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Bild: Benjamin Haas - Fotolia.com

„ ... denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. ... “

Tagesthema 23. Dezember 2013

Die Hirtenstrophe

Wir standen scheu und stummen Munds:
Die Hirten, Kind, sind hier.
Und beteten und wünschten uns
Gerät und Pflug und Stier.

Und standen lang und schluckten Zorn,
weil uns das Kind nicht sah.
Griff nicht das Kind dem Ochs ans Horn
und lag dem Esel nah?

Es brannte ab der Span aus Kien.
Das Kind schrie und schlief ein.
Wir rührten uns, feldein zu ziehn.
Wie waren wir allein!

Daß diese Welt nun besser wird,
so sprach der Mann der Frau,
für Zimmermann und Knecht und Hirt,
das wisse er genau.

Ungläubig hörten wir‘s – doch gern.
Viel Jammer trug die Welt.
Es schneite stark. Und ohne Stern
ging es durch Busch und Feld.

Gras, Vogel, Lamm und Netz und Hecht,
Gott gab es uns zu Lehn.
Die Erde aufgeteilt gerecht,
wir hätten‘s gern gesehn.

Aus einem Gedicht von Peter Huchel
Rechte: (c) Mathias Bertram, Berlin

Zum Weihnachtsfest gehören Gedichte; Weihnachtsgedichte. Meine ersten Gedichte, die ich neben dem leuchtenden Tannenbaum vor dem als Weihnachtsmann verkleideten Großvater aufsagte, vergesse ich nicht. „Von drauß vom Walde komm’ ich her...“. Die Kinderverse waren eine Probe, die zu bestehen war, um Geschenke zu bekommen. Diese Übung durchzog die Heiligen Abende der Kindheit.

Dann plötzlich verschwand das Gedicht-Geschenke-Ritual. Doch als lyrischer Zusatz blieben diesem Abend entweder poetische Zeilen meiner Großeltern treu, die von meiner Mutter vorgelesen wurden. Oder neue und kritischere Gedichte tauchten auf, die auch die Weihnachtsgeschichte aus Lukas 2 umspielten. So war der Gedichtwechsel ein Teil des Abschieds aus der Kindheit, verbunden mit einer langsamen weihnachtlichen Entmythologisierung. Auch wenn der Weihnachtsmann von meinen Geschwistern und mir schon lange enttarnt und die Dekoration als Dekoration entlarvt waren, der Mythos wurde schließlich erst aufgelöst, als auch der ganze Zauber dieser Nacht als wiederholte Inszenierung entdeckt wurde. Doch was blieb aus diesen späten Jugendjahren von all den Anstrengungen für diese eine Nacht? Die Verse der Kritiker. Die Zeilen derjenigen, die diese Entzauberung erlebt hatten und dennoch nicht aufhörten, diese alte Geschichte mit ihren wundersamen Gesten und Bildern immer wieder neu zu befragen. Diese Zeilen konnten den jugendlichen Unmut über manchen Weihnachtsbrauch und die Gewöhnung an das immer Gleiche so erfassen, dass die Legende der Weihnachtsnacht in Bethlehem für mich spannend blieb.

Solche Verse sind für mich bis heute lyrische Tiefenbohrungen. Die Hirtenstrophe von Peter Huchel gehört dazu. Immer wieder werden die Hirten in ihrer Armut als erstes Publikum der Geburt Gottes im Stall von Bethlehem in den Weihnachtspredigten herbeizitiert. Doch meist erschöpft sich die Interpretation in dem Stereotyp: die Ärmsten seien die ersten, die das Wunder erkannten. Peter Huchel jedoch gelingt eine andere Sichtweise. Die Hirten sind die ersten Enttäuschten. Sie gehen uns voran: fasziniert und ernüchtert. Wie fremd und unnahbar bleiben doch diese Versprechungen im Glanz der dunklen Nacht für jene einsamen Zuschauer. Es ist eine Erzählung enttäuschter Hoffnungen; alles wird an ihnen vorübergehen.

