2013_11_28_schmal

Bild: Sisam-Ben

Eine wahre Geschichte

Tagesthema 27. November 2013

Historischer Hintergrund: Pua und Schifra haben nie gelebt

images
Pua und Schifra: Bild: Karin Schwendt

Frühere Zeiten hatten es leichter als wir zu erkennen: Historisch gesehen hat die Geschichte, so wie sie hier geschildert wird, nicht stattgefunden, aber sie ist trotzdem wahr – wahrer als jede „nur“ historische Begebenheit je sein könnte. Die Geschichte von Pua und Schifra, ja die ganze Erzählung von der Geburt des Mose trägt „typologische“ Züge.

Sie berichtet nicht ein einzelnes Ereignis, das zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort stattgefunden hat, sondern erzählt eine typische Glaubenserfahrung im Gewand einer Geschichte. Und dieses Gewand ist für eine bestimmte wiederkehrende Situation entworfen und in einer Einheitsgröße zugeschnitten worden, damit es jeder und jede, die in der entsprechenden Situation ist, tragen kann.

Was heißt das nun für das Verständnis der Geschichte von Pua und Schifra? Hat es diese Frauen gegeben oder nicht? Ja und nein. Es gab diese Frauen vermutlich nicht als Einzelpersönlichkeiten, die zu einer bestimmten Zeit etwas ganz Bestimmtes getan haben. Aber es gab sie als „Typos“, so zu sagen als einen „Vorbildraum“. In diesem Vorbildraum versammelten sich im Laufe der Zeit viele Frauen, die in der Glaubensgeschichte Israels zu Puas und Schifras wurden. Sie leisteten den Todesstrukturen ihrer Zeit Widerstand und trugen entscheidend dazu bei, dass Rettung und Leben für alle möglich wurden.

Die ersten Adressaten der Erzählung waren Menschen, die über Generationen leidvoll erfahren hatten, was totalitäre Macht bedeutet. In der Kindheitsgeschichte des Mose, in deren direkte Vorgeschichte die Erzählung von Pua und Schifra gehört, klingen Angst und Verzweiflung an, die im Zusammenhang der assyrischen Expansionspolitik im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. die Menschen im ganzen vorderen Orient ergriffen hatte.

Aufruf zum subversivem Widerstand gegen die Großmacht

Die beiden Staaten Israel und Juda, in denen die Menschen, von deren Lebens- und Glaubenserfahrungen das Alte Testament berichtet, lebten, waren in besonderer Weise von den assyrischen Großmachtansprüchen betroffen:

Das Nordreich Israel mit seiner Hauptstadt Samaria wurde, nachdem es die Tributzahlungen an Assyrien eingestellt hatte, 722 v. Chr. von Sargon II erobert und als Provinz Samaria dem assyrischen Großreich eingegliedert. Sargon II war von 721 bis 705 v. Chr. König des neuassyrischen Reiches. Die Oberschicht Israles wurde deportiert, und gleichzeitig wurden assyrische Kolonisten angesiedelt, um die nationale Identität zu zerstören.

Der Staat Juda wurde zunächst nur tributpflichtig. 701 v. Chr. jedoch stand das assyrische Heer unter König Sanherib, dem Sohn Sargons II, auch vor Jerusalem. Sein überraschender Abzug wurde Gottes Eingreifen und der Gottesfurcht König Hiskijas von Juda zugeschrieben. Jedoch blieb auch Juda dem assyrischen Einfluss noch bis weit ins 7. Jahrhundert hinein unterworfen.
Schon lange hat die Bibelwissenschaft bemerkt, dass die Kindheitsgeschichte des Mose nicht recht zu historischen Gegebenheiten in Zeiten ägyptischer Vorherrschaft passen will. Stattdessen fiel auf, dass gerade die Kindheitsgeschichte des Mose in ihren Motiven immer wieder auf die Legitimationsgeschichte der Assyrischen Sargonidenkönige anspielt – damit sind Sargon II und Sanherib gemeint – und diese subtil kritisiert.

