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Bild: Jens Schulze

Der Toten gedenken

Tagesthema 22. November 2013

Der Tod zwischen Discounter und Ewigkeit

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Katharina Henking und Christian Castel: „Friedhöfe sind das biografische Gedächtnis der Gemeinde.“ Bild: Ralf Neite  

Der Ewigkeitssonntag oder Totensonntag ist beinahe 200 Jahre alt. 1816 wurde er von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen per Kabinettsorder für die evangelische Kirche eingeführt – als „allgemeines Kirchenfest zur Erinnerung an die Verstorbenen“. Doch welche Bedeutung hat der Feiertag heute, wo die christliche Bestattung nur noch eine von vielen Möglichkeiten ist, die vom Friedwald bis zur Urne auf dem heimischen Kaminsims reichen? Die Alfelder Superintendentin Katharina Henking und ihr Elzer Amtskollege Christian Castel sind überzeugt: Für die evangelische Kirche habe der Ewigkeitssonntag nicht an Bedeutung verloren – im Gegenteil.

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Bild: Jens Schulze  

Die beiden SuperintendentInnen des Kirchenkreises Hildesheimer Land-Alfeld beobachten einen Wandel in der Haltung der Gesellschaft zum Tod. Zum Einen wüssten die Menschen oft nicht mehr, wie sie mit dem Sterben nahe stehender Menschen umgehen sollten, so Katharina Henking. Die Bestattung müsse möglichst zügig und unaufwändig über die Bühne gehen. „Das hat damit zu tun, dass wir einfach keine Trauerkultur mehr haben und die Situation nicht aushalten“, ist die Erfahrung der Superintendentin.

Ein anderer Aspekt trete hinzu, sagt Christian Castel: „Man will es möglichst schlank machen, und zwar besonders der Kosten wegen.“ In Berlin gebe es bereits Beerdigungsdiscounter, die anonyme Bestattungen im Ausland als besonders preisgünstige Variante anbieten.

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Bild: Jens Schulze  

Ein dritter Punkt ist die Sorge alter Menschen, ihren Kindern nicht zur Last fallen zu wollen, wenn sie gestorben sind. Dies führt vermehrt dazu, dass in Testamenten Bestattungsformen festgelegt werden, die später keine Grabpflege erfordern. Das liege aber mitunter daran, dass in den Familien zu wenig über das Thema gesprochen werden, kommentiert Katharina Henking. Sie habe schon Fälle erlebt, in denen die Angehörigen entsetzt waren über solch einen Testamentswunsch – beispielsweise einer Seebestattung –, weil ihnen dann ein Ort zum Trauern fehlte.

Zudem hätten die Bestatter ihr Angebot stark ausgeweitet, so Christian Castel. Sie organisierten nicht mehr nur den Rahmen einer Beerdigung, sondern die komplette Ausgestaltung bis hin zur Grabrede. „Dadurch wird es zur Privatangelegenheit“, ergänzt Katharina Henking, „wenn man nicht zum innersten Kreis der Familie gehört, gibt es keine Möglichkeit, Abschied zu nehmen.“

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Bild: Jens Schulze  

Genau das sei im christlichen Kontext anders. Der Tod eines Menschen sei eben nicht nur ein Verlust für die nächsten Angehörigen, sondern für die ganze Gemeinde. Deshalb würden am Ewigkeitssonntag noch einmal alle Namen der im zurückliegenden Jahr Verstorbenen im Gottesdienst verlesen, und die Gemeinde schließe sie in ihr Gebet ein, erklären Katharina Henking und Christian Castel: „Das ist eine Würde, die wir jedem Gemeindemitglied zusprechen, ob da nun Angehörige kommen oder nicht.“

Nachmittags finden in vielen Gemeinden zudem Andachten auf den Friedhöfen statt – die Grabstätten seien das „biografische Gedächtnis der Gemeinde“, so Henking und Castel. Letztlich stehe die Kirche damit über jedweden Trends: „Wir als Gemeinde stellen das Totengedenken in das Licht der Ewigkeit. Das kann kein Bestatter.“

Von Ralf Neite

Landesbischof Ralf Meister zum Ewigkeitssonntag

Zusammen in Leben und Tod

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Bild: Jens Schulze  

Marianne Kollhoff und Christa Borchers stapfen unter sich lichtenden Bäumen durch den Herbstwald. Dackel Sophie wühlt sich durch das Laub von Buchen und mächtigen Eichen, das dicht den Boden bedeckt. Sie gehen an der Andachtsstelle mit den Bänken und dem Holzkreuz vorbei, dann nach links und die leichte Steigung hoch zu Baum 366 - ihrem Baum. An den Wurzeln der hochgereckten Buche im Ruheforst Elbtalaue bei Gartow wollen sie einmal ihre letzte Ruhestätte finden, gemeinsam mit zehn weiteren Freunden und Verwandten.

