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Karikatur: Sisam Ben

Evangelium in Wort und Tat

Tagesthema 02. Januar 2014

Wer Phöbe, Junia, Evodia, Syntyche, Aphia und Priska waren

Frauen waren mit Paulus im römischen Reich unterwegs. Ein Beispiel ist Priska, die als Zeltmacherin gearbeitet hat (vgl. Römer 16,3-5; Apostelgeschichte 18,1-4.24-26). Historisch ist es so vorzustellen, dass der Wanderarbeiter Paulus zu Menschen kam, bei denen er kurzzeitig Arbeit gefunden hat, in deren Werkstatt er aufgenommen wurde. Er hat stets mit Frauen und Männern zusammengearbeitet und war mit einigen von ihnen auf Reisen, andere haben ihn in ihre Hausgemeinden aufgenommen.

Evodia und Syntyche hatten einen Konflikt – miteinander oder mit anderen aus der Gemeinde in Philippi, zu der sie gehörten (Philipper 4,2-3). Paulus schätzt sie sehr und sorgt sich um sie: „Sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft... ihre Namen stehen im Buch des Lebens.“ Und Aphia? Ihr Name wird zusammen mit dem des Philemon genannt, an den Paulus schreibt, um sich für Onesimus, einen zur Gemeinde gehörenden Sklaven, einzusetzen (Philemon 2). Sie gehört zur Gemeindeöffentlichkeit, an die Paulus sich wendet, um Philemon zu überzeugen, Onesimus als „Bruder“ und nicht länger als Sklave anzusehen.

Spannend wird es, wenn es um die Frage geht, ob Frauen auch gemeindeleitende Funktionen hatten. In Römer 16,7 grüßt Paulus die für ihn wichtige Apostelin Junia, die mit ihm und Andronikus im Gefängnis war: „Unter den Apostelinnen und Aposteln haben sie eine herausragende Rolle. Schon vor mir gehörten sie zum Messias“. In den meisten deutschen Bibelausgaben steht hier jedoch der Männername Junias. Diesen hat es in der Antike nicht gegeben, der Frauenname Junia hingegen war üblich. „Wie groß und würdig muss doch die Weisheit dieser Frau gewesen sein, dass für sie der Titel Apostel für würdig gefunden wurde“, sagt der Kirchenvater Johannes Chrysostomos über sie. Spätere Ausleger konnten (und wollten?) es sich nicht mehr vorstellen, dass hier eine Frau Apostelin genannt wird und machten sie sie kurzerhand zum Mann.

Janssen
Claudia Janssen

Junia, Evodia, Syntyche, Aphia und Priska stehen stellvertretend für viele andere, die namenlos bleiben, wenn Paulus in seinen Briefen die Geschwister in den Gemeinden anspricht.

Eine besondere Frau war Phöbe. Sie hat Mitte des ersten Jahrhunderts in Kenchreä gelebt, der Hafenstadt nahe bei Korinth. „Ich möchte euch unsere Schwester Phöbe vorstellen. Sie ist Diakonin der Gemeinde in Kenchreä. Ich empfehle sie, damit ihr sie in die Gemeinschaft aufnehmt – wie es unter heiligen Geschwistern üblich ist. Steht ihr bei und unterstützt sie in allen Angelegenheiten, in denen sie euch braucht. Sie ist eine Autorität und hat vielen Schutz geboten, auch mir selbst.“ (Römer 16,1-2) So stellt Paulus sie am Ende seines Briefes der Gemeinde in Rom vor, den Phöbe nach Rom bringen wird. Paulus nennt hier nur ihren Namen, was darauf hinweist, dass sie sich allein auf den Weg machen wird. Möglicherweise ist sie geschäftlich unterwegs, wie die Bitte an die Gemeinde in Rom um Unterstützung „in allen Angelegenheiten“ zeigt. Wahrscheinlich schließt sie sich einer Handelsgesellschaft an, reist mit dem Schiff bis nach Puteoli und wird von dort auf der Via Appia bis Rom gehen (vgl. Apostelgeschichte 28,11-15). Reisen ist in dieser Zeit mühsam und oft auch gefährlich.

