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Bild: Swen Pförtner / epd-Bild

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Tagesthema 02. Dezember 2013

Das „Boat People Projekt“ in Göttingen inszeniert Theaterstücke an ungewöhnlichen Orten, in Fabrikhallen oder in einem Bus. Das neuste Stück „Mahala Dreams“ bringt seit 25. November Darsteller aus verschiedenen Ländern in einem Supermarkt zusammen.

„Können wir die Christmas-Tree-Nummer noch mal machen?“

Die brachliegende Verkaufsfläche eines früheren Lebensmittelgeschäfts ist die Bühne. Aufgetürmte Obstkisten dienen als Kulisse, Pappkartons als Sitze für die Zuschauer. Für ihre jüngste Produktion „Mahala Dreams - Mit wem wollen wir leben?“, ein Stück über Nähe, Fremdheit und Vorurteile, ist die Göttinger Theater-Initiative „Boat People Projekt“ in einen leerstehenden Supermarkt in der Innenstadt gezogen.

„Mahala bedeutet Nachbarschaft auf Romanes“, sagt Rist. Die Roma vom Balkan verwendeten den Begriff auch für ihre Siedlungen. „Und Nachbarschaft, das ist auch unser Thema.“ Zwei Frauen und ein junger Mann - er ist Rom, wie sich später herausstellt – treffen sich zufällig an Heiligabend und beschließen, den Festtag gemeinsam zu verbringen. Weil sie keine Lust haben, zu sich nach Hause zu gehen und die Restaurants geschlossen sind, machen sie es sich in dem nicht mehr genutzten Supermarkt gemütlich. Die Konflikte beginnen, als der Mann seine Herkunft bewusst verschweigt.

Das Ensemble für „Mahala Dreams“ haben Rist und de la Chevallerie in mehreren europäischen Ländern rekrutiert: Franziska Aeschlimann stammt aus der Schweiz. Die Tänzerin Vera Bilbija wurde in Belgrad geboren und wuchs in Bosnien auf, zurzeit lebt sie in Barcelona. Und der Roma-Aktivist und Musiker Irfan Nezir kam eigens aus dem mazedonischen Skopje für die Produktion nach Göttingen. Für ihn, sagt Nezir, sei durch das Engagement in Deutschland ein Traum wahr geworden.

Seit Wochen laufen die Proben, auch an diesem Nachmittag werden Szenen und Dialoge eingeübt. Immer wieder greifen Rist und de la Chevallerie ein, sprechen Off-Texte, dirigieren, übersetzen. „Können wir die Christmas-Tree-Nummer noch mal machen?“, rufen sie. Oder: „Irfan, you don't have to wear a Mantel.“

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Vera Bilbija in dem Stück  „Mahala Dreams - Mit wem wollen wir leben?“. „Mahala bedeutet Nachbarschaft auf Romanes“, sagt Autorin Luise Rist.  Bild: Swen Pförtner / epd-Bid  

Das „Boat People Projekt“ entstand 2009. Seitdem hat die Gruppe in knapp einem Dutzend Stücke und Mini-Dramen die Themen Zusammenleben und Abgrenzung auf meist ungewöhnliche Bühnen gebracht. Gespielt, getanzt und musiziert wurde schon in aufgegebenen Fabrikgebäuden, in Kirchen und in einem Bus.

„Dabei waren es insbesondere Flüchtlinge, deren Geschichten und Perspektiven unsere Stücke inspiriert haben“, erzählt de la Chevallerie. So werden im Stück „Lampedusa“ zwei deutsche Touristinnen auf der italienischen Insel mit den Erlebnissen afrikanischer Bootsflüchtlinge konfrontiert. „Rosenwinkel“ thematisierte die Lebensbedingungen von Roma aus dem Kosovo in der Göttinger Weststadt. Das Team inszenierte aber auch schon Theater mit Seniorinnen und Senioren in einem Pflegeheim.

Eine dauerhafte finanzielle Förderung für ihre Inszenierungen erhalten die „Boat People“ dabei nicht, für jedes Vorhaben müssen neue Anträge geschrieben werden. Geld für Projekte kam schon öfter vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium, von der evangelischen Hanns-Lilje-Stiftung und der Stadt Göttingen. „Mahala Dreams“ wird zudem von der evangelischen Kirche in Göttingen unterstützt.

Lassen die Theatermacherinnen das soziale Experiment gelingen? Kommen die jungen Leute schließlich doch zusammen, gibt es am Ende ein harmonisches Weihnachtsfest? Der Schluss des Stückes bleibe offen, es sei „ein fragmentarischer Theaterabend, eine Art Versuchsanordnung“, sagt Luise Rist. Und Nina de la Chevallerie ergänzt: „Wir zeigen die Fragen, nicht die Antworten.“

Von Reimar Paul (epd)

Informationen

Aufführungen von „Mahala Dreams - Mit wem wollen wir leben?“

im Cheltenham House,
Friedrichstraße 1,
37073 Göttingen.

Vorstellungen gibt es am

  • 5. Dezember
  • 6. Dezember
  • 7. Dezember

sowie am

  • 10. Januar 2014
  • 11. Januar 2014
  • 12. Januar 2014
  • 16. Januar 2014
  • 17. Januar 2014
  • 18. Januar 2104. 

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