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Bild: Giotto di Bondone (1267-1337)/ Wikimedia Commons

Gottes Barmherzigkeit erfahren

Tagesthema 14. Dezember 2013

Raum für Vertrauen

Lukas, der Historiker unter den Evangelisten, nennt Elisabeths Namen schon in Kapitel 1, hier ist sie eine zentrale Person. Er stellt sie uns vor als Frau des Priesters Zacharias. Sie stammt aus dem Geschlecht von Aaron, dem Bruder des Mose. Lukas betont, dass sie gerecht lebt und den Geboten Gottes entsprechend. So weit, so gut. Es gibt jedoch ein großes „Aber“ in ihrem Leben: „…sie hatten kein Kind. Denn Elisabeth war unfruchtbar, und beide waren schon betagt.“

Der Text ist knapp, die Lebensgeschichte dahinter ist nur zu ahnen: die jahrelange vergebliche Hoffnung einer jungen und dann nicht mehr jungen Ehefrau, ihre Trauer darüber, keine Kinder aufwachsen zu sehen, die Demütigungen und die soziale Diskriminierung, die sie als Kinderlose erfährt. Als Frau in biblischer Zeit keine Kinder zu haben bedeutet, mit einem Makel behaftet zu sein. All das schwingt mit in dem knappen Satz: „sie hatten kein Kind.“ Der Verweis auf das Alter des Paares lässt diesen Zustand als unveränderlich erscheinen.

Nach diesen einführenden Versen konzentriert sich der Evangelientext auf Zacharias. Während der Priester seinen Dienst verrichtet, erscheint ein Engel und verkündet, dass Zacharias und Elisabeth einen Sohn bekommen werden, mit Namen Johannes. Das ungläubige Nachfragen von Zacharias führt zu seinem Verstummen. Die Ankündigung wird wahr, Elisabeth wird schwanger. Sie zieht sich zurück.

Erst jetzt hören wir ihre eigenen Worte. Elisabeth lobt Gott (Lukas 1,25) und spricht damit aus, was wir als Lesende ahnten: Kinderlosigkeit bedeutet Schmach. Dies ist nun zu Ende, Gott sei Dank.

Im Folgenden verbinden sich die Erzählungen von Maria und Elisabeth. Wieder verkündet ein Engel eine überraschende Geburt und verweist Maria an ihre Verwandte: „dies ist der sechste Monat für sie, die doch als unfruchtbar galt. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich“ (Lukas 1,36f).

Die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth, ist in der Kunstgeschichte oft dargestellt: die alte und die junge Frau kommen aufeinander zu, stehen nah beieinander, berühren sich, zart, staunend, oft mit einer demütigen Haltung der Älteren gegenüber der Jüngeren.

Wieder hören wir Elisabeths Worte. Marias Gruß lässt das Kind in Elisabeth „hüpfen“, und Elisabeth deutet diese Situation theologisch. Sie erkennt vor allen anderen, wer der noch nicht Geborene ist. Sie ist die Erste im Lukas-Evangelium, die Jesus als ihren Herrn bezeichnet und die damit ein Glaubensbekenntnis spricht, laut und voller Freude.

Elisabeth bekommt einen Sohn, Grund zur Freude nicht nur für sie, sondern auch für die Nachbarn und Verwandten. Die letzte Szene, in der wir etwas über Elisabeth hören, erzählt von der ungewöhnlichen Namensgebung ihres Kindes. Lukas deutet eine Tradition an, nach der ein Sohn den Namen des Vaters bekommt. Elisabeth widerspricht jedoch den Anwesenden und sagt: „Nein, Johannes soll er heißen!“ (Lukas 1,60). Der stumme Zacharias bestärkt sie und bestätigt dies, indem er diesen Namen auf eine Tafel schreibt; danach kann er wieder sprechen und lobt Gott mit einem Lied, dem Benedictus (Lukas 1, 68-79).

Mit einem Hinweis auf Johannes, den Sohn von Elisabeth und Zacharias, der später in der Wüste lebt und den Weg für Jesus bereitet, endet das 1. Kapitel dieses Evangeliums.

In wenigen Versen, verteilt über ein paar Szenen, entwirft Lukas das Bild einer beeindruckenden Frau. Sie lebt den jüdischen Geboten entsprechend und doch gedemütigt durch die Kinderlosigkeit. Sie erlebt ihre Schwangerschaft als Gottesgeschenk und sieht sich selbst dadurch von Gott angenommen. Im Unterschied zu ihrem Mann scheint sie keinen Zweifel zu hegen an dem, was ihr passiert. Und als Verwandte und Vertraute von Maria ist sie es, die der jungen Frau in dieser anderen überraschenden Schwangerschaft beisteht und sie bestärkt. Sie ist Ehefrau und praktizierende Jüdin, Freundin und Vertraute, vom Geist erfüllt und eine „späte Mutter“.

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 Bild: lvh

Elisabeth wird uns vorgestellt als eine, die Gott vertraut, wie überraschend sein Wirken auch sein mag. Und sie kann in der Begegnung mit Maria etwas von diesem Vertrauen weitergeben. Mit ihren Worten segnet sie die junge Frau.