Peter Huchel war empfindsam für die Bildkraft des Christlichen. Und auch als Agnostiker, der in kritischer Distanz die großen Verheißungen des Christentums umkreiste, nutzte er Metaphern der biblischen Überlieferung in seinen Gedichten. Für diese kritische Distanz reichte im 20. Jahrhundert die Erfahrung der Menschen, die zwei Weltkriege durchlebten und in Diktaturen geknechtet wurden. „Es schrieb das Leid mit aschiger Schrift: Wer kann bestehn?“ formuliert Huchel in einem Gedicht. Versprechungen oder Trost konnte man von ihm nicht erwarten. Doch auch bei ihm enden die poetischen Bilder der Hirtenstrophe im Konjunktiv: „wir hätten’s gern gesehn“. Wie ein ferner Nachhall erklingen die vergeblichen Versprechungen, die der Mann der Frau einflüstert. Doch so ist der Sinn für die Möglichkeiten gereizt.

Die Geburt Gottes ist nicht eine Verheißung für ferne Zeiten sondern eine tägliche Provokation in einer Welt voller Ungerechtigkeit. „Denn nahe war die Zeit.“ 

Von Landesbischof Ralf Meister

„Wahrscheinlich würden wir ihn nicht erkennen ...“
Landesbischof Ralf Meister zum Weihnachtsfest

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Bischof schreibt überraschendem Foto

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Die Weihnachtskarte des Landesbischofs. Bild: epd-Bild

Mit einem schockierenden Foto auf seiner Weihnachtskarte sorgt der hannoversche Landesbischof Ralf Meister für Aufsehen. Es zeigt die Havarie eines völlig überladenen Flüchtlingsbootes unmittelbar vor der Mittelmeerinsel Lampedusa. "Ich wollte in diesem Jahr ein Motiv haben, das die weltweite Flüchtlingssituation symbolisiert", sagte der evangelische Theologe auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd). Das Farbfoto zeigt, wie Menschen von Bord springen und sich durch hohe Wellen an den Strand kämpfen. Drei der rund 500 Flüchtlinge aus Ghana, Nigeria und Pakistan starben bei dieser Aktion.

„Die Schlüsselfrage ist für mich dabei die Suche nach einer Herberge, die ja auch das zentrale Motiv der Weihnachtsgeschichte ist“, erläuterte Meister. Die offizielle Weihnachtskarte des Landesbischofs wird jedes Jahr an rund 500 Personen des öffentlichen Lebens verschickt.

Die historische Darstellung von Josef, Maria und dem Jesuskind in der Krippe des Stalles von Bethlehem sei allgemein bekannt: „Ich wollte die Aktualität der Erzählung durch ein neues, zeitgemäßes Bild zum Ausdruck bringen.“ Das Foto habe ihn berührt, weil es „sowohl Hoffnung als auch Vergeblichkeit“ ausdrücke.
Das Bild ergänzt der Landesbischof um das Gedicht „Die Hirtenstrophe“ des 1981 verstorbenen Lyrikers Peter Huchel. Es sei "eine Erzählung enttäuschter Hoffnungen", schreibt Meister dazu in einem Beitrag der in Hannover erscheinenden „Evangelischen Zeitung“, in der das Foto ebenfalls abgedruckt ist. In dem Gedicht heißt es unter anderem: „Gras, Vogel, Lamm und Netz und Hecht, Gott gab es uns zu Lehn. Die Erde aufgeteilt gerecht, wir hätten's gern gesehn.“

Der Bischof der größten evangelischen Kirche in Deutschland hatte in den vergangenen Monaten wiederholt eine neue europäische Flüchtlingspolitik gefordert. „Lampedusa entscheidet über die Humanität in Europa“, sagte Meister im November vor dem Kirchenparlament in Hannover. Die Landessynode verabschiedete bei ihrer Herbsttagung auch eine Resolution für einen besseren Schutz von Flüchtlingen. Dazu gehörten menschenwürdige Aufnahmebedingungen in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.

epd