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Bild: Jens Schulze

Biblische Frauen: Zehn Jungfrauen

Tagesthema 23. November 2013

Wer Sehnsucht nach dem Unerwarteten hat, hat alles dabei und darf am Ende mitfeiern – Auslegung des Gleichnisses von den klugen und törichten Jungfrauen

Erwartet das Unerwartete!

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Kathrin Oxen

Einmal fällt die Tür ins Schloss. Und wo stehst du dann? Drinnen, beim Festmahl, bei Musik und Hochzeitsfreude oder draußen vor der Tür?

Jesus erzählt eine Geschichte. Wie so oft im Matthäusevangelium ist es eine, die herausführt aus der Komfortzone des Glaubens. Denn in dieser Geschichte feiert die Hälfte am Ende nicht mit. Fünf von zehn Mädchen bekommen die Tür vor der Nase zugeschlagen. Da nutzt auch kein Bitten und Klopfen mehr. Sie bleiben draußen und können wieder nach Hause gehen. Kein Funken Hoffnung für sie.

Aber von Anfang an: Zehn Mädchen freuen sich auf ein Hochzeitsfest. Sie haben eine Aufgabe, ganz so wie heute noch Aufgaben verteilt werden bei Hochzeitsfesten, damit am Ende die Inszenierung auch so wird, wie die Brautleute es sich vorgestellt haben. Die zehn Mädchen sollen dem Bräutigam entgegen gehen. Der Zug zum Haus der Braut wird dann von ihnen effektvoll mit Fackeln beleuchtet.

Fünf der Mädchen haben aber vergessen, neben ihren Fackeln auch Öl mitzubringen. Leider fällt ihnen das erst zu spät ein. Seelenruhig haben sie mit den anderen ein bisschen geschlafen. Der Bräutigam ließ ja lange auf sich warten. Aber als er kommt, merken sie, was ihnen fehlt. Sie können ihre Fackeln nicht anzünden. Während der Hochzeitszug sich schon in Bewegung setzt, laufen sie erst los, um Öl zu kaufen. Und am Ende stehen sie dann vor verschlossener Tür.

Wie kann man sich vorbereiten auf das Kommen des Reiches Gottes und auf die Wiederkunft Jesu Christi am Ende der Zeiten?

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Peter von Cornelius, Die klugen und die törichten Jungfrauen, circa 1813. Bild: WikiCommons

Zehn Mädchen und eine Hochzeit, Fackeln und Öl, ein Fest und eine verschlossene Tür. Am letzten Sonntag des Kirchenjahres bekommen wir diese Geschichte zu hören. Eine Zeit, ganz sicher dunkel und traurig genug, um sich nach Licht und Freude und Fest zu sehnen. Einmal fällt die Tür ins Schloss – und wo stehen wir dann?

Vergessen wir die Moral der Geschichte. Die zehn Mädchen sind keine Goldmarien oder Pechmarien, die wegen ihres Fleißes hereingelassen werden oder wegen ihrer Faulheit vor der Tür stehen bleiben müssen. Sie unterscheiden sich nicht voneinander. Alle haben die gleiche Aufgabe. Alle warten, alle schlafen und werden von der Ankunft des Bräutigams überrascht.

Nur ein genauerer Blick auf die Fackeln zeigt, was am Ende die klugen Mädchen von den dummen unterscheiden wird. Die zehn Mädchen tragen keine Öllämpchen mit sich – die wären zur Erzeugung von Pracht auch nur bedingt geeignet – sondern Gefäßfackeln, Gefäße auf Stäben, in denen Stoffreste mit Öl getränkt und angezündet werden können. In den Fackeln ist bei allen Mädchen das gleiche: alte Lumpen, graues, zerrissenes Zeug, das nur noch zum Verbrennen taugt. Das ist vielleicht der Alltag, der nicht nur im November ziemlich grau sein kann. Diese alten Lumpen stehen auch für alles andere, was im Leben grau geworden ist. Die Fackeln sind gut gefüllt damit. Das ist bei allen das Gleiche.

Was geben die fünf klugen Mädchen dazu? Über die Bedeutung des Öls gibt es viele Spekulationen. Man könnte dieses Öl einfach Weitsicht nennen. Fünf Mädchen waren gut vorbereitet und haben an alles gedacht, mit der typisch weiblich-pragmatischen Weitsicht, die Handtaschen mit Ersatzstrumpfhosen und Hygieneartikeln füllt. „Es könnte ja sein…“ Ja, es könnte sein. Und besser, man ist darauf vorbereitet.

Die Weitsicht des Herzens ist das Öl, das den grauen Alltag zum Leuchten bringt. Und sie haben oder nicht haben, das macht den Unterschied.