Paulus nennt Phöbe „adelphe“ – Schwester. Sie gehört zur Gemeinde und hat dort eine wichtige Funktion inne. Weiterhin bezeichnet er sie als „diakonos“. Die Lutherbibel gibt die Bezeichnung mit „die im Dienst der Gemeinde steht“ wieder. In Philipper 1,1 wird dasselbe Wort mit „Diakon“ übersetzt, hier steht es neben „episkopos“, Bischof – vermutlich wurde an männliche Amtsträger gedacht. Warum nicht bei Phöbe?

Wissenschaftliche Kommentare nennen sie eine Dienerin oder Diakonisse und gehen davon aus, dass sie karitative Hilfe an „Frauen, Kranken und Fremden“ geleistet hat – im „Ehrenamt“. Hier wird deutlich, wie Vorannahmen der eigenen Gegenwart in die Auslegung und Übersetzung eingetragen werden.
Wenn Paulus sie Diakonin nennt, macht er damit deutlich, dass sie das Evangelium verkündet – in Wort und Tat. Mehr noch: Er nennt sie „prostatis“. Dieser Begriff kann Patron oder Vorstand heißen, für antike Ohren hat er einen amtlichen Klang. Paulus weist damit auf ihre Bedeutung in der Stadt Kenchreä hin, durch die sie ihm Gastfreundschaft und damit möglicherweise Schutz auch vor Verfolgung durch die Behörden geboten hat. Elsa Tamez, eine feministische Theologin aus Costa Rica, nennt Paulus einen „Autor im Plural“, der Erfahrungen der Menschen, mit denen er zusammen gelebt, gearbeitet oder im Gefängnis gesessen hat, in Worte gefasst hat. In seinen Briefen klingen die Stimmen vieler Frauen und Männer an.

Mir ist Phöbe in den letzten Jahren vor allem deshalb wichtig geworden, weil ich mir vorgestellt habe, dass sie den Menschen in Rom den Brief vorliest. Paulus hat in Korinth mit ihr zusammen gearbeitet, vielleicht haben sie manche Passagen des Briefes auch zusammen verfasst. Wie gern würde ich sie zu einigen schwer verständlichen Aussagen befragen und erfahren, was sie wirklich gemeint haben.

Claudia Janssen ist Studienleiterin am Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover und unterrichtet als außerplanmäßige Professorin Neues Testament an der Universität Marburg

Die Geschichte der M.

Der vollständige Name ist natürlich der Redaktion bekannt, mutmaßlich, mehr oder weniger, oder vielleicht überhaupt nicht. Vielleicht ist die Identität ein Geheimnis, oder ihre Enthüllung verletzt das Staatswohl bzw. andere mächtige Interessen. Vielleicht aber auch ist die Verwirrung, die das Bild der M. in der Geschichte schwanken lässt, das übliche Ergebnis von Klatsch und Tratsch, dem beliebtesten Gesellschaftsspiel der Zivilisation seit Entwicklung der Hochkulturen, mit der Erfindung der Schrift und den geschichtlichen Überlieferungen. Seitdem tauchen die Historiker in Zeugnisse ein, die sie liebevoll Quellen nennen, d.h. sie fischen meist im Trüben, handelt es sich dabei doch um pure Propaganda, wenn es die Herrscherhäuser betrifft, oder um fromme Legenden, wenn es gilt, das Volk zu unterhalten. Von bösartigen Fälschungen schon zu Lebzeiten der Klatschsubjekte, umso mehr in späteren Generationen ganz zu schweigen. Kannte doch schon die Antike das Mittel der politischen Desinformation.

Den ganzen Bericht des früheren NDR-Kulturredakteurs Ortwin Löwa lesen beim Thema der Woche der Evangelischen Zeitung

Themenserie der Evangelischen Zeitung: „Frauen in der Bibel“

Logo_Frauen in der Bibel
 Bild: lvh

Vom Ewigkeitssonntag 2013 bis Epiphanias 2014 haben sich die Redaktionen der Evangelischen Zeitung in Niedersachsen, der Evangelischen Zeitung der Nordkirche und der Kirchenzeitung „Mecklenburg-Vorpommern“ auf die Suche nach der Frauen in der Bibel gemacht.

