sich dem Wunsch nach Dialog nicht verschließen“, versprach Sievers, bat aber auch um Geduld, wenn entsprechenden Anfragen nicht überall sofort entsprochen werden könne. Dafür seien die jüdischen Gemeinden zu wenige und zu klein.

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Martina Szagun, Stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Begegnung - Christen und Juden Niedersachsen“ und bis März 2013 Superintendentin in Hannover-Mitte  

In der Diskussion, die sich dem Vortrag Sievers in der Marktkirche anschloss, ging es oft um die Frage der Judenmission. Alle Redner hätten in der Verfassung eine klarere Absage gewünscht, gerade wegen der NS-Vergangenheit. Und Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann betonte die Nähe von Christentum und Judentum, die über „das erste Testament“ hinausgehe. Das alte Band Gottes mit seinem Volk Israel sei nicht beendet, „aber wir dürfen Anteil haben an dem Weg Abrahams, Isaacs und Folgender“.

Antisemitismus, so ergänzte die ehemalige Superintendentin Martina Szagun, sei „ein Geburtsfehler“ der Kirche. Gerade wegen der Judenfeindlichkeit Martin Luthers hätte es einer evangelischen Landeskirche gut angestanden, dies auch deutlich zu benennen. Sievers ergänzte, dass neutestamentliche Schriften Antijudaismus fördern könnten, „wenn man sie wörtlich und nicht im historischen Zusammenhang liest.“ Deshalb bat er alle Theologen: „Wenn Sie Ihre nächste Predigt schreiben, greifen Sie nicht aus Bequemlichkeit auf eine alte Predigthilfe zurück, sondern machen Sie sich die Mühe, mit eigenen Gedanken die alten Texte neu zu interpretieren.“

Auf die Frage, ob Jesus der auch von den Juden erwartete Messias sei, sagte Sievers, das sei „eine Spekulation, der sich manche angeschlossen haben, andere nicht.“ Für ihn persönlich habe das keine Bedeutung. Jesus habe sicher eine historische Bedeutung, weil er als Jude eine andere Haltung vertreten habe, „aber die Mehrheit der damaligen Juden hat sich ihm nicht angeschlossen. Woran der Messias denn für Juden erkennbar sei, wollte schließlich Stadtsuperintendent Heinemann wissen. Darauf sagte Sievers: „wir werden sehen, wenn es soweit ist.“ Alles werde sich dann dramatisch verändern. Aber „bis dahin handele man gerecht und befolge die jeweiligen Gebote“, riet er Christen wie Juden.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Der Beschluss der Landessynode am 28. November 2013

Die Verfassung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in der Fassung vom 1. Juni 1971 (Kirchl. Amtsbl. S. 189), zuletzt geändert durch das 7. Kirchengesetz zur Änderung der Verfassung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers vom 11. Juni 2013 (Kirchl. Amtsbl. S. 79), wird wie folgt geändert:

  1. In Artikel 1 Absatz 2 wird folgender Satz 2 angefügt: „Zeugnis, Mission und Dienst erfolgen in Gemeinschaft mit anderen christlichen Kirchen und im Zeichen der Treue Gottes zum jüdischen Volk.“
  2. In Artikel 4 wird folgender Absatz 4 angefügt: „(4) Die Landeskirche ist durch Gottes Wort und Verheißung mit dem jüdischen Volk verbunden. Sie achtet seine bleibende Erwählung zum Volk und Zeugen Gottes. Im Wissen um die Schuld unserer Kirche gegenüber Juden und Judentum sucht die
    Landeskirche nach Versöhnung. Sie fördert die Begegnung mit Juden und Judentum.“
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Ralf Meister vor der Landesynode im November 2013: Werbende Worte für die Verfassungsänderung. Bild: Jens Schulze

Institution Kirche muss die Erkenntnisse sichern

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Ein Landjudentum, wie es die 280 jüdischen Friedhöfe im Lande dokumentierten gebe es hier nicht mehr. „Aber evangelische Gemeinden an diesen Orten, die den Gedanken aus der Kirchenverfassung weitertragen können“, sagte Ingrid Wettberg, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover, am Ende eines Vortrags von Landesbischof Ralf Meister, in dem er die Vorgeschichte der jüngsten Änderung der hannoverschen Kirchenverfassung darstellte. Darin bekennt die Kirche ihre Schuld an Judenverfolgung und Antisemitismus und erklärt ihren Verzicht auf Mission an Juden. Vielmehr heißt es, die Kirche sei „durch Gottes Wort und Verheißung mit dem jüdischen Volk verbunden“.

