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Bild: picture-alliance

Vom Maschinen-Menschen zum Genuss-Arbeiter

Tagesthema 08. Januar 2014

Über den Wandel eines zynischen Menschenbildes

In einem Hamburger Restaurant, Silvester. Die Beschäftigten bemühen sich im größten Stress um eine bewundernswerte gleichbleibende Freundlichkeit gegenüber den nicht immer ebenso zuvorkommenden Kunden. Sicherlich waren sie dazu auch angehalten worden. Aber da war noch mehr: eine Art ermutigender Ermahnung in Form einer großen Schrift an der Wand im Durchgang zur Küche, woran alle Kollegen dauernd vorbei mussten: „Dein Gesicht ist Dir geschenkt. Aber lächeln musst Du selber!“ Was für eine Aussage: Mensch, Du bist Dir selber geschenkt! Und nun sei auch Du selbst! Und das auf der Arbeit! Was für ein Versprechen. Ob sich der Chef klar war, was er hier geschrieben hatte?

Persönlichkeitsentfaltung auf der Arbeit steht heute hoch im Kurs – aber es ist noch nicht lange her, da war das Gegenteil der Fall. Alles Menschliche sollte auf der Arbeit möglichst verschwinden. Das reale Symbol für diese Form der Arbeit ist das Fließband, an das die Arbeitnehmer passgenau angedockt sind. Ihre Tätigkeiten sind auf immer wieder gleich zu vollziehende Handgriffe reduziert. Bei nüchterner Betrachtung ist der Mensch hier zu einem Teil der Maschine geworden. Treiber dieser Gestaltung der Arbeitswelt waren technisch-bürokratische Konzepte einer maximalen Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft.

Im Hintergrund stand ein Menschenbild, das ein hohes Maß an Zynismus und Verachtung aufwies: Der Mensch gilt als von Natur aus faul und nur auf sein Vergnügen bedacht. Dieses Vergnügen kann er nur außerhalb der Arbeit im Konsum realisieren. Zur Arbeit ist der Mensch deswegen nur durch finanzielle Anreize zu motivieren. Damit er eine hohe Arbeitsleistung vollbringt, braucht es rigide Disziplin und Kontrolle. Arbeiter sind in diesem Setting beliebig manipulierbare Faktoren, die in der Tendenz auf körperliche Vollzüge reduziert sind. Wissen, Intelligenz und Geist sind der Leitung, bzw. den die Arbeitsabläufe planenden Wissenschaftlern vorbehalten.

So wurde die Arbeitswelt parasitär zu den eigentlich menschlichen Qualitäten, aber so eine Zeitlang hocheffektiv gestaltet. Tatsächlich aber war das reine Theorie, denn es hat keinen Betrieb gegeben, der nur auf dieser Basis funktioniert hätte. Immer haben empathische, solidarische und fürsorgliche Haltungen der Beteiligten die Lebendigkeit bewirkt, die die Produktion tatsächlich aufrechterhielt. Und als sich dann in den siebziger und achtziger Jahren langsam zeigte, dass sich Qualität nur mit dem Geist der Arbeitenden steigern lässt, lief das Fließband aus.

Heute ist alles anders. Nicht zufällig heißt eines der besten Bücher der letzten Jahre zum Thema: „Wir Genussarbeiter“. Die Autorin Svenja Flaßpöhler schildert die Ankunft des sich in seiner Arbeit „selbst genießenden Tieres“. Heute sei Arbeit – „zumindest für die Mittel- und Oberschicht der westlichen Welt – keine Strafe im alttestamentarischen Sinne mehr, sondern eher ein Labsal. Heute sitzt man auf ergodynamischen Stühlen vor schicken Macs, neben sich einen Latte machiato und gibt sich, scheinbar mühelos, dem Rausch der Arbeit hin.“

Die Plackerei ist dahin. Aber sind auch die Zeiten der Entfremdung, des Leidens daran, dass ich auf der Arbeit nicht ich selbst sein kann, vorbei?
Der Arbeitsdruck ist nicht weniger geworden – laut „DGB Index Gute Arbeit“ fühlten sich 2012 52 Prozent aller Arbeitnehmer oft gehetzt und 63 Prozent haben immer mehr Leistung bringen müssen.

Die in den neuen Arbeitsformen durchaus erfahrbare Stärkung von Selbstwertgefühl und Identität läuft sich unter den ständig wachsenden Anforderungen heiß. So sehr die Verwirklichung eigener Vorstellungen nicht nur gefördert, sondern auch erwartet wird, so sehr wird sie auch gesteuert und begrenzt. Aus mehr Freiheit wird schnell mehr Druck. Die subjektiven Potentiale der Kolleginnen und Kollegen scheinen zu Ressourcen des Managements geworden zu sein. Mit diesen widersprüchlichen Anforderungen kommen viele nicht zurecht und werden krank – nicht mehr am Leib sondern an der Seele.

