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Bild: epd-Bild

Firma Kumpel und Co

Tagesthema 09. Dezember 2013

Auch wenn es regnet, schneit oder friert - Bernhard „Bugs“ Richter gehört zu den Verkäufern einer Straßenzeitung in Deutschland. Das hat dem ehemals Obdachlosen geholfen, wieder in die Spur zu kommen. Denn davon träumt er: Endlich „Anker schmeißen“.

Als Verkäufer einer Straßenzeitung den Weg aus der Obdachlosigkeit gefunden

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Bernhard "Bugs" Richter (50) verkauft im Bremer Stadtteil Findorff die "Zeitschrift der Straße". Bild: Dieter Sell  

Langsam kriecht die Kälte unter den Pullover. Nieselregen, Schmuddelwetter. Doch Bugs, 50, mit bürgerlichem Namen Bernhard Richter, hat Glück. Er hockt trocken unter dem Vordach eines Supermarktes im Bremer Stadtteil Findorff und verkauft die „Zeitschrift der Straße“, eine von vielleicht 40 derartigen Titeln in Deutschland. In Hannover und Umgebung ist dies beispielsweise das Magazin „Asphalt“. Passanten eilen an dem ehemals wohnungslosen Mann vorbei. Doch immer wieder bleibt ein bekanntes Gesicht stehen und schiebt klimpernd eine Münze in die Spendendose.

Seit knapp drei Jahren verkauft Bugs die „Zeitschrift der Straße“. Auch jetzt bei zunehmend winterlichen Temperaturen. Mit ihm wird das Blatt in Bremen von mehr als 100 bedürftigen und meist drogenabhängigen Männern und Frauen angeboten, nur etwa ein Fünftel sind mit so langem Atem dabei wie er. „Wir haben eine große Fluktuation“, bestätigt Reinhard „Cäsar“ Spöring, ehrenamtlicher Vertriebskoordinator der Zeitschrift, die oft auch als „Obdachlosenzeitung“ bezeichnet wird. „Vielen fällt es schwer, ihr Leben neu zu organisieren.“

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Bernhard "Bugs" Richter auf der Bühne des Bremer Theaters, wo er mit seinem Hund Kumpel in der Straßenoper "The Art of Making Money" als der auftritt, der er ansonsten ist - Verkäufer der Bremer Obdachlosenzeitschrift. Bild: Dieter Sell  

Das ist schon nötig, um wegzukommen vom Schnorren, von der Beschaffungskriminalität, vielleicht vom „Platte machen“, vom Schlafen in Parks, auf Bänken, unter Brücken, in Hauseingängen. Bugs hat eine eigene Wohnung. Er verkauft an Stammplätzen und zu festen Verkaufszeiten, meist an Stammkunden. „Die erwarten, dass ihr Verkäufer auch da ist“, sagt Cäsar. „Das stärkt schon die Struktur.“

Dass Richter schon so lange dabei ist, hat viel mit seinem besten Freund zu tun. Der liegt geduldig neben ihm auf einer Decke und heißt schlicht „Kumpel“. Bugs schützt den Hund mit einem Schlafsack gegen die feuchte Kälte. Der revanchiert sich mit einem treuen Blick, der manchem potenziellen Spender Geld aus dem Portemonnaie lockt.

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Die Bremer Obdachlosenzeitschrift funktioniert ähnlich wie die anderen etwa 40 Projekte dieser Art in Deutschland - etwa „Asphalt“ in und um Hannover: Wohnungs- und Obdachlose verkaufen ein professionell geschriebenes und gestaltetes Magazin. Bild: Dieter Sell  

„Der Hund verdient mehr als ich“, verrät Bugs, lässt aber auch keinen Zweifel: „Ich bleibe Chef der Firma Kumpel und Co.“ Das gilt auch auf der Bühne des Bremer Theaters, auf der das unzertrennliche Duo gerade in einer „Straßenoper“ der argentinischen Regisseurin Lola Arias mitspielt. „The Art of Making Money“ heißt das Stück. Auf Deutsch: „Die Kunst, Geld zu machen“. Dokumentarisches Theater. Bugs spielt Bugs.

War alkoholabhängig, jetzt trocken, geht aufwärts: Wer ihn vor dem Supermarkt nach seinem Leben fragt, bekommt eine positive Geschichte zu hören. „Weil einem niemand sein eigenes Elend glaubt“, heißt es in Brechts „Dreigroschenoper“. Und weiter: „Wenn du Bauchweh hast, und du sagst es, dann berührt das nur widerlich.“

Das will Bugs nicht, das wäre auch schlecht für das Geschäft, von dem er und Kumpel ja schließlich leben. Deshalb ist seine offizielle Geschichte nicht falsch, aber eben auch nicht vollständig. „Es gibt Dinge, die erzählt man auf der Straße besser nicht“, meint Bugs auf der Bühne. Und verrät dann mehr. Von Heroinjahren, von der Jagd nach dem nächsten Schuss, von seinen beiden Söhnen, die er nie sieht. Vom Suizid zweier geliebter Brüder. Von den Tricks, auf der Straße Geld zu machen, beispielsweise mit einer verbundenen Pfote von Kumpel.

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Bernhard "Bugs" Richter spielt auf der Bühne des Bremer Theaters das, was er ansonsten ist: Verkäufer der Bremer "Zeitschrift der Straße". Bild: Dieter Sell

Es sind diese zwei Welten, die derzeit sein Leben bestimmen: Hier das Theater, da die Straße, die aber auch Bühne ist. Nur ist Bugs da zurückhaltender. „Ich zeige einfach Präsenz“, meint er. „Ich warte, bis die Leute auf mich zukommen, das ist weniger grenzüberschreitend.“ Sagt es und streckt einer älteren Spenderin seine Geldbüchse entgegen: „Für mich muss sich keiner bücken.“

Wer eine Zeitschrift kaufen will, bekommt sie von Bugs aus schützenden Plastikfolien zugereicht. Für das bereits mehrfach ausgezeichnete Blatt arbeiten Hochschulen in Bremen und Bremerhaven mit der Wohnungslosenhilfe der Diakonie zusammen. Studierende sorgen für das Layout, schreiben Texte und können dafür in ihrem Studium Leistungsnachweise bekommen. Das Magazin erscheint etwa alle zwei Monate in einer Auflage von 12.000 Exemplaren.

Jede Zeitschrift kostet zwei Euro, von denen die Verkäufer die Hälfte behalten dürfen. „Die Kunst liegt darin, Geld zurückzulegen für den Ankauf“, meint Bugs. Besonders, wenn jeder Euro für den nächsten Schuss gebraucht wird. Bugs ist das gelungen. Nun ist er dabei, sein Leben weiter zu ordnen. Er kann sich gut vorstellen, mit der Schauspielerei alt zu werden. Das ist sein Traum. Und auch davon träumt er: „Ich will endlich wurzeln, ich will Anker schmeißen.“ Zusammen mit Kumpel. „Der Einzige, dem ich treu bin und bleiben werde.“

Von Dieter Sell (epd)

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Mehr Informationen

Mehr zu dem Theaterstück

Straßenoper „The Art of Making Money“ im Theater Bremen, „Kleines Haus“.

Die nächsten Vorstellungen:

  • 14. Dezember
  • 12. Januar
  • 17. Januar.
Mehr zum Stück und zum Theater

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