Spät sei die Verfassungsänderung erfolgt, räumte Meister ein, es habe „viel zu lange gebraucht, bis die Einsicht in die theologischen Ursachen des Antisemitismus betrachtet wurden.“ Diese habe es schon vor Jahrhunderten gegeben, auch bei Martin Luther. Als aber die grundsätzliche Richtung klar gewesen sei, sei es zügig und im Dialog mit jüdischen Vertretern gegangen.

Wie wichtig dieser Dialog ist, zeige unter anderem die Beschneidungsdebatte. Dabei sei es, gesellschaftlich wie theologisch, um den Umgang zweier Religionen miteinander gegangen, die prägend für die Kultur dieses Landes seien. Der christlich-jüdische Dialog, wie er seit 60 Jahren gepflegt werde, könne hierfür beispielhaft sein. Ebenso die Umgestaltung der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche in Hannover zu einer Synagoge.

„Das Bemühen, die ganze Kirche mit auf den Weg zu nehmen, ist auf fruchtbaren Boden gefallen“, stellte Meister fest, betonte aber auch, es müsse ständig gepflegt werden. Der Bischof räumte ein, dass es auch Schwierigkeiten gebe, Menschen für all die nötige Erinnerungsarbeit zu finden. Dennoch: „Die Kraft der Institution Kirche liegt in der Sicherung der Erkenntnisse, auch über Individuen und Generationen hinweg.“

Die Formulierung des Verfassungstextes, so berichtete Meister, sei nicht einfach gewesen, es habe mehrere Streitpunkte gegeben. Diese aber seien bewusst in fachorientierten Dialoggruppen und nicht in der Öffentlichkeit diskutiert worden. Einer dieser Streitpunkte sei die Judenmission gewesen. „Christlicher Glaube ist dem Wesen nach missionierend“, öffentliches Zeugnis sei der ganzen Welt – auch den Juden gegenüber – geschuldet, „aber nicht mit dem Impetus der Mission.“ Die „bleibende Verbindung Gottes mit seinem Volk“ bleibe erhalten, auch wenn Juden die Gottgleicheit Jesu Christi nicht anerkennen.

Noch „etwas mehr Präzision“ habe er sich beim dritten Satz der Verfassungsänderung gewünscht, sagte Bischof Meister. Darin heißt es in der jetzigen Fassung: „Im Wissen um die Schuld unserer Kirche gegenüber Juden und Judentum sucht die Landeskirche nach Versöhnung“. Ursprünglich sollte es „schuldhafte Verfehlungen“ statt „Schuld“ heißen. Doch die Wortprotokolle aus der Synode, insbesondere der Beiträge des Superintendenten Gerd Bohlen und des ehemaligen Landesbischofs Horst Hirschler verdeutlichten die Intention.

Der Auftrag zur Verständigung von Christen und Juden sei mit der Verfassungsänderung nicht zu Ende, betonte der Bischof, damit sei nur ein wichtiger Merkstein gesetzt. Gleichwohl dürfe die Verfassungsänderung als ein kirchenhistorisches Ereignis wahrgenommen werden. Das Verhältnis von Christen und Juden, insbesondere in der Bibelauslegung, sei ein fortwährendes Thema. „Ich erlebe es immer wieder in Predigten, dass wir da immer wieder ganz am Anfang stehen.“ Und er legte das Thema auch dem theologischen Nachwuchs ans Herz. „Ich weiß, man kann um dieses Thema ganz gut herum studieren und sich davon freihalten. Aber das geht nicht!“

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

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