Dennoch: Die alte Kommandokultur mit den ihr eigenen Entwürdigungsmechanismen und Ausgrenzungen ist heute zurecht stigmatisiert. Zumindest der Anspruch auf faire Umgangsformen steht im Raum und kann kaum auf Dauer unterlaufen werden. Deswegen geraten herumbrüllende Vorgesetzte immer häufiger in die Kritik.

Was hier geschieht, tendiert durchaus in die Richtung einer Zivilisierung der Arbeitswelt. Wie weit wird sie gehen? 1996 mitten im Boom neuer Freiheiten auf der Arbeit konnte der Soziologe Gerhard Schmidtchen euphorisch konstatieren: „In den Betrieben vollzieht sich ein […] aufregender Prozess: Die Freisetzung der Intelligenz der Mitarbeiter... Wir erleben den Aufstand der Person gegen Fremdbestimmtheit. Dies ist die Parallele zur Renaissance, die schließlich in die Reformation mündete. Mit der gegenwärtigen zweiten Renaissance scheint ein Reformationsklima verbunden.“

Heute sehen wir das nüchterner. Aber eine Rückkehr zu den alten Stilen wird es nicht geben. Das höhere Maß an Freiheit in der Arbeitswelt wird von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern insgesamt positiv erlebt. Durch neue Formen von Beteiligung auf der Arbeit, Coaching, Boundary-Managements und garantierten Optionalitäten für Auszeiten sollte es gelingen, krankmachende Auswüchse einzudämmen und mögliche Fortschritte zu stabilisieren. Das Ziel ist, die Souveränität der Arbeitenden zu stärken. Damit wir auf der Arbeit immer besser wir selbst sein können.

Prof. Dr. Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD

Schlagabtausch um Mindestlohn

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Gewerkschaftsvertreter Ingo Schlüter (links) und Arbeitgebervertreter Lothar Wilken. Bild: Sven Kriszio/ Evangelische Zeitung

Kaum steht die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns im Koalitionsvertrag, schon streiten die Vertreter der Regierungsparteien wieder über mögliche Ausnahmeregelungen. Was wird der Mindestlohn im Norden Deutschlands bewirken? Stehen Arbeitnehmern rosige Zeiten bevor? Oder droht mehr Arbeitslosigkeit? Die Evangelische Zeitung hat zwei Experten zum Schlagabtausch über die Zukunft der Arbeit im Norden gebeten: Ingo Schlüter, den stellvertretenden Vorsitzenden des DGB Nord, und Lothar Wilken von der Hauptgeschäftsführung der Vereinigung der Unternehmensverbände für Mecklenburg-Vorpommern.

Das Gespräch mit Ingo Schlüter und Lothar Wilken beim aktuellen Thema der Woche der Evangelischen Zeitung

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Bibellesung in der Saftfabrik

Die Arbeit des KDA, des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt, lebt traditionell von einer „Geh-Struktur“, vom Zugehen auf die Firmen und ihre Mitarbeiter. Doch es zeichnet sich ein Strukturwandel ab. „Ich weiß nicht, wie lange wir das noch aufrechterhalten können“, fragt sich Stephan Eimterbäumer, einer von zurzeit neun Mitarbeitenden des KDA in der Landeskirche Hannovers. Weniger, weil diese Zahl nach den Plänen der Kirchenverantwortlichen schrumpfen wird. Eher, weil eine engere Verzahnung mit der Gemeindearbeit sinnvoll sei.

Grundsätzlich sieht Eimterbäumer die Arbeit des KDA künftig auf drei Säulen. Da seien zunächst auch weiterhin die traditionellen Besuche in Betrieben. Dazu müsse es aber auch spezielle Angebote zu vertieften Gesprächen geben, etwa beim Pilgern. Und schließlich müssten die Ortsgemeinden auf die Firmen in ihrem Bereich und ihre Mitarbeiter zugehen und einladende Angebote machen.

Noch aber sei der Betriebsbesuch, das Gespräch mit Unternehmer, Betriebsräten und Mitarbeitenden unerlässlich. „Meist nehmen wir uns den Dienstantritt eines neuen Pas­tors oder einer Superintendentin zum Anlass“, berichtet der KDA-Pastor für den südniedersächsischen Raum. Doch es bleibe meist nicht bei dieser Form des Antrittsbesuchs. Rasch täten sich neue Themenfelder aus dem betrieblichen Alltag auf. „Da ist die Kirche für alle ein neutraler Gesprächspartner.“

Zunehmend verspüren Eimterbäumer und seine Kollegen den Wunsch nach weiteren und tiefergehenden Gesprächen. Den Firmenchef drückt vielleicht die Auftragslage, den Betriebsrat eine drohende Entlassungswelle, die Mitarbeitenden das angespannte Betriebsklima. Wenn diese Sorgen bei der Kirche angekommen sind, sucht der KDA auch den Kontakt. Gerade in der Vergangenheit, als ganze Industriebereiche zusammenbrachen oder verlagert wurden, gab es viel Gesprächsbedarf.

