2013_11_15

Bild: Jens Schulze

Eine Frau - zwei Männer

Tagesthema 14. November 2013

Erster Männer-Predigtpreis vergeben

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Die Preisträger (von links nach rechts): Pastor Volker Dieterich-Domröse, Jurate Graun (alias Indre Meiler-Taubmann), Jürgen Deuerlein. Bild: Jens Schulze

Eine Frau hat den ersten Männer-Predigtpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewonnen. Jurate Graun (alias Indre Meiler-Taubmann), eine ehrenamtliche Klinikseelsorgerin, hat mit einer Predigt, die einem erotischen Gedicht ähnelt, die Jury ebenso überzeugt wie Pastor Volker Dieterich-Domröse aus Stade, der einen Vater im inneren Monolog seiner frisch getauften Tochter ein neues Glaubenbekenntnis formulieren lässt, und Jürgen Deuerlein, ein Prädikant aus Vaihingen, dessen Predigt einen Vergleich zwischen dem Freitod eines Mannes und dem Kreuzestod Jesu wagt.

Totale
Verleihung des Predigtpreises. Bild: Jens Schulze

Im Frühsommer hatte der Arbeitsgemeinschaft der Männerarbeit in der EKD den Predigtpreis ausgeschrieben. Die Arbeiten sollten sich mit dem Jahresthema 2013 der EKD-Männerarbeit auseinandersetzen: „Bis hierher … Aufrecht gehen und Ihr werdet leben!“

„Gewöhnlich machen sich Männer als Gottesdienstbesucher eher rar. Aber wenn sie dann kommen, gehen sie oft recht kritisch mit dem Gottesdienstverlauf, vor allem aber mit Predigtinhalten um“, erklärt der Geschäftsführer der EKD-Männerarbeit, Martin Rosowski. Männer legten offenbar Wert darauf, in ihren persönlichen geistlich-spirituellen wie auch ihren allgemeinen Lebenserfahrungen angesprochen zu werden. „Sie erwarten von Gottesdienst und Predigt eben keine Antworten auf Fragen, die sie gar nicht gestellt haben“, ist Rosowski überzeugt.

Für eine Theologie, die die Lebenswelten von Männern, ihre Spiritualität und ihre Glaubensfragen nachhaltig reflektiert und in die theologische Praxis umsetzt, fehle allerdings das fachwissenschaftliche Handwerkszeug. Um diese „Leerstelle“ auf Dauer ausfüllen zu können, hat die Männerarbeit der EKD in diesem Jahr erstmalig der Männer-Predigtpreis ausgelobt. Er zeichnet Predigten aus, die männerspezifische Fragen für den Verkündigungskontext erschließen, diesen männerbezogen und in einer situationsgerechten Sprache auslegen, dabei gleichzeitig theologisch fundiert, innovativ und originell sein sollten.

Die Preisverleihung hat während eines Gottesdienstes in der Kirche des Stephansstiftes in Hannover stattgefunden. Die drei ausgezeichneten Predigten werden mit einer Auswahl weiterer männertheologischen Predigten veröffentlicht.

Seit Jahrzehnten feiern viele evangelische Gemeinden den dritten Sonntag im Oktober als „Männersonntag“. Am 20. Oktober ist es wieder so weit. Vielerorts sind gottesdienstliche Feiern geplant, in denen Männer in der Gemeinde mit ihren spirituellen Bedürfnissen und Erfahrungen einmal im Vordergrund stehen und sie als Akteure und Gestalter angesprochen sind.

Rosowski kündigte an, dass im kommenden Jahr das Predigtpreis-Projekt fortgeführt werden solle. Er hofft, dass sich auch dann wieder viele haupt-, neben- und ehrenamtliche Prediger und Predigerinnen beteiligen werden. „Die Gemeinden mögen sich von der Vielfalt der eingegangenen männertheologischen Predigten inspiriert fühlen.“ Es sei geboten, auch und gerade die Gottesdienste zu nutzen, um Männern einen aktiven Part im kirchlichen Alltag zu bieten, ist der Männerarbeit-Geschäftsführer überzeugt. Männer erwarteten eine Kirche, die ihre Erfahrungen ernst nehme, ihre Kompetenzen anerkenne und sie zu einem Dialog auf Augenhöhe einlade. Dann fühlten sie sich auch in ihr zu Hause.
 

Michael Eberstein, Chefredakteur der Evangelischen Zeitung

Predigt von Volker Dieterich-Domröse

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Pastor Volker Dieterich-Domröse aus Stade lässt einen Vater im inneren Monolog seiner frisch getauften Tochter ein neues Glaubenbekenntnis formulieren. Bild: Jens Schulze

