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Bild: wikipedia

Eine starke Frau: Debora

Tagesthema 07. Dezember 2013

Debora kämpft für die Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung

Hauch der „Feuerfrau“

„Dieser Weg wird kein leichter sein“ – spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 haben Millionen Menschen diesen Song von Xavier Naidoo im Ohr. Vor jedem Spiel wurde er auf Wunsch der Spieler in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft gespielt und fand von dort seinen Weg als heimliche Hymne dieser großartigen WM ins Land.

Menschen und ihre Lieder. Lieder, die im Herzen bleiben. Ob deutscher Pop, Beethovens „Ode an die Freude“, „Ave Maria“ von Bach und Gounod, John Lennons „Imagine“ oder „Winds of change“ von den Scorpions: Lieder, die sich mit Erlebnissen und Ereignissen verbinden und beim Hören auch viele Jahre später sofort Bilder wachrufen. Lieder, die sich tief in ein gemeinsames Bewusstsein gesenkt haben und Menschen mit diesen Ereignissen und untereinander verbinden. Hymnen, die Stimmungen aufnehmen und neu prägen. Melodien, die, wenn auch nicht die Welt, dann doch unsere Welt verändern.

„Die Gott lieben werden sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht“ gehört für mich zu diesen Liedern. Es hat meine Jugend geprägt, die Sommerfreizeiten mit der Jugendgruppe auf einer Schweizer Berghütte, wo es morgens den grandiosen Sonnenaufgang über den Bergen untermalte. Erst später habe ich entdeckt, dass diese Zeile aus einem der beeindruckenden Lieder der Bibel stammt. Es findet sich im Buch der Richter im 5. Kapitel. Der einzige poetische Text im Buch der Richter preist den Sieg Gottes über seine Feinde und lobt die Weisheit einer Frau. Es ist kunstvoll gestaltete Literatur, die zu einer großen Zahl unterschiedlicher Übersetzungen und Interpretationen geführt hat. Dieses Lied ist Debora gewidmet, der einzigen Richterin im Reigen vieler Männer im Richterbuch. 

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Das Lied der Debora. Bild: wikipedia

Frauen im Alten Testament sind in der Regel Mütter und Ehefrauen. Oder Zweitfrauen, Wahrsagerinnen, Hebammen, fremde Königinnen, Sklavinnen oder Verführerinnen. So mag man kaum glauben, dass in einer aus unserer Sicht so männerdominierten biblischen Welt eine Frau das entscheidende Recht sprechen kann. Debora wird im Richterbuch eingeführt als Frau des Lappidot und als Prophetin. Diese Formulierung „eine Frau, eine Prophetin“ ist im Alten Testament einzigartig. „Prophetin“ würde genügen, um sie als weibliche Erzählfigur zu kennzeichnen. Bei Debora hebt das ihr Frau-Sein in gehobener Position besonders hervor. Zusätzlich wird sie als Frau „von Lappidot“ vorgestellt. Dies klingt lapidar, zumal Lappidot später in der Erzählung keine Rolle mehr spielt. Doch es betont Deboras gesellschaftlich anerkannte Rolle als verheiratete Frau. Verheiratet mit einem Mann, dessen Name übersetzt „Fackeln“ bedeutet. Bei der Charakterisierung Deboras schwingt somit von Anfang an der Hauch einer „Feuerfrau“ mit, die geistbegabt für gesunde Unruhe sorgt.

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 Bild: lvh

Debora scheint beliebt, geachtet und geschätzt gewesen zu sein. Sogar die Palme, unter der sie Gericht hielt, wurde nach ihr benannt. Berühmt wurde Debora jedoch noch eher als Initiatorin des letztlich erfolgreichen Aufstandes Israels gegen den Kanaanäerkönig Jabin und dessen Heerführer Sisera. Die beiden haben die Bevölkerung 20 Jahre lang gequält und unterdrückt. Debora hört die Klagen des Volkes, die von ihr Rechtsprechung wünschen. Sie ruft den Heerführer Barak zu sich und zur Räson. Ihn fordert sie auf, Israel für den Kampf zu rüsten und sagt einen Sieg Israels voraus.

Silvia-Mustert
Silvia Mustert

10.000 Männer sammeln sich, doch Barak will trotz der positiven Prophezeiung nur in den Kampf ziehen, wenn Debora ihn begleitet. So geht sie dem Heer voran. Der Gegner Sisera beginnt seinen Schlachtzug beim Bach Kischon, was sich als Fehler erweist. Ein Unwetter macht aus dem Bach einen reißenden Fluss, die Streitwagen werden unbeweglich und Baraks Heer kann die gut ausgerüstete feindliche Truppe besiegen. Sisera selbst findet Zuflucht in einem Zelt. Die angebliche Gastfreundschaft dort erweist sich jedoch als List. Kaum eingeschlafen, wird er durch einen Pflock getötet, den seine Gastgeberin Jael ihm in die Schläfe rammt. Für Israel kehrt 40 Jahre Ruhe ein.

Das anschließende Siegeslied im Richterbuch, das Debora zugeschrieben wird, nimmt diese Kriegssituation auf. Eigentlich schildert es ihren Führungsstil, ihren Mut und ihre prophetische Berufung zur Richterin. (Richter 5). Wie bei Miriam, der Schwester Moses, die nach der glücklichen Errettung des Volkes Israel vor den Ägyptern ihren verängstigten Landesleuten die Verheißungen Gottes in die Herzen „paukte“ und singend und tanzend vor ihnen herzog, erinnert das Siegeslied der Richterin Debora an die enge Bindung des Lebens an die Zusagen Gottes: Alle sollen in den Siegesjubel einstimmen und Gottes Gerechtigkeit preisen – „Die Gott liebhaben, sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht!“ (Richter 5, 31).

