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Bild: Dorothee Krämer

Gott nah zu sein, ist mein Glück

Tagesthema 31. Dezember 2013

Jahreslosung 2014

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“

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Bild: Dorothee Krämer

Nein, das steht nicht in der Bibel. Aber als Jugendlicher musste ich diesen Text auswendig lernen, auf Englisch. Zitiert ist die deutsche Fassung, wie sie am 5. Juli 1776 in der die deutschsprachige Zeitung „Pennsylvanischer Staatsbote“ in Philadelphia erschienen ist. Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Mich hatte das als junger Mensch tief beeindruckt: zu den unveräußerlichen Rechten des menschlichen Seins gehört nach Ansicht von Thomas Jefferson und seinen Mitautoren aus den 13 Gründerstaaten der USA das „Bestreben nach Glückseligkeit“. Ich selbst war gerade mitten in der Phase, die als Adoleszenz oder Pubertät bezeichnet wird: Glücklich wollte ich werden – aber ich wusste nicht wie. Eines wussten wir damals sicher: anders als die Generation vor uns. Deshalb vermittelte es einen Anflug eines Glücksgefühls, wenn die Älteren wieder einmal die Hände über dem Kopf zusammen schlugen und laut aufbrüllten: „Junge, wie Du wieder aussiehst“: olivgrüner Bundeswehr-Parka, lange Haare und Jeans waren als Kleidung des pubertären Protestes damals angesagt. Wenn wir Bilder von damals Jugendlichen von heute zeigen, bleibt nur Kopfschütteln: „So seid Ihr damals freiwillig rumgelaufen?“

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Bild: Dorothee Krämer

Glück – was ist das eigentlich? So richtig verliebt sein? Eine Lohnerhöhung bekommen? Die Geburt eines Kindes? Wenn Deutschland mal wieder Weltmeister wird? Wenn das Lob alle Kritik übersteigt?

Neurowissenschaften haben es in den letzten Jahren erklärt, was Glück ist: Ein Mix aus Endorphine, Oxytocin sowie die Aktivität der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin. Wenn das Gehirn diese Botenstoffe auslöst, fühlen wir Menschen uns glücklich. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie wir dafür den Befehl geben können.

Es mag biologisch wichtig sein, dies medizinisch erklären zu können: Die persönliche Einstellung zum Glück hat es nicht geändert – und ich bin auch seither kein bisschen glücklicher, seit ich darüber gelesen habe – mit vielen Worten, die ich nicht verstanden habe.

Auch die Philosophie, diese Kunst des Denkens um des Denkens willen, hat immer wieder versucht zu erklären, was Glück ist: Für Sokrates stellte das Glücksgefühl kein Privileg der Begüterten, Vornehmen und von den Göttern Begünstigten dar, sondern ein für alle erreichbares Ziel, das durch vernunftgegründete, tugendhafte Lebensführung anzustreben ist. Und bei Platon gründet sich das Glück in der Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten: Glücklich sei der, welcher sich der Gerechtigkeit verpflichtet hat. Bei Aristoteles wird es dann kompliziert – er ahnte, dass es ein mehrstufiges Glücksmodell gibt.

„Das letzte Ziel des Menschen ist das Glück“, meinte der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin. Immanuel Kant ahnte, dass Moral eine Voraussetzung für das Glück ist. Friedrich Nietzsche war sich sicher: Glück sei das Talent für Schicksal. Und der Schweizer Philosoph Jean-Jaques Rosseau brachte es auf den Nenner: „Glück besteht aus einem hübschen Bankkonto, einer guten Köchin und einer tadellosen Verdauung.“ Der deutsche Schriftsteller und Journalist Theodor Fontane antwortet auf diese Sicht des Glückes: „Gott, was ist Glück: eine Griessuppe, eine Schlafstelle, keine körperlichen Schmerzen - das ist schon viel!“ Nein, so kommen wir keinen Schritt weiter – Nachdenken über das Glück hilft nicht bei dem „Streben nach Glückseligkeit“.

Bibel lesen
Bild: privat

Vielleicht dann doch eher in der Bibel nachschauen? Zweifel bleiben: „Glück in der Bibel gibt es nicht – zumindest nicht das Wort.“ Welch ein Trost, für den nüchternen Protestanten. Auch wenn Martin Luther einige Worte im Alten Testament mit „Glück“ übersetzt hat, keines heißt wirklich, das, was wir mit Glück meinen. Selbst das Wort Schalom hat Luther einmal mit „Glück“ übersetzt – und von „Schalom“ wissen wir doch, dass es Friede und Heil bedeutet.

Das Wort in dem Vers aus Psalm 73, der Grundlage der Jahreslosung für 2014 ist, hat auch Martin Luther nicht mit Glück übersetzt: „Gott nahe zu sein, ist mein Glück“. So heißt es in der Einheitsübersetzung. Und bei Luther klingt das so: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn.“

Denn die mit dem Wort Glück philosophisch wie theologisch geistesgeschichtliche Tradition ist lang und verleitet zu fröhlichen Irrläufern. Doch jenseits dieser geistesgeschichtlichen Facetten leben wir zur Zeit in einer diffusen Inflation des Themas Glück:

Das alles suggeriert: Glück ist machbar. Studien erklären, warum Menschen in Deutschland trotz der wirtschaftlich viel besseren Situation unglücklicher leben als Franzosen. Die ARD hat im vergangenen Jahr sogar eine gesamte Woche lang erklärt, wie glücklich sein aussieht und wie wir glücklich werden können. Wer ist nach dieser Themenwoche glücklicher? Wer weiß, welches die richtigen Methoden sind, um glücklich zu werden? „Jeder ist seines Glückes Schmied“ formuliert schon der Volksmund. Der Glaube daran, dass Glück bei gutem Willen machbar ist, passt trefflich in eine Zeit, die an die Machbarkeit der Dinge glaubt. In unserer Gesellschaft diktiert das Nutzenprinzip, dass mit den rechten Verfahren alle Ziele für erreichbar hält; eben auch Haltungen und Empfindungen. Und was nicht passt, wird passend gemacht – so auch das Glück – Streben nach Glückseligkeit.

