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Der Blickwinkel ändert sich

Tagesthema 20. November 2013

Feministische Theologie auf Umwegen

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Bärbel Wartenberg-Potter

Als ich zum ersten Mal nach Südafrika reiste, blieben die schwarzen Menschen für mich lange unsichtbar. Die Weißen dominierten überall. Sie legten fest, was die Schwarzen tun, wo sie wohnen (in den Hinterhöfen und Townships), was sie lernen, was sie arbeiten, was sie verdienen, wie sie heißen durften. Sie kamen nicht vor in den Geschichtsbüchern. Sie waren durch den Rassismus unsichtbar gemacht worden.

Nach Hause zurückgekehrt, entdeckte ich, dass die Situation von uns Frauen nicht unähnlich war. Bis 1977 (!) durften Frauen ohne Zustimmung des Ehemannes ihren Beruf nicht ausüben. In den Kirchen wurden wir „Brüder“ genannt. Bis heute verdienen Frauen weniger Geld. Hannah Arendt rief uns zu: Frauen müssen der Unsichtbarkeit und dem Vergessenwerden entrinnen.

Den aufrechten Gang gelernt

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Der Blickwinkel ändert sich. Bild: epd-Bild

Die Feministische Theologie, angeregt von amerikanischen Theologinnen, begann in den 1970er Jahren die biblischen Frauen zu entdecken, anders als die traditionelle, männliche Exegese: Eva war nicht mehr die große Versucherin, sondern die Mutter alles Lebendigen. Miriam stand neben Mose als Führungsfigur auf dem Weg der Befreiung aus Ägypten. Die Kirchengeschichte beginnt mit der „unsinnigen“ Botschaft der Frauen an Ostern. Paulus spricht von Junia als einer Mit-Apostelin. (Röm16,7) Wir lernten von den biblischen Frauen den aufrechten Gang und den Gebrauch der eigenen Stimme. Was wäre aus der Kirche ohne die Stimme dieser Frauen geworden! Sie haben fürwahr nicht geschwiegen.

So gestärkt, begannen die Frauen um die Deutungshoheit über die biblischen Texte zu kämpfen. Geteilt werden sollte sie, denn die traditionelle Exegese beanspruchte, allein zu bestimmen, was theologisch legitim sei. Besonders deutlich war dies im Fall der „Bibel in gerechter Sprache“.

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Die kubanische Pfarrerin Ofelia Ortega, ehemalige Präsidenen des Weltkirchenrates (li.), und die ehemalige Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter tanzen zu karibischen Klängen des "Bethel Steel Orchestra" bei einem Gottesdienst . Bild: epd-Bild  

Von nun an begann sich durch die Feministische Theologie die Deutung theologischer Fragen zu ändern: Da war das Thema Gerechtigkeit. Gerechtigkeit auch für Frauen! Es ging um gerechte Beziehungen zu Gott und der Menschen untereinander. Die Hebräische Bibel und die weltweite Ökumenische Bewegung haben geholfen, Luthers Rechtfertigungslehre im 21. Jahrhundert neu zu verstehen: Gott macht uns gerecht, damit wir als gerechte Menschen leben können. Oder das Abendmahl: ging es dabei nicht auch um Speisung der Hungrigen, ums Teilen und um die Gemeinschaft bei Tisch? War Jesu Hingabe „an das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“ nicht etwas anderes als ein Sühnopfer? Ist Sünde nicht besser verstanden als „Verstrickung ins Unrecht“ (L.Schottroff)?

Neue Themen tauchten auf, z.B. der Körper: „ Wisst ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt? “ (1.Kor 3,16) Die Leibfeindlichkeit der patriarchalen Theologie und die dualistische Trennung von Geist und Leib wurden infrage gestellt. Dadurch entstand schon früh eine öko-feministische Bewegung. Heute fragen Frauen, ob der Mensch allein im Mittelpunkt von Gottes Handeln steht (Anthropozentrismus), weil sein Herrschen über die Mit-Welt den Planeten so ruinös zerstört.