Biblische Frauen und ihre Lieder. Jetzt in der Adventszeit klingt im Reigen dieser Hymnen bereits das Lied der Jungfrau Maria zu uns herüber: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. (Lukas 1, 46ff.)

Miriam. Debora. Maria. Drei Frauen der Bibel, drei biblische Lieder. Immer geht es um Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung. Um ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Würde, flammend und selbstbewusst. Besonders Frauen haben von jeher erfahren, was es heißt, ausgebeutet und unterdrückt zu werden. Nicht verwunderlich, dass Befreiung ein Teil der Mission der Frauen ist.

Silvia Mustert, Pastorin

Deboras Siegeslied

Da sangen Debora und Barak, der Sohn Abinoams, zu jener Zeit: Lobet den HERRN, dass man sich in Israel zum Kampf rüstete und das Volk willig dazu gewesen ist. Hört zu, ihr Könige, und merkt auf, ihr Fürsten! Ich will singen, dem HERRN will ich singen, dem HERRN, dem Gott Israels, will ich spielen. HERR, als du von Seïr auszogst und einhergingst vom Gefilde Edoms, da erzitterte die Erde, der Himmel troff, und die Wolken troffen von Wasser. Die Berge wankten vor dem HERRN, der Sinai vor dem HERRN, dem Gott Israels. Zu den Zeiten Schamgars, des Sohnes Anats, zu den Zeiten Jaëls waren verlassen die Wege, und die da auf Straßen gehen sollten, die wanderten auf ungebahnten Wegen. Still war's bei den Bauern, ja still in Israel, bis du, Debora, aufstandest, bis du aufstandest, eine Mutter in Israel. Man erwählte sich neue Götter; es gab kein Brot in den Toren. Es war kein Schild noch Speer unter vierzigtausend in Israel zu sehen. Mein Herz ist mit den Gebietern Israels, mit denen, die willig waren unter dem Volk. Lobet den HERRN! Die ihr auf weißen Eselinnen reitet, die ihr auf Teppichen sitzt und die ihr auf dem Wege geht: Singet! Horch, wie sie jubeln zwischen den Tränkrinnen! Da sage man von der Gerechtigkeit des HERRN, von der Gerechtigkeit an seinen Bauern in Israel, als des HERRN Volk herabzog zu den Toren. Auf, auf, Debora! Auf, auf und singe ein Lied! Mach dich auf, Barak, und fange, die dich fingen, du Sohn Abinoams! Da zog herab, was übrig war von Herrlichen im Volk. Der HERR zog mit mir herab unter den Helden: Aus Ephraim zogen sie herab ins Tal und nach ihm Benjamin mit seinem Volk. Von Machir zogen Gebieter herab und von Sebulon, die den Führerstab halten, und die Fürsten in Issachar mit Debora, wie Issachar so Barak; ins Tal folgte er ihm auf dem Fuß. An Rubens Bächen überlegten sie lange. Warum saßest du zwischen den Sattelkörben, zu hören bei den Herden das Flötenspiel? An Rubens Bächen überlegten sie lange. Gilead blieb jenseits des Jordans. Und warum dient Dan auf fremden Schiffen? Asser saß am Ufer des Meeres und blieb ruhig an seinen Buchten. Sebulons Volk aber wagte sein Leben in den Tod, Naftali auch auf der Höhe des Gefildes. Könige kamen und stritten; damals stritten die Könige Kanaans zu Taanach am Wasser Megiddos, aber Silber gewannen sie dabei nicht. Vom Himmel her kämpften die Sterne, von ihren Bahnen stritten sie wider Sisera. Der Bach Kischon riss sie hinweg, der uralte Bach, der Bach Kischon. Tritt einher, meine Seele, mit Kraft! Da stampften die Hufe der Rosse, ein Jagen ihrer mächtigen Renner. Fluchet der Stadt Meros, sprach der Engel des HERRN, fluchet, fluchet ihren Bürgern, dass sie nicht kamen dem HERRN zu Hilfe, zu Hilfe dem HERRN unter den Helden! Gepriesen sei unter den Frauen Jaël, die Frau Hebers, des Keniters; gepriesen sei sie im Zelt unter den Frauen! Milch gab sie, als er Wasser forderte, Sahne reichte sie dar in einer herrlichen Schale. Sie griff mit ihrer Hand den Pflock und mit ihrer Rechten den Schmiedehammer und zerschlug Siseras Haupt und zermalmte und durchbohrte seine Schläfe. Zu ihren Füßen krümmte er sich, fiel nieder und lag da. Er krümmte sich, fiel nieder zu ihren Füßen; wie er sich krümmte, so lag er erschlagen da. Die Mutter Siseras spähte zum Fenster hinaus und klagte durchs Gitter: Warum zögert sein Wagen, dass er nicht kommt? Warum säumen die Hufe seiner Rosse? Die weisesten unter ihren Fürstinnen antworten, und sie selbst wiederholt ihre Worte: Sie werden wohl Beute finden und verteilen, eine Frau, zwei Frauen für jeden Mann und für Sisera bunte gestickte Kleider zur Beute, gewirkte bunte Tücher um den Hals als Beute. So sollen umkommen, HERR, alle deine Feinde! Die ihn aber lieb haben sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht! Und das Land hatte Ruhe vierzig Jahre. 

Richter 5