„Zusammen in Leben und Tod“, sagt Marianne Kollhoff (64) lachend. Die Malerin aus dem niedersächsischen Wendland kaufte vor gut zwei Jahren mit Schwester und Schwager das „Freundschaftsbiotop“ und damit den Platz für bis zu zwölf Urnen unter Baum 366. Bald waren sie acht Frauen und drei Männer im Alter zwischen 50 und 92 Jahren, die jeweils eine Grabstelle übernommen haben. Die Älteste ist mittlerweile gestorben. „Sie ist als letzte dazugekommen und war die erste, die unter die Erde kam“, sagt Kollhoff. Ein Namens-Schild am Stamm der Buche erinnert jetzt an die Freundin.

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Bild: Jens Schulze

In den mehr als 50 Ruheforsten in Deutschland entscheidet sich mittlerweile jeder zweite bis dritte für ein Familien- oder Freundschaftsbiotop, sagt Matthias Budde von dem Unternehmen. Insgesamt rund 8.000 bis 10.000 Menschen werden dort im Jahr beerdigt. Mitbewerber „Friedwald“ hat Sprecherin Corinna Brod zufolge bisher in seinen rund 50 Friedwäldern etwa 20.000 Familien- oder Freundschaftsbäume verkauft, unter denen bis zu zehn Menschen die letzte Ruhe finden können.

Neben dem Familiengrab auf einem Friedhof werden die Formen vielfältiger. „Traditionelle familiäre Strukturen nehmen auch in der Bestattungskultur ab“, erläutert Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur in Düsseldorf. „Zum einen kommt es zu mehr Vereinsamung. Zum anderem finden sich Menschen in neuer Form nach ihrem sozialen oder ästhetischen Milieu zusammen.“

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Bild: Jens Schulze

Beispiele dafür sieht Wirthmann in den Fan-Grabstätten der Fußballvereine Schalke 04 und HSV aber auch im „Garten der Frauen“ auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf, oder eben in den Freundschaftsgräbern im Wald. „Das ist ein Trend, der sich langsam entwickelt, und es ist unklar, ob er Bestand hat“, sagt der Experte. Auf klassischen Friedhöfen sei das Modell der von Freunden gemeinsam getragenen Grabstätten noch nicht etabliert.

Marianne Kollhoff hat mit ihrer Initiative andere angesteckt. Eine Freundin, die zunächst an ihrem Baum beteiligt war, hat schließlich selbst einen erworben. Auch um sie scharrten sich schnell elf weitere Interessierte, die für je rund 270 Euro einen der Plätze übernommen haben. Die Urnen-Begräbnisstätte im Wald ist eine vergleichsweise kostengünstige Variante. Doch entscheidend sei etwas anderes, betont Heidi Schröter aus der Freundes-Runde beim Gespräch in Marianne Kollhoffs Küche: „Ich weiß jetzt schon, es braucht sich niemand mehr um etwas zu kümmern. Und es ist ein Ort, den ich liebe.“

Bei Kaffee und Kürbiskuchen kommen Themen auf den Tisch, die viele lieber meiden. Und dabei gehen die Meinungen auseinander. Marianne Kollhoff wünscht sich ihre Beerdigung bunt, jemand soll „Somewhere over the Rainbow“ singen. Sie glaubt fest an die Wiedergeburt. Ein Gedanke, mit dem Christa Borchers, die sich Jahrzehnte in der evangelischen Kirche engagiert hat, gar nichts anfangen kann. Die 77-Jährige möchte schlicht und einfach und auf jeden Fall kirchlich unter die Erde gebracht werden. Evangelische Pastoren begleiten auf Wunsch auch die Waldbestattungen. Zunächst aber wollen die Freunde einmal im Jahr gemeinsam ihr künftiges Grab besuchen, anschließend essen gehen und das Leben genießen.