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Ausschnitt aus:„The Wise and Foolish Virgins“ („Die klugen und die törichten Jungfrauen“) von William Blake, 1826  

Immer wieder ist diese praktische Vernunft auf die ethischen Weisungen des Matthäusevangeliums bezogen worden. Wie kann man sich vorbereiten auf das Kommen des Reiches Gottes und auf die Wiederkunft Jesu Christi am Ende der Zeiten? Dafür gibt es klare Hinweise. Doch die Voraussetzung für jede Art von Vorbereitung ist doch, dass man tatsächlich daran glaubt und damit rechnet, dass da einmal etwas kommen wird.

Deswegen haben fünf von den zehn Mädchen noch mehr als eine pragmatisch-rationale Weitsicht. Es gibt auch noch eine Weitsicht des Herzens. Die rechnet damit, dass das Leben nicht nur aus Montagen im November besteht. Es könnte ja sein, dass dies hier noch nicht alles ist. Dass da noch was kommt. Etwas. Jemand.
Diese Weitsicht des Herzens kann man Sehnsucht nennen. Sie ist das Öl, das den grauen Alltag zum Leuchten bringt. Und sie haben oder nicht haben, das macht den Unterschied.

Ob das typisch für Mädchen ist? Matthäus lässt seinen Jesus mehrere Geschichten erzählen, in denen es um die Erwartung geht, dass am Ende jemand (wieder)kommt. Die Gleichnisse vom treuen und bösen Knecht und von den anvertrauten Talenten rahmen die Geschichte von den zehn Mädchen ein. Sie spielen im Arbeits- und im Geschäftsleben und darin spielen Männer die Hauptrolle. Die zehn Mädchen sind dagegen zuständig für die effektvolle Inszenierung einer Hochzeit, für die Feier von Schönheit und Liebe in der Welt.

Auf den ersten Blick scheinen das geschlechtsspezifische Stereotypen und klare Rollenverteilungen zu sein. Aber auch fünf der Mädchen fehlte die Erwartung des Unerwarteten, wie es scheint. Daher gilt für Männer und Frauen: Es gibt keinen Bereich des Lebens, der von der Erwartung des Unerwarteten ausgenommen wäre. Wer Sehnsucht danach hat, hat alles dabei. Und wenn die Tür ins Schloss fällt, stehen wir drinnen. Wir sehen die Lichter und hören die Musik und die klugen Mädchen lächeln uns zu.

Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur in Wittenberg

Von den Jungfrauen

Dann wird die Welt Gottes mit der Wirklichkeit in der folgenden Geschichte über zehn Mädchen verglichen werden: Sie nahmen ihre Fackeln und gingen hinaus, um dem Bräutigam zu begegnen. Fünf von ihnen waren naiv und fünf schlau. Denn die naiven nahmen ihre Fackeln, aber kein Öl mit sich. Die schlauen jedoch nahmen Öl in den Gefäßen mit ihren Fackeln mit. Als der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht ertönte Geschrei: „Da ist der Bräutigam. Geht hinaus, um ihm zu begegnen.“ Da wachten diese jungen Frauen alle auf und machten ihre Fackeln zurecht. Die naiven sagten zu den schlauen: „Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Fackeln verlöschen.“ Die schlauen antworteten: „Dann wird es bestimmt nicht für uns und euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft welches für euch.“ Während sie weggingen, um einzukaufen, kam der Bräutigam, und die fertig vorbereiteten gingen mit ihm zur Hochzeitsfeier, und die Tür wurde geschlossen. Später kamen die übrigen jungen Frauen und sagten: „Herr, Herr, öffne uns.“ Er aber sagte: „Das sage ich euch: Ich kenne euch nicht.“ Seid wach, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde!

Matthäus 25, 1-13 (Bibel in gerechter Sprache)

Frauen in der Bibel

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 Bild: lvh

Facettenreiche Frauen als Vorbilder für eine gerechte Gesellschaft: In einer sechsteiligen Reihe vom Ewigkeitssonntag bis Epiphanias stellen die Kirchenzeitungen im Norden nicht nur bekannte Gesichter vor, sondern wenden sich auch denen zu, die über viele Jahrhunderte namenlos blieben oder totgeschwiegen wurden.

Das sind unsere Bibelfrauen

  • Ausgabe 47, Ewigkeitssonntag - Gerechtigkeitslücke: Die zehn Jungfrauen
  • Ausgabe 48, Erster Advent - Heimliche Heldinnen: Pua und Schifra
  • Ausgabe 49, Zweiter Advent - Die Karrierefrau: Deborah
  • Ausgabe 50, Dritter Advent - Die beste Freundin: Elisabeth
  • Ausgabe 51/52 Vierter Advent / Weihnachten - Mehr als nur Mutter: Maria
  • Ausgabe 1/2014 Epihpanias - Rausredigiert: Die Namenlosen 
Zum Start der Serie auf evangelische-zeitung-niedersachsen.de

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