Frucht in einer durchsichtigen Schale

Die Hülle ist brüchig, aber die Frucht noch intakt - neues Leben kann entstehen. Bild: Gerti G. / photocase.com

Chatten über Lebenskrisen

Tagesthema 29. November 2013

Es geht um Missbrauch, Sucht oder Mobbing: Bei der Chatseelsorge im Internet trauen sich viele Menschen im Schutz der Anonymität, darüber zu reden, was ihnen zu schaffen macht.

Die bundesweite Seelsorge im Internet feiert zehnjähriges Bestehen

Chatten über Suizid, Trauer und Schmerzen

Unter der Domain http://www.chatseelsorge.de bietet die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers in Kooperation mit der Evangelischen Kirche im Rheinland ihr Online-Seelsorge-Angebot an.
Seit 2003 online: Die Chatseelsorge

Auf die Frage, wer ihr etwas antun könnte, antwortet „franzi“: „Ich mir selbst.“ Mehr als eine Minute blinkt die Nachricht auf dem Monitor. Keiner im Chatroom traut sich, ihr zu antworten. Etwa 15 Nutzer haben sich im virtuellen Raum der evangelischen Chatseelsorge versammelt, die an diesem Montag ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Ihnen brennen ganz unterschiedliche Fragen auf der Seele. Manche möchten wie „franzi“ einfach nur erzählen.

Kaum hat der Gast mit der Nummer 21 den Raum betreten, schreibt er, dass er unter unheilbaren Schmerzen leidet. „wenn man vor Schmerzen nicht schlafen nicht laufen nicht essen kann ist es schon echt übel.“ Auch er habe manchmal Gedanken, sich das Leben zu nehmen. „ich spüre das ich nicht genug kraft habe das noch ein paar jahre durch zu stehen“, erzählt er. Mittlerweile hole er sich vorsichtshalber nur die Tagesdosis der schmerzstillenden Medikamente und Narkotika aus der Apotheke.

Den anonymen Nutzern steht an diesem Abend der Moderator Pastor Stephan Lorenz zur Verfügung. Er beantwortet und stellt Fragen im Minutentakt. „Du kannst hier über alles reden, was dir auf dem herzen liegt oder dasselbe springen lässt“, schreibt er an einen unsicheren Neuling. Die Online-Seelsorge sei gefragt, sagt Lorenz. Die Nutzer im Alter von 14 bis 65 Jahren berichteten innerhalb des anonymen Rahmens sehr offen auch über schwierige Probleme. Seine Aufgabe sei es, zuzuhören und Mut zu machen, sich weiter Hilfe zu holen.

Logo chatseelsorge

Seit 2003 bietet die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers gemeinsam mit der Evangelischen Kirche im Rheinland die Seelsorge im Netz an. Derzeit 25 Pastoren, Sozialarbeiter und Pädagogen aus ganz Deutschland beraten im Wechsel jeden Montag- und Mittwochabend von 20 bis 22 Uhr per Internet. Seit März dieses Jahres gibt es dienstags und donnerstags zur gleichen Zeit einen Chat für Russlanddeutsche.

„Der Zugang soll für die Nutzer so niedrigschwellig wie möglich sein“, betont Lorenz. Daher müssten sie sich nicht registrieren, sondern könnten sich mit einem Gastnamen direkt am Chat beteiligen. Pro Abend betreten bis zu 50 Nutzer den Raum, 30 sind zeitgleich zugelassen. Einzelgespräche mit den Seelsorgern sind in separaten Räumen möglich. Wer abends keine Zeit habe, kann die Mail-Seelsorge in Anspruch nehmen. Die Mails würden, wie alle Nutzerdaten, sehr vertraulich behandelt, sagt Lorenz.

Demgegenüber sieht die Erziehungswissenschaftlerin Nadia Kutscher von der Universität Vechta nur eine begrenzte Hilfe durch Chats. Diese Art der Online-Beratung sei aufwendig. Ähnlich wie bei der Telefonseelsorge müsse immer ein Berater direkt ansprechbar sein. „Oft können die Chats aus Personalknappheit nur in Zeitfenstern geöffnet werden“, sagt Kutscher. „Viele Hilfesuchende fallen da durchs Netz.“

Im Chatroom entstehen derweil mehrere Unterhaltungen gleichzeitig. „Selbsthilfegruppen“ nennt Lorenz die gegenseitige Hilfe. „Wenn es allerdings schlecht läuft, reden alle aneinander vorbei.“ Während manche Nutzer mehr über den Sinn des Lebens und religiöse Hintergründe erfahren wollen, möchten andere ihre Probleme thematisieren.

„franzi“ schreibt 20 Minuten später, warum sie sich am liebsten selbst etwas antun würde. Seit fünf Jahren werde sie von einer Stalkerin verfolgt, die erneut in ihre Nähe gezogen sei. „Ich liebe auch eine frau und hab noch was anderes nebenher, sehr kompliziert das leben“, resümiert sie. Wieder weiß keiner so richtig darauf zu antworten. „Gast21“ hingegen bekommt die Anteilnahme der Gruppe zu spüren. Seine Schmerzen können dadurch nicht gelindert werden. Aber er hat Zuhörer gefunden, wenn er davon erzählt, wie es ist, damit zu leben.

Von Charlotte Morgenthal (epd)

Direkt zur Chatseelsorge

Gruß zum Jubiläum

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Arend de Vries

„Die Entwicklung der Chatseelsorge vor zehn Jahren war Pionierarbeit. Es ist damals gelungen, in diesem sich schnell entwickelnden Medium Internet einen Kanal zu schaffen für einen Grundauftrag unserer Kirche: Menschen zum Gespräch einzuladen über das, was sie in ihrem Leben unbedingt angeht. Dafür ist denen zu danken, die die Arbeit der Chatseelsorge entwickelt und bis heute weiter getragen haben. Dass es in Kooperation zwischen der hannoverschen und der rheinischen Landeskirche geschah, ist ein schönes Beispiel der Vernetzung. Diese spezifische Seelsorge kann das persönliche Gespräch nicht ersetzen. Vielmehr will sie Menschen ermutigen, ihr Anliegen in einem geschützten Raum zur Sprache zu bringen. Das kann auch Brücken in die Gemeindeseelsorge bauen.“

Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident des Landeskirchenamtes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

Gruß zum Jubiläum

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Johann Weusmann

Facebook kann für uns Anknüpfungspunkt, aber kein Seelsorge-Kanal sein. Aber statt nur zu sagen, was nicht geht, bin ich froh, dass wir als evangelische Kirche auch im Netz ein konkretes Angebot machen können. Datenschutzrechtlich unbedenklich und technisch geschützt bieten wir Seelsorge auf Chatseelsorge.de an, die Entwicklung des Internet in den letzten zehn Jahren hat gezeigt: Wir brauchen Chatseelsorge nötiger denn je.“

Johann Weusmann, Vizepräsident der Evangelischen Kirche im Rheinland

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