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Bild: epd-Bild

Ein Zirkuswagen auf dem Weihnachtsmarkt

Tagesthema 16. Dezember 2013

In einem nostalgischen Zirkuswagen auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover lauschen Kinder einer Märchenerzählerin. Restauriert wurde das Gefährt von Arbeitslosen. Ein sozialer Verein will ein Ensemble solcher Wagen demnächst zum Hostel machen.

Von der Märchenbühne zur Jugendherberge

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Der Zirkuswagen am Rand des hannoverschen Weihnachtsmarktes. Bild: Dethard Hilbig / epd-Bild

Draußen duftet es nach gebrannten Mandeln, und vom Karussell klingt der Weihnachtsklassiker „Süßer die Glocken nie klingen“ herüber. Drinnen, in einem nostalgischen Holzwagen, haben es sich Kinder mit roten Kissen auf dem Boden gemütlich gemacht und lauschen gebannt dem Märchen von Frau Holle, die es auf Erden schneien lässt. Erzählerin Marlis Förster sitzt auf einem königlichen Thron, neben ihr ein geschmückter Tannenbaum. In einem „Vorlesewagen“ unterhält sie Kinder auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover. Nur eines will nicht recht zur weihnachtlichen Atmosphäre passen: Außen am Wagen steht „Zirkuscafé“.

Das zehn Meter lange Gefährt ist einer von mehreren Wagen des gemeinnützigen Vereins „Bildung und Beruf“. Arbeitslose bauen dort ausrangierte Anhänger zu klassisch anmutenden Zirkuswagen um. So war der Wagen auf dem Weihnachtsmarkt einst ein Packwagen, mit dem ein Zirkus seine Geräte von Stadt zu Stadt brachte.

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Der Verein „Bildung und Beruf“ will Arbeitslosen mit dem Bau von Zirkuswagen Wege in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt ebnen. Bild: Dethard Hilbig / epd-Bild

Hinter dem weihnachtlichen Märchenwagen steht ein konkretes Sozialprojekt: Der Verein will durch den Bau der Wagen jungen und älteren Arbeitslosen eine Perspektive auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt bieten. „Wir suchen Beschäftigungsnischen für unsere Angestellten“, sagt Geschäftsführer Andrej Vogel. „Dann wollen wir sie zu Arbeitgebern weitervermitteln.“

Viele der hier beschäftigten Jugendlichen kommen aus schwierigen Verhältnissen. Die meisten müssen erst einmal an die Arbeitswelt gewöhnt und dafür motiviert werden. Deswegen sei es wichtig, etwas Handfestes herzustellen, damit die Jugendlichen schnell die Ergebnisse ihrer Arbeit sehen. „Wir wollen etwas mit bleibendem Wert bauen.“

Einer der Angestellten ist Uwe Domian. Der 52-jährige hat als einer der wenigen älteren Teilnehmer das Podest und das Geländer am Eingang des Zirkuswagens miterrichtet. Das Jobcenter vermittelte ihn an den Verein, auf den die Weihnachtsmarktbesucher durch ein Schild auf der Rückseite des Wagens hingewiesen werden. „Hier lerne ich viele verschiedene Handwerke kennen“, erläutert der gelernte Fliesenleger. Fräsen, schleifen, bohren, nähen oder verglasen - beim Wagenbau sind viele Arbeitsschritte nötig.

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Pläne. Bild: Dethard Hilbig / epd-Bild

Anfangs hatte der Verein noch das Ziel, in seiner Werkstatt ausschließlich alte Zirkuswagen wieder aufzupolieren. Inzwischen hat sich herauskristallisiert, dass der komplette Neubau eines Wagens viel leichter zu bewerkstelligen ist als ein Umbau. „Mittlerweile besorgen wir uns nur noch die Gestelle der Wagen“, sagt Vogel.

Sobald wie möglich will der Verein ein Ensemble restaurierter Wagen als Hostel betreiben - mit Schlaf-, Sanitär- und Speisewagen. Sechs Wagen sind bereits fertig. Im jetzigen Vorlesewagen sollen die Gäste dann frühstücken. Die Arbeitslosen - so der Plan - werden das Hostel auch selbst betreiben. Nur ein Ort dafür ist noch nicht gefunden. Darüber verhandelt der Verein seit Monaten mit der Stadt und dem evangelischen Stadtkirchenverband.

So lange das so ist, werden die Vehikel für andere Zwecke genutzt - zum Beispiel als Vorlesewagen auf dem Weihnachtsmarkt. Hier steht der Zirkuswagen schon zum zweiten Mal. Die Märchenstunde, die früher in einem benachbarten Hotel stattfand, wird hier viel besser wahrgenommen, erläutert Erzählerin Förster.

Für bis zu 40 Mädchen und Jungen ist Platz, und auch eine Heizung ist eingebaut. Die Holzdecke ist mit Sternen dekoriert, und die Lampen stahlen warmes Licht aus. Noch bis zum 22. Dezember entführen vier Erzählerinnen dort zweimal täglich Kinder in die Märchenwelt.

 

Von Stefan Korinth (epd)

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