Unter der Chiffre ‚Ägypten’ werden also vermutlich Unterdrückungserfahrungen aus assyrischer Zeit versteckt verarbeitet. Gleichzeitig wird mit der Erzählung von Pua und Schifra zu subversivem Widerstand gegen die Großmacht aufgerufen und die Hoffnung auf Befreiung durch Gott gestärkt. Seine Macht setzt sich nicht nur durch den Retter Mose, sondern zuallererst durch die Koalition der Frauen durch, die den künftigen Retter „retten“.

Die Geschichte vom Exodus, von der Befreiung aus der Sklaverei, wird zur Grundgeschichte jüdisch-christlicher Gotteserfahrung. In diese Geschichte können sich Generationen hineinlesen und ihre Hoffnungen und ihre Ängste, ihre Zweifel und ihren Glauben wieder finden.

Bis heute gibt es Puas und Schifras, nicht nur in der jüdisch-christlichen Tradition, sondern weit darüber hinaus. Sie finden sich zusammen im Widerstand gegen Krieg und Gewalt, im Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel, gegen Hunger und Obdachlosigkeit, gegen Jugendarbeitslosigkeit und Altersarmut. Sie werden sichtbar und hörbar überall, wo Menschen sich dem Unrecht widersetzen und für das Leben einstehen. Jede (und jeder), die einen kleinen Schritt auf dem Weg des Lebens tut, buchstabiert sich hinein in die Geschichte von Pua und Schifra.

Pastorin Anne Rieck ist Theologische Referentin im Frauenwerk in Hannover.

Der Blickwinkel ändert sich

47-02-wartenberg-potter
Bärbel Wartenberg-Potter

Als ich zum ersten Mal nach Südafrika reiste, blieben die schwarzen Menschen für mich lange unsichtbar. Die Weißen dominierten überall. Sie legten fest, was die Schwarzen tun, wo sie wohnen (in den Hinterhöfen und Townships), was sie lernen, was sie arbeiten, was sie verdienen, wie sie heißen durften. Sie kamen nicht vor in den Geschichtsbüchern. Sie waren durch den Rassismus unsichtbar gemacht worden.

Nach Hause zurückgekehrt, entdeckte ich, dass die Situation von uns Frauen nicht unähnlich war. Bis 1977 (!) durften Frauen ohne Zustimmung des Ehemannes ihren Beruf nicht ausüben. In den Kirchen wurden wir „Brüder“ genannt. Bis heute verdienen Frauen weniger Geld. Hannah Arendt rief uns zu: Frauen müssen der Unsichtbarkeit und dem Vergessenwerden entrinnen.

Feministische Theologie auf Umwegen und mehr über das Gleichnis der Zehn Jungfrauen in der Bibel

Für ein starkes Frauenbild

Sie sind laut, sie sind regelmäßig in den Medien, sie sind umstritten. Die Aktivistinnen von Femen demonstrieren mit nacktem Oberkörper, um für Frauenrechte zu kämpfen. Sie kritisieren vor allem die Herrschaft der Männer in der Gesellschaft, das Patriarchat. Vor einem Jahr wurde der deutsche Ableger von Femen in Berlin gegründet. Mit sechs Aktivistinnen in Berlin und 15 insgesamt in Deutschland eine viel kleinere Gruppe als das ukrainische oder französische Femen. Debbie A. war schon auf so vielen Femen-Aktionen dabei, dass sie aus dem Stegreif gar nicht alle aufzählen kann. Die 22-jährige Auszubildende zur Hotelfachfrau hat bei Auftritten von Obama und Merkel protestiert. Klara Martens, 23 Jahre, ist seit einem Jahr bei Femen dabei. Wenn sie nicht auf der Hannover-Messe Putin attackiert oder vor dem Barbie-Dream-House demonstriert, studiert sie an der TU Berlin technischen Umweltschutz.

Femen-Aktivistinnen kämpfen mit ihrer ungewöhnlichen Protestform für Frauenrechte – ein Interview mit zwei Aktivistinnen