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Bild: Jens Schulze

Unterwegs

Tagesthema 21. Dezember 2013

Meine Weihnachtsgeschichte

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Maria auf der Flucht – so könnte dieses Foto heißen. Wie Maria damals so müssen auch heute Menschen aufbrechen und sich unfreiwillig auf einen beschwerlichen Weg machen, der sie nicht immer in Sicherheit führt. Maria fand in einem Stall eine Zuflucht und brachte das Jesuskind zur Welt. Unser Foto zeigt Flüchtlinge an der Grenze von Syrien und Jordanien – ihr Schicksal ist ungewiss. Bild: epd-Bild

Nein, mit einer Schwangerschaft hatte ich doch nicht gerechnet! Als mir so übel war, dachte ich, die Milch wäre vielleicht schlecht gewesen oder ich hätte das Gemüse nicht vertragen. Aber dann guckte erst meine Mutter so komisch und dann meine Tante. Und dann sagten sie, ich müsste den Josef heiraten. Dabei war ich mir gar nicht sicher, ob ich das wollte. 

Aber es kam noch schlimmer. Plötzlich hieß es, Josef und ich müssten aufbrechen! Volkszählung, kein Wenn und Aber. Nach Bethlehem sollten ich mit ihm gehen, dort stammt seine Familie her. Geweint haben wir, meine Mutter und ich. Sie hat mich nicht gern ziehen lassen, so allein, so hochschwanger. Aber sie musste ja in Nazareth gezählt werden.

Die Reise war furchtbar. Ich war ja noch nie weg gewesen aus Nazareth. Lauter fremde Leute, den ganzen Tag auf dem Esel. Und Josef war so wortkarg. Der ging einfach weiter, den Esel an der Hand. Nur ab und zu fragte er, ob es mir gut geht. Was sollte ich sagen? Nein, es ging mir nicht gut, ich wollte nach Hause.

Ich war so froh, als wir endlich in Bethlehem ankamen. Auf ein sauberes Bett habe ich mich gefreut. Ich wollte mich dringend waschen und meine Füße waren ganz dick geschwollen, das Baby kugelte sich in meinem Bauch.

Wie gern hätte ich eine Tür zugemacht und wäre allein gewesen! Aber dann: keine Unterkunft, alles, aber auch alles ausgebucht. Josef wurde immer verzweifelter. So habe ich ihn noch nicht gesehen. Und ich habe nur noch geheult. Das tat einer Frau dann wohl leid und sie sagte zu ihrem Mann: Komm, wir lassen sie wenigstens hinten in den Stall. 

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Margot Käßmann. Bild: epd-Bild

Irgendwie war das dann fast schon tröstlich. Wenigstens ein Dach über dem Kopf. Nur ein Stall, kein frisches Wasser, kein Bett, nur Stroh, aber ich war froh, mich endlich hinlegen zu können. Doch mit Ruhe war gar nichts. Auf einmal tat mein Rücken weh, der Bauch verkrampfte sich, ich bekam furchtbare Schmerzen und fing an zu schreien. Josef blieb absolut ruhig, er hielt meine Hand, streichelte meinen Bauch und – ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat – mein Sohn wurde geboren. Das war unfassbar, ich konnte gar nicht glauben, dass so etwas möglich ist, ein Wunder! Da haben wir dann beide geweint, aber vor Glück. Josef hat bei der alten Frau warmes Wasser geholt, den Kleinen gewaschen und in alte Windeln gewickelt, die meine Mutter mir vorsichtshalber mitgegeben hatte.

Wir waren so erschöpft, wir haben erst einmal geschlafen alle Drei. Am nächsten Morgen kamen dann ein paar sehr merkwürdige Gestalten. Angenehm war mir das nicht. Sie guckten alle den Kleinen an und sagten, Engel hätten ihnen erzählt, er sei Gottes Sohn, er würde die Welt retten. Du liebe Zeit, wie merkwürdig! Ich hab mir aber gedacht: Maria, vergiss das bloß nicht! Das ist ja unfassbar, das musst du in Nazareth allen erzählen.

Später kamen noch andere. Die Menschen waren unfassbar nett zu uns, brachten Geschenke, versorgten uns mit Essen, brachten sogar Feuerholz, einige nicht ganz so praktische Sachen wie Weihrauch, Gold und Myrrhe – aber das können wir für den Kleinen ja aufheben, das ist ja wertvoll.

Wie froh war ich, als wir endlich nach Nazareth zurück konnten. Das war dann noch einmal schlimm, so lange mit dem Kind unterwegs. Josef war wunderbar, er hat uns wirklich gut versorgt. Diese Erfahrung hat uns zusammen geschweißt. Das vergesse ich ihm nicht, wie er da war für mich.

Margot Käßmann, „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag der EKD