Vieles in ihrer Geschichte scheint überholt. Unsere Lebensentwürfe sind vielfältiger geworden, nicht alle Frauen wollen Mütter werden, und die Frauen, die Mütter sind, definieren sich nicht über ihr Mutter-Sein. Und dennoch: Elisabeth steht für den Schmerz der Kinderlosigkeit, den Paare erfahren, auch heute noch. Elisabeth steht auch für das Vertrauen, dass Gottes Wege überraschen, dass er der Barmherzige ist und dass diese Barmherzigkeit sich im Leben der Menschen zeigen wird. Und sie steht für eine schwesterliche Solidarität, die Generationen verbindet.

An Elisabeth können wir auch Spuren unserer eigenen Lebensgeschichte erkennen. Wir kennen den Schmerz über unerfüllte Lebenswünsche und Hoffnungen, wie Elisabeth, wir wissen, wie sich Sehnsucht nach dem, was noch aussteht und was nicht in unserer Macht liegt, anfühlt. An und mit Elisabeth ist aber auch die Freude zu entdecken, weil es zu manchen Zeiten, unverhofft und überraschend, Momente gibt, in denen sich unser Leben verwandelt, „denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ (Lukas 1,37)

Elisabeth hat es erlebt. Advent könnte heißen: mit Elisabeth dieser guten Nachricht zu vertrauen.

Ulrike Suhr, Professorin für Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie, Rauhes Haus, Hamburg

Frauen in der Bibel: „Elisabeth“

Kurz und unspektakulär berichtet Lukas von einer Begegnung zwischen zwei schwangeren Frauen: Maria, fast noch ein Mädchen, – und Elisabeth, in vorgerücktem Alter. Eine erbauliche Geschichte, weil es stärken kann, einem Menschen in Echtheit zu begegnen. Man geht anders von dannen, fühlt sich verstanden, genährt und getröstet. Auf die Suche „nach besten “ Freundinnen machte sich die Redaktion der „Evangelischen Zeitung“ in ihrer Serie „Frauen in der Bibel“.

Über die Freundin Elisabeth und andere Freundinnen:

Tagesthema über Freundinnen in besonderen Situationen

Die biblische Elisabeth zeigt, wie eine Begegnung unter Frauen zur spirituellen Erfahrung werden kann

Aus dem 1. Kapitel des Lukas-Evangeliums

Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester von der Ordnung Abija, mit Namen Zacharias, und seine Frau war aus dem Geschlecht Aaron und hieß Elisabeth. Sie waren aber alle beide fromm vor Gott und lebten in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig. Und sie hatten kein Kind; denn Elisabeth war unfruchtbar und beide waren hochbetagt. Und es begab sich, als Zacharias den Priesterdienst vor Gott versah, da seine Ordnung an der Reihe war, dass ihn nach dem Brauch der Priesterschaft das Los traf, das Räucheropfer darzubringen; und er ging in den Tempel des Herrn. Und die ganze Menge des Volkes stand draußen und betete zur Stunde des Räucheropfers. Da erschien ihm der Engel des Herrn und stand an der rechten Seite des Räucheraltars. Und als Zacharias ihn sah, erschrak er, und es kam Furcht über ihn. Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Johannes geben. Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen. Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist. Und er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren. Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist. Und Zacharias sprach zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt und meine Frau ist betagt. Der Engel antwortete und sprach zu ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, mit dir zu reden und dir dies zu verkündigen. Und siehe, du wirst stumm werden und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit. Und das Volk wartete auf Zacharias und wunderte sich, dass er so lange im Tempel blieb. Als er aber herauskam, konnte er nicht mit ihnen reden; und sie merkten, dass er eine Erscheinung gehabt hatte im Tempel. Und er winkte ihnen und blieb stumm. Und es begab sich, als die Zeit seines Dienstes um war, da ging er heim in sein Haus. Nach diesen Tagen wurde seine Frau Elisabeth schwanger und hielt sich fünf Monate verborgen und sprach: So hat der Herr an mir getan in den Tagen, als er mich angesehen hat, um meine Schmach unter den Menschen von mir zu nehmen.

Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.

...

Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.

Und für Elisabeth kam die Zeit, dass sie gebären sollte; und sie gebar einen Sohn. Und ihre Nachbarn und Verwandten hörten, dass der Herr große Barmherzigkeit an ihr getan hatte, und freuten sich mit ihr. Und es begab sich am achten Tag, da kamen sie, das Kindlein zu beschneiden, und wollten es nach seinem Vater Zacharias nennen. Aber seine Mutter antwortete und sprach: Nein, sondern er soll Johannes heißen. Und sie sprachen zu ihr: Ist doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt. Und sie winkten seinem Vater, wie er ihn nennen lassen wollte. Und er forderte eine kleine Tafel und schrieb: Er heißt Johannes. Und sie wunderten sich alle.

Und das Kindlein wuchs und wurde stark im Geist. Und er war in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er vor das Volk Israel treten sollte.