2013_04_05

Bild: Susanne Hübner / epd-Bild

Wenn Hundehalter Harfe spielen

Tagesthema 08. Dezember 2013

Maja Nowak bringt Menschen das Verstehen von Vierbeinern bei

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Maja Nowak kniet im Jahr 1992 vor ihrem Holzhaus im russischen Dorf Lipowka mit dem ihr zugelaufenen Hund “Wanja”. Bild: epd-bild / Vera Jewuschkina  

Vier Tage sitzt ein wilder Hund vor dem russischen Holzhaus von Maja Nowak. Der große schwarz-weiße Vierbeiner will sich von den Bauern nicht vertreiben lassen. Als Nowak endlich beschließt, ihn hineinzulassen, weiß sie noch nicht, dass „Wanja“ ihr Leben für immer verändern wird. «Ich habe da überhaupt nicht an die Zukunft gedacht», sagt die 51-Jährige am Rande der Vorstellung ihres neuen Buches „Wie viel Mensch braucht ein Hund“ in Hannover. Mittlerweile ist Nowak eine der bekanntesten Hundetrainerinnen in Deutschland.

Zwischen 1991 und 1997 lebt sie fast abgeschnitten von der Außenwelt in dem russischen Dorf Lipowka. Die in Leipzig geborene Liedermacherin vertont Gedichte der berühmten Lyrikerin Marina Zwetajewa und spielt auf Bühnen der russischen Metropolen. In dem einfachen Leben auf dem Land hat die hochgewachsene schlanke Frau mit den dunklen Locken ihre zweite Heimat entdeckt.

Nach „Wanja“ laufen der Musikerin in Lipowka immer mehr wildlebende Hunde zu. Monatelang beobachtet sie, wie die unterschiedlichen Hunde-Charaktere zu einem Rudel zusammenwachsen. Dabei habe sie davon profitiert, vorher noch nie mit Hunden gearbeitet zu haben, sagt Nowak rückblickend. „Ich konnte das einfach in mich hineinfallen lassen, ohne zu viel hinein zu deuten.“

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Maja Nowak. Bild: epd-bild / Knut Koops   

Mit diesen Erfahrungen im Gepäck kehrt Nowak 1997 nach Deutschland zurück. „Es war so, als wenn ich von Indianern kam und bei Hunden und Menschen landete, die alle manipulativ unterwegs waren“, beschreibt sie ihre damalige Wahrnehmung. „Die Hunde hier haben viele Masken auf, weil sie sich so sehr an unser Leben anpassen.“

Wenig später gründet Nowak in Berlin die Ausbildungseinrichtung „Dog-Institut“. Ihre Erlebnisse in Russland und als Hundetrainerin schreibt sie in drei Büchern auf. Das ZDF macht 2012 eine Fernseh-Serie über die „Hundeflüsterin“, die als Frau eine Ausnahme unter den bekannteren Hundeprofis ist. Im Januar sind bereits die nächsten Folgen geplant.

Mit ihrer Arbeit möchte Nowak Menschen und Hunde zurück zu ihren ursprünglichen Instinkten verhelfen. Sie verständigt sich mit den Vierbeinern vor allem über Körperhaltung, Blicke und Warnlaute, die der Kommunikation von Leithunden ähneln. Inzwischen hat sie mit mehr als 6.000 Tieren gearbeitet. „Aber 80 Prozent dieser Zeit widme ich dabei den Hundehaltern.“

In Hannover hat sie gerade einen Besitzer gecoacht, der seiner sensiblen Hündin laut und überdeutlich Anweisungen gab. Das Tier reagierte darauf schon lange nicht mehr. „Er hat sozusagen aufs Schlagzeug gehauen. Und ich habe ihm gezeigt, dass es völlig ausreicht, Harfe zu spielen“, erläutert die Trainerin lächelnd und untermalt ihre Worte mit zupfenden Handbewegungen.

Mit ihren Methoden, die sie sich alle von den Hunden selbst abgeschaut hat, feiert Nowak Erfolge. Damit macht sie sich auf dem hart umkämpften Markt der Hundetrainer nicht nur Freunde. Im Internet sind regelrechte Hetzkampagnen nachzulesen - auch und gerade von Kollegen. Doch das kann ihre Mission nicht stoppen. Gemeinsam mit einem Psychotherapeuten will sie demnächst ehemaligen Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen helfen. „Die Betroffenen sind allein durch Sprache häufig nur noch schwer erreichbar und müssen erst wieder lernen, sich zu spüren und ihre Instinkte wiederzuentdecken.“

Bei all ihren Plänen achtet sie sehr bewusst darauf, die Bodenhaftung zu behalten. Und dazu braucht sie neben längeren Auszeiten vor allem den Alltag mit ihrem eigenen Hunderudel, das inzwischen aus vier Gefährten besteht. Sie liebt sie alle, doch Wanja, der vor 16 Jahren von einem betrunkenen Bauern erschossen wurde, behält einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen: „Der Hund war ein Wunder für mich.“

 

Von Charlotte Morgenthal (epd)

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