Brennende Synagoge

Brennende Synagoge. Bild: epd-Bild

Als die Synagogen brannten ...

Tagesthema 08. November 2013

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fand eine bis dahin beispiellose Serie der Gewalt gegen die jüdische Minderheit im Deutschen Reich statt. Bereits seit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 waren die Juden diskriminiert und schikaniert worden, 1935 büßten sie ihre staatsbürgerlichen Rechte ein. Mit den Novemberpogromen vor 75 Jahren ging die antisemitische NS-Führung von der juristischen und bürokratischen Verfolgung der Juden zur offenen Gewalt gegen die entrechtete Minderheit über.

Vom Antisemitismus zur offenen Gewalt

Geschäfte
In der Reichspogromnacht wurden jüdische Geschäfte zerstört. Bild: epd-Bild

Jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen von Juden in ganz Deutschland wurden verwüstet und geplündert, Hunderte Synagogen gingen in Flammen auf. Zahlreiche Juden wurden öffentlich misshandelt und zu Tode geprügelt. Außerdem wurden am 10. November rund 30.000 männliche Juden für einige Monate in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt. Nach Schätzungen von Historikern starben mehr als 1.300 Menschen während und infolge der Gewalt. Die offizielle NS-Bilanz führte 91 Tote auf, der Sachschaden wurde auf mehrere hundert Millionen Reichsmark beziffert.

Die judenfeindlichen Ausschreitungen sollten aussehen wie ein „spontaner Ausbruch des Volkszorns“, doch sie wurden planmäßig von der NS-Führung in Gang gesetzt. Als Vorwand diente das Attentat auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst vom Rath in Paris durch den 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan. Bei einem Treffen von Parteifunktionären am 9. November in München gab Propagandaminister Joseph Goebbels in einer Hetzrede das Signal, gegen die jüdische Minderheit loszuschlagen.

Brennende Synagoge
Brennende Synagoge. Bild: epd-Bild

Die reichsweiten Übergriffe gegen die Juden und ihr Eigentum wurden überwiegend von SA-, SS- und Parteimitgliedern verübt. Vielerorts beteiligten sich an den Zerstörungen und Misshandlungen aber auch Deutsche, die nicht den NS-Organisationen angehörten, darunter viele Jugendliche. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mehr als 7.000 Deutsche in rund 1.200 Prozessen für Verbrechen im Zusammenhang mit den Pogromen von 1938 vor westdeutschen Gerichten angeklagt.

Für den US-amerikanischen Historiker Alan E. Steinweis reicht der Kreis der Täter „weit über die Kerntruppe von Nazischlägern hinaus“. „Auch wenn sich wohl nur eine Minderheit der Deutschen aktiv an dem Pogrom beteiligte, war diese Minderheit doch bedeutend größer als oftmals angenommen“, resümiert Steinweis. An den Plünderungen jüdischen Eigentums nach den Übergriffen hätten sich Tausende Deutsche beteiligt.

Nach dem Urteil des Historikers Wolfgang Benz inszenierten die Nationalsozialisten die Pogrome als „Ritual der Erniedrigung und Demütigung“ der jüdischen Minderheit. Nach den gewaltsamen Übergriffen begann auch die flächendeckende staatliche Enteignung jüdischen Besitzes. Die systematische Vernichtung der Juden planten die NS-Machthaber zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst drei Jahre später, im Jahr 1941, setzten die Deportationen deutscher Juden in die Todeslager ein.

Für die Pogrome vom November 1938 bürgerte sich rasch - offenbar aufgrund der Glasscherben der zerstörten Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte – der Begriff „Reichskristallnacht“ ein. Die genaue Herkunft des zeitgenössischen Ausdrucks ist ungeklärt. Heute wird der Begriff meist als verharmlosend und beschönigend empfunden.

Von Jürgen Prause (epd)

Kein Zeichen von Toleranz

Sie wurden verfolgt und verjagt, sie wurden hofiert und um Geld angebettelt, sie wurden gefoltert und ermordet. Die Geschichte der Juden in Hannover unterscheidet sich nicht von der in anderen deutschen Städten. Aber aus der Reihe der Hannoveraner jüdischen Glaubens ragen einige Persönlichkeiten heraus.