  • Etwa in einer Buchhandlung: Ratgeber zum Glücklichsein gibt es Regal-Meter-Weise. Jede und jeder glaubt, über glückliche Momente, versagtes Glück und erwartete Glückszustände etwas sagen zu können: Wie werde ich glücklich im Beruf, in der Ehe, mit meinem Körper? Wie werde ich glücklich mit meinen vergeblichen Liebschaften und entglittenen Hoffnungen und meinem mittelmäßig gewöhnlichen Leben? Menschen sind auf der Suche nach Glück – und kaufen Bücher, Zeitschriften und lesen Studien und Umfragen, die ihnen erklären, wie sie das Glück finden können.
  • Es gibt sogar – von der Deutschen Post herausgegeben – einen „Glücksatlas“ Wir haben richtig Glück, wir in der Region Niedersachsen / Hannover liegen auf Platz 4 der zufriedensten Menschen in Deutschland – vor uns liegen nur die Menschen in Niedersachsen / Nordseeküste, die Menschen in der Region Hamburg und die Schleswig-Holsteiner. Anscheinend macht die Nähe zur Nordsee glücklich. Anders ist das an der Ostsee: Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern liegen auf dem vorletzten Platz. Und das Schlusslicht bilden die Sachsen.

Für das Jahr 2014, für das Jahr, das gerade ein paar Stunden alt ist, wird uns nun Glück zugesprochen: „Gott nahe zu sein, ist mein Glück“ aus Psalm 73. Das ist doch einmal ein grandioser Start ins neue Jahr: Freude und Glück, weil Gott mir nahe kommt, mir nahe ist:

als Kind in der Krippe im Stall, besucht von Engeln, Hirten und Weisen Männern
als Kind auf der Flucht nach Ägypten, treusorgende Eltern, ein Esel, auf dem Mutter und Kind sitzen, das Leben suchend in der Fremde
als Jugendlicher im pubertären Streit mit den Priestern im Tempel. „ich weiß es besser“
als Prediger in der Synagoge Nazareth – doch der Prediger gilt nichts in seiner Stadt.

So kann ich mich auf die nächsten 364 Tage einlassen, auf all die Tage: Wir können uns einsetzen, uns engagieren, arbeiten und kämpfen, unsere Träume leben – oder es wenigstens versuchen. Und all die Entscheidungen, die 2014 anstehen in der Gewissheit treffen, „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen“.

Es ist unser Glück, dass der uns nah ist, der unser Handeln so wandeln kann: Kyrie eleison – Herr erbarme Dich.

Es ist unser Glück, dass wir dieses Jahr von Anfang an wissen: Wir können unser Glück nicht selber machen: Kyrie eleison – Herr erbarme Dich.

Es ist unser Glück, dass wir im Gebet uns an den wenden können, der uns das Glück ist: Kyrie eleison – Herr erbarme Dich.

Pastor Christof Vetter

Das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer

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Dietrich Bonhoeffer, dargstellt vom Bildhauer Alfred Hridlicka. Bild: privat

Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

Biblische Jahreslosung 2014

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Über das Jahr 2014 haben die deutschsprachigen Kirchen Europas ein Wort aus dem Alten Testament gestellt: „Gott nahe zu sein ist mein Glück“, heißt es im Psalm 73, Vers 28 nach der in Teilen ökumenischen Einheitsübersetzung. Diese Jahreslosung sei eine Einladung sich von Gott suchen und finden zu lassen, heißt es in einer theologischen Auslegung. Gott komme dem Menschen darin ganz nahe. Wo Gott sei, stelle sich Glück ein.

Sich zu Gott zu halten sei jedoch „kein Geschäft. Gott vertrauen ist keine Garantie für ein lockeres und leichtes Leben“, räumt der Theologieprofessor Michael Rohde vom Theologischen Seminar Elstal bei Berlin ein. Wer aber Dunkelheit und Gottesferne durchlitten habe, „dem ist die Nähe Gottes köstlich. Wer unbeschwert vor Gott sein kann, der will die Welt umarmen“.

Die jeweiligen Jahreslosungen werden von einer ökumenischen Arbeitsgruppe der Kirchen in Deutschland, der Schweiz und Österreich ausgewählt. Die Texte sollen den heutigen Menschen und seine Alltagssituation im Blick haben. Bis heute orientieren sich viele christlich geprägten Familien an diesen Losungen.

Die Praxis biblischer „Losungen“ geht auf die Herrnhuter Brüdergemeine zurück. 1731 hat Graf Nikolaus von Zinzendorf, der Begründer dieser geistlichen Gemeinschaft, zum ersten Mal prägnante biblische Worte in einem „Losungsbuch“ zusammen gefasst. Seit dieser Zeit zieht wie bei einer Lotterie ein Mitglied der „Herrnhuter“ ein „Bibelwort des Tages“ aus einer silbernen Schale. Diese biblischen Worte werden dann in den „Herrnhuter Losungen“ veröffentlicht.

Die Jahreslosung wird allerdings nicht von der Herrnhuter Brüdergemeine, sondern von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen herausgegeben. Gleiches gilt auch für die Monatssprüche.

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