Zentral aber wurde der Satz des Paulus: In Christus ..ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau. Ihr seid alle einzig einig in Christus. (Gal. 3,28)

Bei den Treffen der ersten Gemeinden wurde dieses Taufbekenntnis gesprochen – deshalb waren sie so attraktiv – und es saßen die Herrinnen und Sklavinnen, Juden und Griechen, Frauen und Männer als Gleichwertige an einem Tisch und aßen aus der gleichen Schüssel. In einem Bibliodrama stand am Ende des Abendmahls die Sklavin auf und sagte zur Herrin: „Ich will jetzt auch nicht mehr deine Sklavin sein.“ Wir entdeckten, es ging nicht mehr nur um das gemeinsame Essen, sondern um die Veränderung der Wirklichkeit aus dem Geist Christi.

Erst im 18. Jahrhundert sprachen sich die Christen für die Abschaffung der Sklaverei aus. Erst im 20. Jahrhundert wurden Frauen in einigen (!) Kirchen gleichberechtigt. Viele sind wegen der Ungleichheit schon aus den Kirchen ausgewandert. Feministische Theologinnen legen die Bibel relevant aus. Sie sind keine Bittstellerinnen mehr in den Kirchen. 

Von Bischöfin i.R. Bärbel Wartenberg-Potter (aus: Evangelische Zeitung)

Themenserie
in der Evangelischen Zeitung

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Facettenreiche Frauen als Vorbilder für eine gerechte Gesellschaft
In einer sechsteiligen Reihe vom Ewigkeitssonntag bis Epiphanias stellen die Kirchenzeitungen im Norden nicht nur bekannte Gesichter vor, sondern wenden sich auch denen zu, die über viele Jahrhunderte namenlos blieben oder totgeschwiegen wurden.

Das sind die von der „Evangelischen Zeitung“ und der „Kirchenzeitung für Mecklenburg-Vorpommern“ ausgewählten Bibelfrauen

  • Ausgabe 47, Ewigkeitssonntag - Gerechtigkeitslücke: Die zehn Jungfrauen
  • Ausgabe 48, Erster Advent - Heimliche Heldinnen: Pua und Schifra
  • Ausgabe 49, Zweiter Advent - Die Karrierefrau: Deborah
  • Ausgabe 50, Dritter Advent - Die beste Freundin: Elisabeth
  • Ausgabe 51/52 Vierter Advent / Weihnachten - Mehr als nur Mutter: Maria
  • Ausgabe 1/2014 Epihpanias - Rausredigiert: Die Namenlosen
Direkt zur Evangelischen Zeitung

Sie müssen draußen bleiben

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Peter von Cornelius, Die klugen und die törichten Jungfrauen, circa 1813. Bild: WikiCommons

Ewigkeitssonntag auf evangelisch. In den Gottesdiensten werden die Namen der im Kirchenjahr Verstorbenen verlesen. Der 90. Psalm führt uns die eigene Begrenztheit vor Augen: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Der Gesang klingt getragen aber getrost: „Wachet auf ruft uns die Stimme“. Ein Text. der nachhallt. „Wir folgen all zum Freudensaal, und halten mit das Abendmahl.“ Wozu aber der Ruf an die klugen Jungfrauen: „Wohlauf, der Bräut’gam kommt?“

Die entsprechende Bibelstellte, häufig Predigttext am letzten Sonntag des Kirchenjahres trifft Trostbedürftige wie ein Schlag ins Gesicht. So gar nicht gnädig ist das Gleichnis von den Zehn Jungfrauen aus Matthäus 25. Kein aufmunterndes „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel“. Kein Hohelied auf die allumfassende Gnade und auch kein liebes Jesulein, das am Ende die Tränen trocknet. Stattdessen eine verschlossene Tür und davor ein unbarmherziger Bräutigam. Lange hatte er die zehn Frauen, die ihm entgegenfieberten warten lassen. So lange, dass fünf der Frauen das Lampenöl ausging. Aus die Maus. Denn an einen Nachfüllpack hatten sie, anders als ihre fünf Mitbewerberinnen, schlicht nicht gedacht. Und abgeben wollten die so ganz und gar nicht. Wer nun hoffte, der liebevolle Bräutigam hätte ein Einsehen und nähme sich dennoch aller zehn Frauen an oder würde gar die abstrafen, die nicht teilen wollten, wird enttäuscht. Schwer fällt die Tür des Hochzeitssaales hinter den fünf klugen Frauen ins Schloss. Für die fünf ohne Lampenschein bleibt nur die Dunkelheit und der gute Rat des Bräutigams: „Ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ ...

Von Carsten Splitt (Evangelische Zeitung)

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