Mit einer tollen Idee, die konsequent durchgehalten wird, startet Pastor Dieterich- Domröse: Ein Vater will seiner gerade getauften kleinen Tochter ein eigenes Glaubensbekenntnis schreiben. Überzeugend ist das Bild, das der Mann, der seit seiner eigenen Konfirmation kaum oder auch gar nicht mehr in der Kirche das Credo mitgesprochen hat, für eine solche Aufgabe die Ermutigung durch einen Schluck Rotwein wählt. Die Merlot-Flasche weckt in seinem inneren Dialog die Assoziation, dass auch der Glaube eine Verpackung braucht, um beim Menschen anzukommen. Und dass diese Verpackung unterschiedlich sein kann und muss, je nach Anlass. Schlüssig formuliert der Täuflingsvater zunächst ein Kinder-Credo, das seine Tochter vielleicht im Alter von zehn, zwölf Jahren lesen wird. Dann aber schreibt er ein Glaubensbekenntnis, wie es auch für sein Alter stimmig wäre, in der Hoffnung, dass seine Tochter Jahrzehnte später ähnlich empfindet. Am Schluss kommt er zu der Erkenntnis, dass es lohnenswert und hilfreich sei, das traditionelle Bekenntnis zu lernen, wie es die Menschen weltweit und seit Jahrhunderten sprechen. Dieterich-Domröse spricht eine Sprache, die auch dem seltenen Kirchenbesucher vertraut ist. Seine szenische Predigt nimmt den Zuhörer mit in eine „typisch männliche“ Auseinandersetzung mit dem Glauben: vom Erlebten zum Abstrakten. Sie macht auch weniger kirchenerprobten Männern Mut, sich den Traditionen mit einer eigenen Sichtweise zu nähern. Das Jahresthema wird nicht ausdrücklich angesprochen, doch die selbstbewusste Formulierung eines eigenen Credos spricht für „aufrecht gehen und ihr werdet leben“.

Die Jury

Zum Hören und Sehen

Die Jury des Predigtpreises besteht aus:

  • Dr. Jochen Arnold (Direktor des Michaelisklosters Hildesheim),
  • Pfarrer Henning Busse (Landespastor für Männerarbeit der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers),
  • Michael Eberstein (Chefredakteur der Evangelischen Zeitung, Hannover),
  • Prof. Dr. Michael Domsgen (Martin- Luther-Universität Halle/Wittenberg),
  • Pfr. Gerd Kiefer (Theologischer Vorsitzender der Männerarbeit der EKD, Leiter der Ev. Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft der Ev. Kirche der Pfalz),
  • Prof. Dr. Reiner Knieling (Leiter des Gemeindekollegs der VELKD, Neudietendorf)
Mehr zum Thema Männertheologischer Predigtpreis 2013

Predigt von Jurate Graun

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Jurate Graun (alias Indre Meiler-Taubmann), eine ehrenamtliche Klinikseelsorgerin, hat mit einer Predigt, die einem erotischen Gedicht ähnelt, die Jury überzeugt. Bild: Jens Schulze

Die Predigt nimmt das Jahresthema der Männerarbeit der EKD „Bis hierher! Aufrecht gehen und Ihr werdet leben“ mit einem überraschenden Beispiel auf: Es geht um Sexualität und Treue - und dabei eben auch beispielhaft um das schwierige Verhältnis von David zu Bathseba … Persönliche Gedanken und biblische Texte ergänzen sich in starker emotionaler Weise gegenseitig. Am Ende steht als Gesamtwerk fast so etwas wie ein erotisches Gedicht. Mit klarer Konzeption nimmt die Predigt ein existenzielles und gerade daher wohl auch heikles Thema auf. Ein Thema, das - aus der Sicht eines Mannes erzählt - Frauen und Männer in ihren Beziehungen ganz persönlich angeht. Die Predigt von Jurate Graun bringt biblische Poesie und Erotik zusammen und hat ihre Stärke dennoch in der realistischen Darstellung der inneren Zerrissenheit des Ich-Erzählers zwischen widerstreitenden Gefühlen und personaler Verantwortung. Gott ist der gnädige Zugewandte und dennoch kein „Billiger Jakob“. Es ist der Autorin anzurechnen, dass sie mit dem Hohelied unter anderen einen alttestamentarischen Text bearbeitet, an den sich nicht viele heranwagen. Und so entsteht fast zwangsläufig eine Predigt von seltener lyrischer Qualität, die in einem fulminanten Schluss mit dem Psalm-Gebet endet, von dem die Jury sagt: „Einen besseren könnte man sich nicht vorstellen!“.

Die Jury

Predigt von Jürgen Deuerlein

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Jürgen Deuerlein, Prädikant aus Vaihingen. Bild: Jens Schulze

Männerspezifisch ist diese Predigt: Kämpfen, Ziele verfolgen, tun, was die Firma fordert, das Letzte aus sich herausholen, irgendwann keine Kraft mehr haben …, das kennen viele. Erschreckend ist die Geschichte: Das Ende eines Mannes als Anfang einer Predigt, die das Jahresthema der Männerarbeit umkreist: Bis hierher … Aufrecht gehen und ihr werdet leben! Lösungsorientiert und praktisch ist die Predigt von Jürgen Deuerlein. Typisch kirchlich ist sie auch ein bisschen. Der Mann, der aus dem Leben flieht, und Jesus werden gegenübergestellt: Jesus als der, der es kann, obwohl auch er stirbt. Man könnte fragen: Muss man göttlichen Ursprungs sein, um es zu schaffen? Das muss man scheinbar nicht, denn dem Verkündiger gelingt die Veränderung ja auch schrittweise. Ob alles zusammen eher ermutigend oder befremdend wirkt, ob es eher als Evangelium oder eher als Überforderung ankommt, war in der Jury umstritten. Da mag sich jede und jeder eine eigene Meinung bilden. Gut, wenn Predigten zum Gespräch herausfordern! Wir haben die Predigt vor allem wegen des männerspezifischen Blicks ausgewählt.

Die Jury

Wir sind evangelisch