2013_11_25

Bild: Jens Schulze

Wenn Kinder Abschied nehmen

Tagesthema 24. November 2013

Die Kinder kennen sich in der Kolumbariumskirche mit den Urnengräbern in Osnabrück aus. Sie liegt neben ihrem Kindergarten. „Der Tod und die Erinnerung an die Toten gehören für uns ganz normal dazu“, sagt die Leiterin der Kindertagesstätte Petra Broxtermann. Auch in Hannover gibt es seit kurzem ein Kolumbarium in einer Kirche, die auch weiterhin als Gemeindekirche betrieben wird: in der Nazareth-Kirche.

„Mein Opa ist auch schon tot”

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Kindergartenleiterin Petra Broxtermann betrachtet mit den Mädchen und Jungen des Kindergartens "Heilige Familie" in Osnabrück das Ewige Licht in der Kolumbariumskirche. Bild: epd-bild / Uwe Lewandowski  

Kinderlachen und Fußgetrappel hallen von den Wänden der Kolumbariumskirche „Heilige Familie“ in Osnabrück wider. Fiete, Rina, Lewin, Antonia und die anderen Vier- und Fünfjährigen rennen durch die Gänge. Sie kennen sich aus. Die Kirche liegt direkt neben ihrem Kindergarten. Sie feiern dort immer Kindergottesdienste und Geburtstage. „Die Toten liegen in so welchen Fächern“, sagt Fiete und zeigt mit dem Finger auf eine Urnennische. „Aber die verbrennt man vorher noch“, ergänzt Rina und kichert: „Sonst passen die da gar nicht rein.“

Die Kirche „Heilige Familie“ ist eine der wenigen in Deutschland, die als Gemeindekirche und Begräbnisstätte für Urnen dient. 850 Urnennischen sind in die gemauerten Wände rund um den Gottesdienstraum eingelassen.

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Ingrid Spieckermann

Ein ähnliches Angebot hat die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers vor kurzem in der niedersächsischen Landeshauptstadt eingeweiht: In der Nazareth-Kirche in der Südstadt von Hannover wurde das erste oberirdische Urnengewölbe der Landeskirche eingeweiht. Trauernde und frohe Menschen fänden dort einen Raum in dem beides Platz hat, sagte Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann anlässlich der Einweihung. So ein Kolumbarium erinnere daran, „dass die Trauernden ein Teil unserer Gemeinschaft sind, dass die Frohen an den Tod denken und ihr Leben dankbar gestalten sollen.“

In der Kirche „Heilige Familie“ in Osnabrück sind schon rund 300 Plätze belegt oder reserviert. Vor drei Jahren hat das katholische Bistum die Gemeindekirche umbauen lassen. Zu Beginn habe es durchaus Bedenken innerhalb der Gemeinde gegeben, sagt Diakon Harald Niermann. Mittlerweile betrachteten die meisten die Nähe der Verstorbenen als Gewinn: „Wir sind - ganz wörtlich - mitten im Leben vom Tod umfangen.“

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Gemeindereferentin Ines Wallenhorst hat mit den Mädchen und Jungen des Kindergartens "Heilige Familie" in Osnabrück die Jakobsleiter, die sie zuvor mit ihnen gebastelt hat, in der Kolumbariumskirche aufgestellt. Bild: epd-bild / Uwe Lewandowski  

Die Kinder erleben Trauergesellschaften, die sich auf dem Parkplatz vor dem Haus versammeln. Alle paar Monate erklärt ihnen der Diakon die Kolumbariumskirche. „Bei uns weiß jedes Kind, was eine Urne ist“, sagt Kita-Leiterin Petra Broxtermann. In den Wochen im November, in denen der Toten und Verstorbenen gedacht wird, spricht Gemeindereferentin Ines Wallenhorst mit den Kindern über das, was an die Verstorbenen erinnert. „Meine Oma und mein Opa sind auch schon tot“, ruft Antonia dazwischen: „Meine Oma hat mir immer Gummibärchen gegeben.“

Es sei richtig, mit den Kindern über Tod und Sterben offen zu reden, sagt Beate Alefeld-Gerges, leitende Mitarbeiterin im Trauerland Bremen, dem bundesweit ersten Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche: „Kinder haben da keine Berührungsängste.“ Für sie sei es hilfreich, wenn auch die Erwachsenen über den Tod als etwas Natürliches sprechen könnten.

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"Der Tod und die Erinnerung an die Toten gehören für uns ganz normal dazu", sagt Leiterin des Kindergartens, Petra Broxtermann. Bild: epd-bild / Uwe Lewandowski  

Die Expertin plädiert dafür, das Thema in allen Kindergärten und Schulen fest zu verankern und zum Beispiel mit einem Gang über einen Friedhof zu verbinden. Dabei sei es besonders wichtig, auf Fragen und Einwände der Kinder einzugehen: „Die Kinder bestimmen das Tempo. Sie sollen wissen: Ich darf über alles reden, ich muss aber nicht.“

Kürzlich kam den Kindern im Kindergarten „Heilige Familie“ das Thema Tod ganz nahe. An einem Tag Ende September ist Josef Müller gestorben. Der Rentner und Hobbykünstler hatte einige Monate lang regelmäßig mit den Kindergartenkindern gemalt - und dabei aus seiner unheilbaren Krebserkrankung kein Geheimnis gemacht. Wenn es ihm schlechtging und er nicht kommen konnte, fragten die Kinder schon mal: „Ist Josef schon tot?“ Nachdem er gestorben war, stand einige Tage sein Foto neben einer brennenden Kerze in der Eingangshalle. In einem Gottesdienst haben Kinder und Erzieherinnen für ihn gebetet und sich an ihn erinnert.

Von Martina Schwager (epd) / Red.

Kolumbarium in evangelischer Kirche

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Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann hat in der Nazareth-Kirche in Hannover das erste oberirdische Urnengewölbe der Landeskirche eingeweiht. Trauernde und frohe Menschen fänden dort einen Raum in dem beides Platz hat, sagte sie. Das Kolumbarium erinnere daran, „dass die Trauernden ein Teil unserer Gemeinschaft sind, dass die Frohen an den Tod denken und ihr Leben dankbar gestalten sollen.“

In einer bislang nicht genutzten Seitennische der Kirche wurden in sechs Stelen insgesamt 672 Urnenplätze geschaffen. Sie sollen mit dem Namen sowie dem Geburts- und Sterbedatum des Bestatteten versehen werden. Die Anlage ist mit einer Glaswand von der restlichen Kirche abgetrennt. Auch künftig sollen in der Kirche Gottesdienste und Konzerte gefeiert werden. Die Toten blieben so in Gemeinschaft mit den Lebenden verbunden bleiben, erläuterte Spieckermann das Konzept.

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