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Bild: epd-Bild

15 Jahre Talk in der Kirche

Tagesthema 17. November 2013

Eine Fernseh-Talkshow unter hohen gotischen Backsteinbögen: Das gibt es nur bei „Tacheles“ aus Hannover. Anfangs war das Konzept umstritten - inzwischen ist es etabliert. Jetzt steuert „Tacheles“ bereits ins 15. Jahr

„Lasst die Geister aufeinanderprallen“

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Bischöfe zu Gast in der kirchlichen Talkshow - hier der Landesbischof aus Hannover: Ralf Meister, in dessen Predigtkirche „Tacheles“ aufgezeichnet wird. Bild: Jens Schulze

„Wir werden nie rauskriegen, ob es den christlichen Gott oder die Zahnfee wirklich gibt“, sagt Philipp Möller, bekennender Atheist. Und Landesbischof Ralf Meister antwortet: „Nun gibt es in Deutschland relativ wenige Menschen, die ihr Leben nach der Zahnfee organisieren.“ Mehr als 31.000 Mal wurde dieser Ausschnitt bereits auf dem Internet-Videoportal „YouTube“ angeklickt. Der Wortwechsel war Auftakt einer lebhaften Diskussion in der evangelischen Fernseh-Talkshow „Tacheles“ aus der Marktkirche in Hannover.

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Talkshow unter besonderem Vorzeichen: Das Holzkreuz in der Marktkirche Hannover. Bild: jens Schulze

Mit der nächsten Aufzeichnung am 19. November geht die Talkshow, die fünf Tage später auf Phoenix zu sehen ist, in ihr 15. Jahr. „Das ist im Fernsehen eine halbe Ewigkeit“, sagt Redaktionsleiter Thomas Hestermann stolz. Für den Erfolg sei vor allem das einzigartige Profil von Tacheles verantwortlich, betonen die Macher.

Denn mit „Tacheles“ probierte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Oktober 1999 ein neues Konzept: Sie lädt gezielt zum Streit mit Gegnern religiöser Standpunkte ein. „Wir suchen uns die Kritiker mit den stärksten Argumenten“, sagt Fernsehpastor Jan Dieckmann, der als Moderator von Anfang an dabei ist. Getreu dem Lutherwort: „Lasset die Geister aufeinanderprallen, aber die Fäuste haltet still.“

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Schon oft zu Gast: Margot Käßmann (Mitte) im Gespräch mit Jan Dieckmann, dem Moderator. Bild: Jens Schulze

Im fairen Dialog soll um die Wahrheit gerungen werden. Ob Organspende, härtere Strafen oder Sterbehilfe: Immer haben die Themenmeine ethische Komponente. Und immer ist ein ranghoher Kirchenvertreter dabei, der die kirchliche Perspektive vertritt. „Die Sendung soll die Aktualität des christlichen Glaubens anhand gesellschaftlicher Probleme deutlich machen“, erläutert Markus Bräuer, Medienbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Die Anfänge waren noch schlicht: Es gab bemalte Folie, einen „schrabbeligen“ Tisch, Tonprobleme, und überhaupt war alles ganz neu. „Es war ein wenig wie bei einem Offenen Kanal“, erinnert sich Dieckmann. Inzwischen hat sich „Tacheles“ in der Fernsehlandschaft etabliert. Die Technik ist modern, und die Talk-Runden sind meist prominent besetzt. Wolfgang Schäuble war schon da, Wolf Biermann und auch Gregor Gysi.

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Während der Talkshow weniger im Blick: Der prachtvolle Altar der Marktkirche. Bild: Jens Schulze

Sechsmal pro Jahr wird die Marktkirche dafür zum Fernsehstudio umgebaut: mit Kameras, Scheinwerfern und Mikrofonen. Mit ihrer Backsteinoptik bietet sie ein unverwechselbares TV-Ambiente. Die Kulisse beeinflusst auch den Umgang miteinander. „Der Ort macht etwasmit den Gästen“, sagt Dieckmann. „Die Kirche bringt viel Ernsthaftigkeit und Tiefe in die Gespräche.“ Gegner waren vor 15 Jahren noch überzeugt, dass kontroverse Gespräche in einer Kirche unmöglich sind. Es werde nur leise geredet, und es gebe kein offenes Wort.

Doch es kam anders. „Die Gäste loben die hohe Gesprächskultur der Sendung“, betont EKD-Beauftragter Bräuer. Die EKD trägt gemeinsam mit der hannoverschen Landeskirche und der Klosterkammer Hannover die Kosten für das Projekt. Der Protestantismus hat Bräuer zufolge viel für den respektvollen Austausch von Argumenten übrig.

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Diskussionsrunde in der Kirche. Bild: Jens Schulze

Auch der Sender Phoenix ist zufrieden. „Tacheles passt gut in unser Programm“, sagt Sprecherin Gudrun Hindersin. «Die Runden sind immer gut besetzt und erfreuen sich hoher Zuschauerakzeptanz.“

Am 19. November wird es wieder strittig in der Kirche. Unter dem Thema „Streit um Flüchtlinge“ trifft ein asylkritischer Politiker auf eine junge Frau, die trotz Bürgerkrieg in ihrer Heimat in Deutschland nur „geduldet“ ist.

Von Stefan Krointh (epd)

„Streit um Flüchtlinge“

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Klar argumentieren: Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Bild: Jens Schulze

Die Zahl der Asylbewerber ist bundesweit stark gestiegen, aktuell sind es fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Die Hamburger St. Pauli-Kirche gewährt afrikanischen Flüchtlingen Unterschlupf. Ist es Christenpflicht, für ein freieres Bleiberecht einzutreten? Oder soll Deutschland die Grenzen nur für ausgewählte Flüchtlinge öffnen? Darüber diskutiert Pastor Jan Dieckmann mit Gästen am 19. November in Hannover.

„Deutschland darf sich nicht weiter abschotten, sondern muss eine Willkommenskultur entwickeln“, fordert Landesbischof Gerhard Ulrich von der evangelischen Nordkirche. CDU-Politiker Burkard Dregger hält die deutsche Flüchtlingspolitik dagegen für zu großzügig. „Wir leisten uns eine steigende Zahl Asylbewerbern, die nicht politisch verfolgt sind.“ Nurjana Arslanova floh aus dem Bürgerkrieg in der Kaukasus-Republik Dagestan. Sie wird in Deutschland seit elf Jahren nur geduldet. Die Sprecherin von „Jugendliche ohne Grenzen“ fordert ein Bleiberecht für alle Flüchtlinge: „Gott hat die Welt ohne Grenzen geschaffen.“ Philipp Gut ist stellvertretender Chefredakteur der Schweizer „Weltwoche“. Er meint, viele Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, würden nicht wirklich verfolgt.

Mehr über das Thema der nächsten Sendung bei Tacheles im Netz

Daten und Termine

Die Aufzeichnung beginnt am

  • Dienstag, 19. November 2013, um 19 Uhr; Einlass ist ab 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.
  • Phoenix strahlt die Debatte erstmals am Sonntag, 24. November um 13 und 24 Uhr aus.

Tacheles wird veranstaltet von der Evangelischen Kirche im NDR und wird gemeinsam getragen von der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und der Klosterkammer Hannover. 

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