Von Karen Miether (epd)

Ewigkeits- oder Totensonntag

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Bild: Jens Schulze

Mit dem Ewigkeits- oder Totensonntag (24. November) endet das Kirchenjahr. Neben dem Andenken an die Verstorbenen wird in vielen evangelischen Gottesdiensten auch zu einem bewussteren Umgang mit der Lebenszeit ermutigt. Wem es gelinge, Abschied und Tod im Alltag zu bewältigen, der bekomme auch sein Leben besser in den Griff, heißt es in christlichen Lebenshilfen. Vergänglichkeit kann so als Gewinn und nicht als Verlust erfahren werden.

Die Religionen der Welt antworten auf die Frage nach dem Tod höchst unterschiedlich. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis, einem der ältesten christlichen Glaubenstexte, bekennen Christen ihren Glauben an „die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“. Theologen warnen zugleich vor einer Verharmlosung des Sterbens durch Spekulationen über ein Weiterleben. Es stehe allein fest, dass die „Geschichte Gottes“ mit dem Menschen auch nach dem Tod weitergehen werde, heißt es in christlichen Auslegungen.

Der Gedenktag am Sonntag geht auf die Reformationszeit zurück. Er stellt eine evangelische Alternative zum katholischen Allerseelentag dar. Der Ewigkeitssonntag wurde erstmals Mitte des 16. Jahrhunderts in einer Kirchenordnung erwähnt. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. führte ihn im 19. Jahrhundert als „Feiertag zum Gedächtnis der Entschlafenen“ ein.

epd

Landeskirche kombiniert erstmals Urnengewölbe mit Gottesdienstraum

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Vorstellung des neuen Kolumbariums in Hannover. Bild: privat

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte verbindet die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers einen Gottesdienstraum mit einem oberirdischen Urnengewölbe. Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann stellte das 210.000 Euro teure Projekt in Hannover vor. Das sogenannte „Kolumbarium“ wurde in die Nazareth-Kirche in Hannovers Südstadt integriert.

Das Kirchenschiff solle weiterhin als Ort für Gottesdienste und Konzerte dienen. Die Toten würden in Gemeinschaft mit den Lebenden verbunden bleiben, erläuterte Spieckermann das Konzept. „Hier sind beide unter Gottes Segen gestellt.“ Insgesamt stünden 672 nischenartigen Urnenplätze zur Verfügung. Jeder von ihnen solle mit dem Namen sowie dem Geburts- und Sterbedatum des Bestatteten versehen werden.

„Das Kolumbarium ist ein würdiger Ort“, sagte die Pastorin der Südstadtgemeinde Anke Merscher-Schüler. Angehörige könnten die Verstorbenen hier auch bei schlechtem Wetter problemlos besuchen. Die Urnenplätze befinden sich in sechs Stelen. Sie stehen in einem zuvor ungenutzten Seitenschiff der Kirche. Es sei für die neue Nutzung saniert und durch eine Glaswand vom restlichen Kirchenschiff getrennt worden. „Der Raum predigt nun für sich selbst“, betonte die Pastorin.

Zur Finanzierung habe die Gemeinde einen Kredit aufgenommen. Das Kolumbarium funktioniere wie jeder andere Friedhof nach der Friedhofsordnung und müsse sich finanziell selbst tragen, erläuterte Merscher-Schüler. „Wir benötigen 30 bis 35 Reservierungen von Urnenplätzen pro Jahr, damit das klappt.“

In Niedersachsen gibt es bereits drei weitere Kolumbarien in Kirchen. So wurde im Juli 2012 der Turmraum der früheren Hoheneggelsener Wehrkirche bei Peine in ein Kolumbarium umgewandelt. Katholische Kolumbarien gibt es zudem in der Herz-Jesu-Kirche in Hannover-Misburg und in der Osnabrücker Kirche der Heiligen Familie. Insgesamt gibt es deutschlandweit nur fünf Kolumbarien, die in weiterhin genutzten evangelischen Kirchen stehen. Das erste oberirdische Urnengewölbe in einer deutschen Kirche wurde 2004 in der katholischen Pfarrkirche „Erscheinung Christi“ in Krefeld eingerichtet.

epd

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