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Bild: epd-Bild

Lucia bringt das Licht

Tagesthema 12. Dezember 2013

Weiße Gewänder, ein Kerzenkranz auf dem Kopf - das schwedische Lichterfest am Luciatag ist mittlerweile auf der ganzen Welt beliebt. Dabei wurde die Tradition erst vor rund 100 Jahren in Schweden richtig bekannt - durch die Aktion einer Tageszeitung.

In Schweden feiert man am 13. Dezember die Lichterkönigin

Licht ins Dunkel bringen - das ist im schwedischen Winter besonders wichtig, wenn im Norden zwischen Sonnenaufgang und -untergang nicht einmal zwei Stunden vergehen. Das Licht hat sein eigenes Fest: Am 13. Dezember wird im ganzen Land Lucia gefeiert.

An diesem Tag ziehen zwischen Ystad und Kiruna junge Frauen in weißen Gewändern in Prozessionen durch Städte und Gemeinden und singen. Die Orte wählen offizielle „Luciaköniginnen“, die dann mit Lichterkrone voller Kerzen und gefolgt von ihren „Jungfern“ Altenheime, Krankenhäuser und Hospize besuchen. Sie lassen ihren Auftritt aber auch von Firmen buchen, um damit Geld für karitative Zwecke zu sammeln, etwa für die Krebsforschung oder die Obdachlosenhilfe.

Die Geschichte der Lucia-Tradition ist lückenhaft bis widersprüchlich. Doch das bekümmert einen Schweden nicht. Das Luciafest wird geliebt, als Mix aus heidnischen Sitten und Heiligenverehrung, gepaart mit modernen Bräuchen und begleitet vom Lied eines neapolitanischen Fischers: „Santa Lucia“.

Soviel weiß man: Der 13. Dezember war im alten julianischem Kalender, der bis 1582 galt, die dunkelste Nacht des Jahres. Und der 13. Dezember ist der Gedenktag der Heiligen Lucia, zu deutsch „die Lichtvolle“, die um 300 auf Sizilien lebte. Der Legende nach verweigerte sie sich einer Heirat, gründete eine Armen- und Krankenstation und brachte verfolgten Christen Lebensmittel in ihre Verstecke. Damit sie dabei auch in der Dunkelheit beide Hände frei hatte, soll sie einen Kerzenkranz auf dem Kopf getragen haben.

Die ersten Schilderungen von schwedischen Luciafeiern stammen aus dem 18. Jahrhundert. Aber eine landesweite Tradition war das nicht. Selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten erst wenige Schweden je eine Lucia zu Gesicht bekommen. Das sollte sich 1927 ändern. Stockholms Zeitung „Dagblad“ ließ die Leser wählen, wer zur ersten Lucia der Hauptstadt gekrönt werden sollte.

Im ganzen Land zog diese Idee daraufhin Kreise - sie ist allerdings in den vergangenen Jahren immer wieder auch diskutiert worden. Denn schließlich sei die Wahl der Lucia kein Schönheitswettbewerb, es gehe um die Gesangsstimme, mahnen Kritiker. Tatsächlich fällt auf, dass bei Lucia-Wahlen viele langhaarige Blondinen dabei sind.

Diesem Vorwurf wollte man sich 2013 zum Beispiel in Göteborg nicht aussetzen. Die Wahl fand nur nach Gehör statt: Der Gesang der Kandidatinnen wurde via Telefon benotet. In Malmö heißt die Lucia 2013 Caroline Johannesson. Im Fernseh-Interview schilderte die 19-Jährige die Beweggründe für ihre Bewerbung: Die Krankenpflegerin, die in einem Hospiz arbeitet und Ärztin werden möchte, war selbst jahrelang krank, „ich war ein Pflegepaket“. Als Lucia wolle sie anderen Hoffnung geben. Ihr Lucia-Terminkalender ist vollgebucht: 70 Auftritte stehen ihr und ihrem Gefolge bevor.

Eine der meistbesuchten Veranstaltungen ist traditionell die Luciafeier in Stockholms Freilichtmuseum Skansen. Hier war 1893 eine der ersten öffentlichen Luciafeiern. Heute setzt man neben vielen Konzerten auf ein historisches Fest und zeigt, wie die Prozessionen vor 100 Jahren aussahen.

Weniger öffentlichkeitswirksam, aber nicht minder geschätzt sind die Luciagruppen von Kindergarten- und Schulkindern im ganzen Land. Hier machen auch die Jungen mit, verkleidet als Sternenknabe oder Pfefferkuchenmann. Wochenlang haben die Mädchen und Jungen die traditionellen Lucia-Lieder geprobt und Gedichte gelernt - und fiebern den Darbietungen beim Altennachmittag oder vor Eltern und Großeltern entgegen.

So erlebte es auch die Göteborgerin Eleni Henriksen beim Auftritt ihres Sohnes Philip vor einer Seniorengruppe. Der 10-Jährige war so aufgeregt, dass er extra laut, aber auch ein bisschen falsch ins Mikrofon sang, was alle zu Tränen rührte. Der Sternenknabe war seinerseits von Applaus und Umarmungen der Zuschauer, die seit Jahren keinen Kinder-Lucia-Umzug mehr erlebt hatten, ergriffen.

Luciafeiern, zu denen auch Kaffeetrinken und das traditionelle Safrangebäck Lussekatter gehören, finden mittlerweile auf der ganzen Welt statt - überall, wo die Schwedische Kirche von Tallinn bis Toronto vertreten ist. In New York sind in der Holy Trinity Church allein drei Konzerte zu Lucia geplant. Alle Londoner Luciakonzerte, darunter das in der St. Pauls Cathedral, sind schon lange ausgebucht.

In der Münchener Gustav-Adolf-Kirche treffen sich nicht nur Schweden am 15. Dezember zu Gottesdienst und Lucia-Umzug. Und auch für die Schüler der Schwedischen Schule Berlin, getragen von der Schwedischen Kirche, ist Lucia von jeher ein großes Ereignis, wie Rektorin Eva Gripenstad erklärt. Traditionell ist immer das älteste Mädchen der sechsten Klasse Lucia. Jedes Jahr wird vor großem Publikum gesungen und musiziert. 2005 hatten die Berliner Schweden ihren bislang größten Auftritt im Dom, 1.600 Besuchen waren gekommen. Diesmal ist der Chor am Sonntag (15. Dezember) in der Auenkirche in Wilmersdorf zu hören.

Dagmar Lieder, epd