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Bild: Jens Schulze 

Das Jesuskind ist weiß

Tagesthema 01. Dezember 2013

Hunderte von Krippen aus aller Welt

Stolz und erhaben blicken Maria und Josef auf das Kind, anbetend die Hirten, reich gekleidet die Könige. Auf den ersten Blick eine Krippe wie jede andere: Sie stammt aus Tansania und die Menschen in dieser Krippe sind – wenig überraschend – dunkelhäutig. Aus Zedernholz geschnitzt, wurden die Kunstwerke schnell unansehnlich grau. Erst auf den Tipp eines bayrischen Paters hin, bemalten die Künstler ihre Darstellung der Weihnachtsgeschichte: In den Farben, die sie kannten: Dunkelhäutige Menschen erleben die Geschichte, die im Nahen Osten spielt. Aber das Jesuskind ist weiß: „Es sind doch die Weißen, die uns von Gott erzählen, also ist Gott auch weiß.“

Ausgestellt wird die Krippe aus Tansania neben einer Krippe aus den edelsten Hölzern Afrikas und Krippen aus Blechdosen oder Papier: Ein Raum voller Krippen aus Afrika. Im Raum daneben: Lateinamerika. Dort sind die Menschen gekleidet wie die Flötenspieler aus Peru und Bolivien auf den Weihnachtsmärkten der großen Städte Deutschlands. Bei der größten lateinamerikanischen Krippe fehlt der Ochse. Warum, weiß die Macherin der des Krippenhaus am Franziskusweg in Garbsen-Berenbostel, Bärbel Smarsli: „Eine Versicherung hat die Krippe bestellt, als sie ankam, war der Ochse kaputt. So habe ich die Krippe günstig bekommen. Ich habe lang genug in Lateinamerika gelebt, dass ich weiß, bei einer Geburt wären in Lateinamerika so viele Menschen gekommen, dass der Ochse eh nicht lange überlebt hätte.“

Mitten auf dem Kronsberg in Berenbostel vermutet keiner eine Ausstellung mit mehreren hundert Krippen aus allen Kontinenten. Doch die evangelische Silvanusgemeinde hat zusammen mit ihrer katholischen Nachbargemeinde St. Raphael das Projekt durch- und umgesetzt. In einem Gebiet, das Soziologen und Politiker der Einfachheit halber als „sozialen Brennpunkt“ bezeichnen, werden in zwei ehemaligen Pfarrhäusern mehrere Hundert Krippen ausgestellt – professionell, liebevoll aufgebaut und nicht nur zur Weihnachtszeit anzuschauen. Schon im Vorfeld, als die Fragen, ob dies der richtige Raum sei, antwortete die evangelische Pastorin Gabriele Brandt klar: „Zu diesen Menschen gehört die Weihnachtsgeschichte.“

Die Krippen hat die katholische Pastoralreferentin Bärbel Smarsli gesammelt. 1996 hat sie die erste in Bolivien gekauft. Seither sind Krippen aus Japan und China, Thüringen und Italien, Frankreich und Äthiopien und vielen anderen Regionen der Welt dazu gekommen. Und jede Krippe spiegelt die Wirklichkeit der Region, aus der sie stammt: In der Krippe aus Frankreich ist ein Mann zu entdecken, der ein Baguette nach Hause trägt, in der Krippe aus Osteuropa ein Mann in der typischen Kleidung eines Juden aus dem Städel. Weihnachtsmotive finden sich bei den Bergleuten aus Thüringen als Schwibbogen. Mit Kerzen beleuchtet waren sie im Stollen Warnleuchte: So bald die Kerze flackerte oder gar ausging, war die Luft unter Tage schlecht. Über Jahrzehnte waren christliche Motive bei den Schwibbogen verpönt. Doch die Enkelin eines Traditionsschnitzers entschied sich, eine Krippenszene in den Bogen zu setzen – als Gesellenarbeit. Eine Kopie dieses Meisterwerks steht nun in Garbsen.

Die Ausstellung im Franziskushaus in Garbsen-Berenbostel kann nur mit angemeldeten Führungen besichtigt werden. Das hört sich zuerst restriktiv an, gibt aber Sinn. Weil die biblische Geschichte direkt erfahrbar sein soll, stehen die meisten filigranen Kunstwerke nicht hinter Glas. Auch die Krippenwelt, die aus Maisblättern gebaut wurde und – sage und schreibe – 365 Figuren hat. Da wird getanzt und geflirtet, Supe gekocht und Brot gebacken. Ein ganz und gar nicht weihnachtliches Wort fällt, wenn Bärbel Smarsli vom Aufbau dieser Krippe erzählt. Es hat gedauert, bis allein diese Krippe stand. Acht Wochen hat sie zusammen mit ihrem Mann die Hunderte von Krippen aufgebaut und auf jedes noch so kleine Detail geachtet Nach einer Führung hat keiner genug von Maria und Joseph, Hirten und Königen, sondern schaut heimlich in den Kalender, wann der nächste Termin frei ist: Zu viele Einzelheiten und kleine und große Botschaften sind bei einem ersten Besuch nicht zu erfassen. Deshalb halten die ökumenischen Verantwortlichen mit vielen ehrenamtlichen „Krippenführern“ die Ausstellung nicht nur zur Advents- und Weihnachtszeit offen. 

Von Christof Vetter (Evangelische Zeitung)

Das Krippenhaus am Franziskusweg

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Führungen können telefonisch angemeldet werden:

  • montags, mittwochs und donnerstags zwischen 18 und 19 Uhr
  • unter der Nummer 0175/2557545.

Führungen werden für Gruppen von maximal 15 Personen angeboten.

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