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Bild: Jens Schulze

Vier Frauen, vier Zugänge zu Maria

Tagesthema 18. Dezember 2013

Vier Frauen und vier Zugänge zu Maria. Die Evangelische Zeitung hat für die Weihnachtsausgabe mit dem Thema „Maria“ vier Frauen aus Christentum, Judentum und Islam ausgewählt, die ihre persönliche Nähe zur Mutter Jesu beschreiben: Die evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs, die katholische Politikerin Rita Waschbüsch, die liberale Jüdin Alisa Bach und die islamische Religionslehrerin Annett Abdel-Rahman.

Aus unterschiedlichen Religionen und Konfessionen:
„Was mir Maria bedeutet“

Die evangelische Bischöfin

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Kirsten Fehrs

In der großartigen Aufführung des Weihnachtsoratoriums des Ballett Hamburg, choreografiert von John Neumeier, heißt sie nur „die Mutter“. In hellblauem Kleid, die langen Haare schlicht zusammengebunden, tanzt sie mit zarter Kraft den Zauber des Anfangs. Das „Wunder-Volle“ dieser fast schwebenden Szene trägt ein ganzes Publikum. Ich halte den Atem an, als die Arie „Schlafe, mein Liebster“ erklingt. Die Mutter Jesu scheint mit dem Kind, symbolisiert durch ein weißes Hemd, ganz versunken zu spielen, als auf einmal die Ahnung des Kreuz-Schmerzes sie und ihren Körper hochreißt.

Diese Gleichzeitigkeit von Hingabe und Schmerz, von zärtlicher Liebe und Widerstandskraft ist in kaum einer biblischen Figur so präsent wie bei Maria. Anbetend versucht sie zu fassen, was da mit ihr geschieht und bewegt all dies, was sie letztlich nur glauben kann, in ihrem Herzen. Viele bildliche Darstellungen in der abendländischen Kunstgeschichte zeigen sie genauso: Die junge Frau, der fast erschrocken gewahr wird, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringt, den sie unabdingbar liebt. Und so neigt sie sich ihrem Sohn und ihrem Gott zu, den sie im zugigen Stall mit ihrem Mantel zu schützen versucht. Willkommen, kleiner Herre Christ, der du zu uns gekommen bist. So mag sie gesummt haben. Willkommen in dieser Welt, die eines kleinen schutzlosen Kindes bedarf, um ihrerseits wehrlos werden zu können und friedensleis.

Sie, die Mutter, ist es, die den Gottessohn an die Erde bindet. Sie bürgt für das Irdische und das Menschliche an Jesus Christus. Sie steht auch für den Wunsch und die Erfahrung, dass Gott die irdischen Nöte nicht gleichgültig sind. Denn auch davon weiß Maria ein Lied zu singen, von der Gewalt der Herrschenden, von großer Armut. „Maria durch ein’n Dornwald ging, der sieben Jahr kein Frucht getragen.“ Sie trägt den Zauber des Anfangs, das Geheimnis werdenden Lebens durch einen ganzen Wald von Dornen. Sie tut es nicht allein für sich. Sie, die einst das so gefühlvolle, hochpolitische Magnificat sang, dieses Hoffnungslied, in dem sie den Umsturz erwartet und Gerechtigkeit für die Erniedrigten, diese singende Maria voller Erwartung tut es für uns. Und da haben die Dornen auf einmal Rosen getragen! Einfach weil sie dies Kindlein durch den Wald getragen. Gott hat sich ihrer, hat sich unser erbarmt.

Maria trägt das Ja Gottes auch in die heutige Welt. Ich wünschte, dass dieses Ja bei den vielen erschöpften, verängstigten und den bitter gewordenen Menschen unserer Tage ankommen würde. Das Lächeln ihres Kindes ist wie eine Antwort auf die menschlichste aller Fragen, ob das Leben seinen Sinn findet. Gott antwortet mit Ja. Mit einem Kinderlachen segnet er uns. Bei ihm sind unsere Lebensgeschichten aufgehoben, die Dornen ebenso tragen wie die Kraft, Rosen zum Blühen zu bringen. Beides gehört zu uns. Wie zu der Maria.

Kirsten Fehrs ist Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck.

Die katholische Politikerin

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Rita Waschbüsch

In meiner Kindheit war Maria für mich vor allem eine Gestalt, die von Weihnachten her ausstrahlte: Wie sie unter schwierigen Bedingungen „Ja“ sagte zu der Anmutung Gottes, die der Engel ihr verkündete, und dann als liebende und fürsorgliche Mutter ihr Kind in die Krippe legte. Begeistert sang ich die zärtlichen und frohen Weihnachtslieder oder auch die innigen Marienlieder an den katholischen Marienfesttagen. Das katholische Brauchtum ist da ja vielfältig.

Während des Erwachsenwerdens kamen dann stärker auch andere Farben in mein Marienbild. Ihr geschah ja auch für sie Unverständliches, etwa dass Jesus ganz andere Wege ging, als eine Mutter von ihrem Sohn erwarten durfte. Dann musste sie Bitteres und Schmachvolles auf dem Weg nach Golgotha ertragen. Dennoch ging sie ihn in unbedingter Treue von der Krippe bis unter das Kreuz. Das war Maria als diejenige, die mit ihren Leiderfahrungen den Menschen in Not und Ausweglosigkeit nahe ist.