Das hat sich mit der Wirtschaftsstruktur des Landes verändert. Die Verlagerung von der Industrie zur Dienstleistung schlage sich auch beim Angebot des KDA nieder. Aber „generell gibt es ein großes Bedürfnis von allen Seiten, Gegenakzente zur beschleunigten Arbeitswelt zu setzen“, berichtet Eimterbäumer. Das dürfte der Grund sein, warum KDA-Angebote wie Auszeiten in einem Kloster oder Pilgerwege so gut angenommen würden. „Gerade beim Pilgern kommen meist alle Berufsgruppen zusammen“, berichtet Eimterbäumer, Pflegekräfte und Privatdozenten, Hausmeister und Chefärzte machten sich gemeinsam auf den Weg.

Beratung für Spitzenmanager

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Stephan Eimterbäumer. Bild: Sartorius AG/KDA

Für das Spitzenmanagement großer Firmen und Konzerne kann der KDA dann noch auf die besonderen Angebote der Firma „Spiritual Consulting“ verweisen, die von zwei Theologen aus der Landeskirche heraus gegründet wurde.

Pastor Eimterbäumer rät übrigens allen Berufskollegen die Möglichkeit zu einem Betriebspraktikum zu nutzen, möglichst in einen produzierenden Beruf. Auch wenn nur noch jeder vierte Arbeitsplatz in der Industrie angeboten werde, sei es hier doch aufschlussreicher als in einem Büro, wo nur noch Computer und die Kaffeemaschine bedient würden. „Gerade, wenn man gemeinsam an einer Maschine steht, ergeben sich besonders intensive Gespräche“, weiß Eimterbäumer aus eigener Erfahrung. Er hat ein Praktikum bei der Göttinger Firma Sartorius gemacht.

Oft, so berichtet Eimterbäumer, ergäben sich aus solchen Praktika weitere Kontakte zwischen den Firmen, ihren Mitarbeitenden und der Kirche. Gerade die Themen Kommunikation und Führungsaufgaben böten sich für weitergehende Gespräche an. Dafür finde sich in der eng getakteten Arbeitswelt sonst eher keine Zeit. Und außerdem müssten Firmen auf Neutralität achten, da sei Kirche rasch gefragt. „So können wir meist zu mehr Humanität am Arbeitsplatz verhelfen", erklärt der KDA-Pastor.

Ungewöhnliche Angebote wie etwa eine biblische Lesung in einer Saftfabrik oder im Frisiersalon seien bestens angenommen worden. An anderem Ort habe ein „Dinner for Mann“ speziell die berufstätigen Männer angesprochen - und war erfolgreich. „Das knüpft an die Tradition des KDA an“, sagt Eimterbäumer, „denn dieser Dienst entstand einst aus der Männerarbeit.“

Auf jeden Fall aber, so regt Eimterbäumer an, sollte sich jeder Kirchenvorstand – oder auch ein anderes kirchenleitendes Gremium – um regelmäßige Kontakte zu den Firmen in seinem Umfeld bemühen. Daraus sei anderenorts schon viel Gemeinsames erwachsen. Eimterbäumer berichtet von politisch gestalteten Buß- und Bettagen, von Gottesdiensten mit Gewerkschaften am Sonntag vor dem 1. Mai oder Aktionen zum 3. März, dem Internationalen Tag des arbeitsfreien Sonntags. Da wurden Politiker gefragt: „Wie stehen Sie zu den Ladenöffnungszeiten?“ und mussten Farbe bekennen.

Auch in kleinerem, intimem Rahmen ließen sich die Kontakte von Kirche in die Arbeitswelt vertiefen, sagt Eimterbäumer. Bei seinen „Gastgeber-Abenden“ komme zum Beispiel eine Handvoll Ehepaare reihum bei einem Glas Wein und Grissini zusammen, um von ihren jeweiligen Arbeitsplätzen zu berichtet. Für die beteiligten Gemeindeglieder und Pastoren böten diese Treffen beste Gelegenheit, „Menschen in der Mitte des Lebens“ zu erreichen.

Mit gemischten Gefühlen betrachten die KDA-Mitarbeiter die zunehmende Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Hause. „Home-Offices“ sorgten für eine weitere Zerstreuung der Arbeitsplätze. Das möge im Einzelfall dem Mitarbeitenden entgegenkommen, eventuell auch die Produktivität erhöhen, aber für den Zusammenhalt der Menschen sei das nicht dienlich. Zudem sei eine ungute Vermischung von Dienst und Freizeit recht wahrscheinlich. Für den KDA werde es zudem schwerer, die Menschen mit seinen Angeboten zu erreichen.

Michael Eberstein, Chefredakteur Evangelische Zeitung