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Gebraucht am Abend der Abende

Tagesthema 22. Dezember 2013

Seit 25 Jahren: Seelsorger am NDR-Weihnachtstelefons

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Miteinander reden. Bild: epd-Bild

Schlicht und zurückhaltend klingt der Gruß aus dem Hörer: „Guten Abend, hier ist das NDR 1 Weihnachtstelefon“. Seit 25 Jahren melden sich am Heiligen Abend im Norden ehrenamtliche Seelsorger mit diesen Worten. Den Namen zu nennen ist unwichtig - für beide Gesprächspartner. „Wir wollen den Menschen damit vor allem eines signalisieren“, sagt der katholische Pastor Andreas Brauns aus Hildesheim: „Wir sind bereit, ihnen und ihren Sorgen zuzuhören, und das am Abend der Abende, am Fest der Feste.“

Von 18 bis 22 Uhr schenken rund 40 Freiwillige vier Stunden ihres Weihnachtsfestes ganz dem Kummer, den Nöten und den existenziellen Fragen fremder Menschen. Die ökumenische Aktion startete im Jahr des Mauerfalls 1989 aus dem Gefühl heraus, dass gerade am Abend der Abende viele Menschen in ein emotionales Loch fallen könnten oder unter Einsamkeit litten. „Die Hotline war ein Experiment, um diesem Leiden zu begegnen“, sagt Brauns. Bis heute merke er jedes Jahr wieder, dass das Weihnachtstelefon gebraucht werde.

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Andreas Brauns

Anders als bei den meisten Hotlines landen die Anrufer in keinem Call-Center. Computergesteuert werden Hilfesuchende automatisch mit den privaten Anschlüssen der Seelsorger verbunden. „So kann jedes Gespräch auch für die Helfer große persönliche Spannungen erzeugen“, sagt der evangelische Pastor Jan von Lingen, der seit zwölf Jahren das Angebot mitorganisiert. „Immerhin feiern wir alle gleichzeitig auch mit unseren Familien Weihnachten.“

Im übertragenen Sinne würden die Menschen zu den Seelsorgern nach Hause eingeladen. „Sie dürfen Gast sein und erfahren so eine ganz besondere Atmosphäre, die sich positiv auf sie überträgt“, ist sich von Lingen sicher. Für ihn liegt darin der wahre Geist des Weihnachtsfestes. „Indem ich zuhöre und mir Zeit nehme, schenke ich den Menschen ein Stück des Glückes, das mir vielleicht gegeben ist.“

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Jan von Lingen

Die Sorgen der Anrufer sind seit der Anfangszeit sehr ähnlich. Geldprobleme, Schwierigkeiten mit dem Älterwerden, Zukunftsängste oder Streit gehörten dazu. Zunehmend hätten die Menschen mit Vereinsamung zu kämpfen. Für Andreas Brauns ist es allerdings immer wieder überraschend, wer welche Sorgen äußert. „Geschieden, verwitwet oder im Streit auseinandergegangen, alt, jung, arm, reich - in wenigen Stunden erleben wir am Weihnachtsfest ein wahres Panoptikum der Gesellschaft.“

Längst nicht jeder Anrufer leide Not. Bei etwa einem Viertel aller Telefonate wollten Menschen nur dafür danken, dass die Seelsorger für Hilfesuchende da seien. Die Hälfte der Gespräche drehe sich um kleinere Probleme. „Bei einem Viertel allerdings geht es um richtig große Lebensfragen“, sagt Jan von Lingen. „Das kann so existenziell sein, dass man mit Suizidgedanken konfrontiert wird.

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Am Telefon zuhören. Bild: epd-Bild

Die Seelsorger versuchen den Anrufern Impulse oder einen Fingerzeig zu geben, wie es weitergehen könnte. „Unsere Ehrenamtlichen können in den Gesprächen die Probleme nicht lösen, das ist jedem klar.“ Teils werde am Ende eines Gespräches auf die Angebote der Telefonseelsorge oder auf Hilfegruppen verwiesen. Bei extrem schwierigen Fällen bieten die Seelsorger den Anrufern ein gesondertes Gespräch an. Das übernehmen dann entweder Jan von Lingen oder Andreas Brauns.

Zwar stelle er sich gerne der Verantwortung, erzählt von Lingen, doch es falle ihm auch schwer, sich über das Jubiläumsjahr des „Weihnachtstelefons“ zu freuen. „Es gibt ja eigentlich nichts zu feiern. Wir bieten das an, weil ein Bedarf besteht. Wir werden wohl auch noch weiter lange gebraucht werden.“ Letztlich gäbe es erst Grund zur Freude, wenn das Weihnachtstelefon überflüssig geworden sei, ergänzt Brauns. „Wenn die Menschen wieder miteinander reden, Nachbarn sich kümmern und zu Weihnachten Herzlichkeit herrscht.“

Von Björn Schlüter (epd)

Weihnachtstelefon

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Kirche im NDR

Das „NDR 1 Weihnachtstelefon“ entstand 1989 und richtet sich an einsame Hörer, die zur Weihnachtszeit ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte suchen. Bis zu 40 Ehrenamtliche mit seelsorgerlicher Ausbildung nehmen am Heiligabend von 18 bis 22 Uhr die Anrufe entgegen. Suchende werden computergesteuert an private Rufnummern weitergeleitet. Die Gespräche in der Weihnachtsstube der Seelsorger schaffen nach Beobachtung der Initiatoren eine vertrauensvolle Atmosphäre, die sich positiv auf die Anrufenden überträgt.

Ursprünglich wurde das „Weihnachtstelefon“ nur in Niedersachsen angeboten. Seit 1997 steht es Hörern im gesamten Funkbereich der NDR-Landesprogramme offen. Pro Jahr versuchen nach Angaben der Evangelischen Kirche im NDR rund 1.000 Hörer, die Hotline anzurufen. Bei jedem vierten Anruf gehe es um existenzielle Lebensfragen, die längere seelsorgerliche Gespräche erfordern.

Einzelne Telefonate dauern in der Regel bis zu 30 Minuten. Sollte danach noch weiterer Seelsorgebedarf bestehen, werden die Anrufer auf die Dauerangebote der Telefonseelsorge oder der „Nummer gegen Kummer“ hingewiesen. Auf Wunsch sprechen die Seelsorger den Anrufern auch einen Weihnachtssegen aus oder beten gemeinsam mit ihnen am Telefon.

Die Telefonnummer:

Die Telefonnummer 08000/607080 ist am 24. Dezember zwischen 18 und 22 Uhr zu erreichen.

epd

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