In einer sechsteiligen Reihe werden nicht nur bekannte Gesichter vorgestellt, sondern die Redakteure wenden sich auch denen zu, die über viele Jahrhunderte namenlos blieben oder totgeschwiegen wurden.

Alle Berichte sind online nachzulesen bei den Tagesthemen der hannoverschen Landeskirche, beim Thema der Woche der Evangelischen Zeitung und auf den Seiten des Online-Shops einfach-evangelisch.de.

Alle Artikel der Serie auf einen Blick

Warum manche Bibelübersetzungen Frauen verschweigen

Hirtinnen und Hirten, Jüngerinnen und Jünger, Apostelinnen und Apostel – als diese Ausdrücke erstmals 2006 in der „Bibel in gerechter Sprache“ standen, waren viele entsetzt. Denn die 43 Übersetzerinnen und zehn Übersetzer der „Bibel in gerechter Sprache“ hatten eine weitreichende Entscheidung getroffen: Sie haben überall, wo nicht auszuschließen war, dass die hebräischen oder griechischen Texte auch Frauen mitmeinten, diese sprachlich sichtbar gemacht. Das war in gewisser Weise revolutionär.

Worum es dabei sachlich geht, lässt sich leicht anhand dieses Beispiels erläutern: Im Alten Testament ist immer wieder von den „bnej jisrael“ die Rede, wie es im Hebräischen heißt. Die Elberfelder Bibel übersetzt diese beiden Worte mit „Söhne Israels“ und scheint damit recht zu haben, weil „bnej“ in der Tat grammatisch männlich ist: „Söhne“.

Nun wird aber beispielsweise in der Erzählung vom Auszug aus Ägypten deutlich, dass keineswegs nur die Männer das Land verlassen haben – sonst hätte das Volk ja nicht überlebt. Deswegen hat schon Martin Luther von den „Kindern Israels“ gesprochen. Bei dieser inklusiven Sprachform ging es also keineswegs um „politische Korrektheit“, sondern schlicht um die sachgemäße Wiedergabe dessen, was das grammatisch männliche Wort aussagen wollte.
Es lässt sich nun trefflich darüber streiten, welche Bibelstellen auch Frauen mit einschließen und welche eher nicht. Doch an der grundsätzlichen Frage, wie Frauen in der Bibel sprachlich angemessen repräsentiert werden, kommt niemand vorbei, der sich intensiv mit der Übersetzung der Bibel beschäftigt.

Und dieses Problem ist auch nicht neu, wie ein Blick in die revidierte Luther-Bibel von 1984 zeigt. Dort erschein in der deutschen Übertragung von Römer 16,7 ein Apostel Junias, der im griechischen Ausgangstext jedoch eindeutig eine Frau namens Junia ist. Wird in der deutschen Übersetzung nun textgerecht die weibliche Namensform Junia beibehalten, dann ist es folgerichtig, wenn der nächste Vers inklusiv übersetzt wird: „Unter den Apostelinnen und Aposteln haben sie eine herausragende Rolle.“

Mehr Sensibilität für eine textgemäße Wiedergabe beweist die Luther-Bibel hingegen in der Überschrift zu Lukas 8,1ff., die davon ausgeht, dass Jesus auch „Jüngerinnen“ hatte. Aber „Hirtinnen und Hirten“? Auch hier gibt es Spannendes zu entdecken: Die Luther-Bibel von 1984 kennt zwar viele Hirten (1. Mose 48,5; Psalm 23,1 und öfter), doch bezeichnet sie eine Frau wie Rachel in 1. Mose 29,9 nicht als Hirtin, obwohl sich der hebräische Text so übertragen ließe.

Ja, haben die „Hirten auf dem Felde“ denn zölibatär gelebt? Wer hat die Herden versorgt, wenn die Männer im Krieg waren? Große Maler stellen bis in die frühe Neuzeit neben den Hirten an der Krippe auch Frauen dar, und die sozialgeschichtliche Forschung ist sich sicher, dass es in der Antike Hirtinnen gab. Wir sehen: In der Bibel haben Frauen mehr Rollen ausgefüllt, als wir manchmal vermuten.

Detlef Dieckmann-von Bünau ist Privatdozent für Altes Testament an der Ruhr-Universität Bochum und Rektor des Theologischen Studienseminares der VELKD in Pullach

Wir sind evangelisch