Die sicherlich entscheidenste Prägung meines Marienbildes rührt aber her von dem biblischen Lukastext 1, 46-55, der von Mariens Besuch bei Elisabeth berichtet. Nachdem Elisabeth Maria freudig begrüßt hat,stimmt diese einen geradezu jubelnden Lobgesang an: „Hoch preiset meine Seele den Herrn...“ Dieses Magnifikat, das mit seiner Kraft und Ausstrahlung bis heute viele Künstler in Musik und Dichtung aufgegriffen haben. Maria wagt es als junge, unbedeutende Frau in eine Zeit hinein, die ganz und gar patriarchalisch ist, die Texte der Propheten aufzugreifen und den Gewaltherrschern ihr Ende vorherzusagen, den Unterdrückten Freiheit anzukündigen, den Verzagten mit dem Verweis auf Gottes Treue Mut zu machen. Nur er ist der Erhabene und Mächtige, er misst nicht mit der Elle der Welt von hoch und niedrig. Er lenkt die Geschicke der Welt! In diesem Lobgesang begegnet uns Maria als die starke mutige Frau, die mit ihrem ganzen Leben auf Gott verweist.

So ist mir Maria zugleich mütterliche, mitfühlende und starke Schwester als Weggefährtin auf meinem Glaubensweg.

Rita Waschbüsch war von 1988 bis 1997 Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken; sie war die erste Frau in diesem Amt.

Was Maria der Jüdin Alisa Bach und der Muslima Annett Abdel-Rahman bedeutet

Ein neuer Anfang

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Hans-Christof Vetter, Pastor

Macht's wie Gott – werdet Mensch!“ Ein Graffiti bringt das Weihnachtswunder auf den Nenner. Gott wird Mensch: in einem Futtertrog in einem Stall bei Bethlehem – oder wie es im Glaubensbekenntnis heißt: „geboren von der Jungfrau Maria“. Das ist es, was Menschsein begründet: geboren von einer Frau. In Wehen und mit Schmerzen zur Welt gebracht, mit mütterlicher Liebe und Barmherzigkeit umfangen.

In den Talkshows im deutschen Nachmittagsprogramm ist häufig zu erleben, dass mit aufwendigen Tests festgestellt wird, wer der Vater eines Kindes ist – dass dieses Kind von einer Mutter geboren ist, bleibt unumstritten.

Das Weihnachtsfest gilt auch der besonderen Bedeutung der Mutter. Es ist ihre Liebe, die uns zum ersten Mal erfahren lässt, dass wir geliebt werden. Es ist ihre Zärtlichkeit, die uns zum ersten Mal wahrnehmen lässt, dass andere bei uns Gefühle des Wohlbefindens hervorrufen können. Und es ist diese Gemeinschaft der Mütter aller Welt und aller Zeiten, die uns mit Jesus verbindet: Ich, von einer Mutter geboren, und er, von seiner Mutter Maria geboren. Die Rolle der Mütter soll nicht unnötig verherrlich werden: Es gibt auch „Rabenmütter“. Aber es bleibt diese besondere und einzigartige Beziehung, die jeder Mensch hat, die uns vielleicht nicht menschlich werden lässt, aber uns zum Menschen macht.

Wenn Kinderstar Heintje vor langer Zeit gesungen hat: „Wenn du noch eine Mutter hast“, so besang der Kinderstar, wie dankbar jede und jeder sein darf, wenn die Mutter noch für das – vielleicht erwachsen gewordene – Kind da ist.
Der Song zog allerdings nicht in Zweifel, dass jede und jeder eine Mutter hat.

Deshalb ist Weihnachten auch ein Fest der Mütter – und nicht, weil sie bis zum Beginn des Festes in all den Vorbereitungen gefangen sind, sondern weil Weihnachten auch das Fest der Gottesmutter ist. Wenn wir uns an einen gedeckten Tisch setzen, dürfen wir nicht vergessen, dass es häufig die Mütter sind, die das Weihnachtsfest zum Fest machen.

Christof Vetter ist Geschäftsführer des Lutherischen Verlagshauses in Hannover.

„Geboren von der Jungfrau Maria“

Als reißerische Schlagzeile für Medienberichte taugt die „Jungfräulichkeit“ Marias bis heute. Ob es aber in ein Glaubensbekenntnis des 21. Jahrhunderts gehört, dass Jesus „von der Jungfrau Maria geboren“ wurde, ist fraglich. Der Rostocker Alttestamentler Hermann Michael Niemann, sieht darin vielmehr eine zeitlose Aussage über das Verhältnis zu Gott.

In seinem Bericht erklärt er, dass die Jungfräulichkeit Marias kein Dogma sei, das Christen wider ihr biologisch-medizinisches Wissen glauben müssen, sondern vielmehr eine Aussage über ihr Verhältnis zu Gott.

Den ganzen Bericht lesen beim Thema der Woche der Evangelischen Zeitung