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Hugo Thielen. Bild: Evangelische Zeitung  

Ein neu aufgelegtes Buch aus dem Lutherischen Verlagshaus erinnert an diese „Jüdischen Persönlichkeiten in Hannovers Geschichte“. Vor 15 Jahren hatte es Waldemar R. Röhrbein, langjähriger Direktor des Historischen Museums Hannover, erstmals vorgelegt. Die Anregung dazu stammte von Hans-Werner Dannowski, dem damaligen Stadtsuperintendenten. Jetzt, zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938, hat Hugo Thielen das Buch aktualisiert, neu angeordnet und erweitert.

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Andor Iszak. Bild: Evangelische Zeitung

„Ich bin ja der einzige, der noch lebt“, war Andor Iszak bei der Lektüre des Buches erstaunt. Der Direktor des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik gehört zu dem guten Dutzend Persönlichkeiten, die Thielen in der Neuauflage aufgenommen hat. Bei der Buchvorstellung berichtete Iszak, dass er Röhrbein letztlich auch die Seligmann-Villa verdanke, in der das Zentrum seit vergangenem Jahr untergebracht ist. Von dem damaligen Museumsdirektor habe er 1992 erstmals von dem ehemaligen Conti-Direktor erfahren, der die Villa am Eilenriederand bauen ließ.

Siegmund Seligmann stammte aus Verden, war Sohn eines Schuh- und Lederhändlers, lernte im Bekleidungsgeschäft und prüfte schließlich als 22-jähriger im Auftrage eines Bankiers die Geschäftspapiere der finanziell angeschlagenen „Continental Caoutschouk- und Guttapercha-Compagnie“. Sein Sanierungskonzept überzeugte den Aufsichtsrat – und Seligmann fand seine Lebensaufgabe. Mit Seligmann begann der Aufstieg der Conti zum Weltkonzern, er selbst wurde in den letzten drei Jahrzehnten des Kaiserreichs zum anerkannten Wirtschaftsführer.

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Hans Werner Dannowski. Bild: Evangelische Zeitung

Die Lebensdaten und Einzelheiten von mehr als 100 Männern und Frauen aus der 700-jährigen Geschichte der Juden in Hannover haben Röhrbein einst und jetzt Thielen zusammengetragen.Das Spektrum reicht dabei vom Architekten Edwin Oppler (siehe Seite 18/19) über den Schallplatten-Erfinder Emil Berliner bis zu der Philosophin Hannah Arendt. Diese hat Hannover zwar schon als Dreijährige wieder verlassen, aber immerhin sind ein paar Wege nach ihr benannt. Ein knappes Dutzend Straßen und Plätze tragen die Namen jüdischer Hannoveraner.

Vor dem Krieg lebten 5500 Juden in Hannover, fast alle wurden vertrieben oder starben im KZ. Nur 100 überlebten den Holocaust. „Nur mit tiefer Trauer kann man an die Geschichte des Judentums in Hannover denken und sich die Schicksale einzelner jüdischer Persönlichkeiten vor Augen führen lassen“, schreibt Dannowski im Geleitwort zum Buch. Bei seiner Vorstellung wurde der Theologe noch deutlicher: „Es ist beschämend und eine Katastrophe, wie stark die Kirche an der Judenverfolgung im Dritten Reich beteiligt war.“

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Rebecca Seidler. Bild: Evangelische Zeitung 

Doch auch schon zuvor hätten es die Kirchen den Juden nicht leicht gemacht, es habe „ein hoher Assimilationsdruck bestanden“, sagte Dannowski. Und der habe nicht zuletzt zu nationalistischen Tendenzen geführt. Heinrich Heine, selbst getaufter Jude, hatte 1820 festgehalten: „Der Taufzettel ist das Entreebillett zur europäischen Kultur.“

Als Vertreterin der wieder erstarkten jüdischen Gemeinden hatte Rebecca Seidler an der Podiumsdiskussion zur Buchvorstellung teilgenommen. 6500 Hannoveraner jüdischen Glaubens gibt es mittlerweile, verteilt auf vier Gemeinden. Rebecca Seidler gehört zur Liberalen Jüdischen Gemeinde, die vor einigen Jahren die Gustav-Adolf-Kirche zu einer Synagoge und einem Gemeindezentrum ausbauen konnte. Der jungen Sozial- und Kommunikationswissenschaftlerin mit Lehraufträgen an Hochschulen in Hannover und Hildesheim, ist die Gründung des dortigen Kindergartens zu verdanken, des ersten einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. „Wir sind wieder fest verankert in Deutschland“, sagt sie überzeugt. Dennoch: Der Kindergarten muss geschützt werden. Bei einem Ausflug mit einer anderen Gruppe habe einer ihrer beiden Söhne erstaunt gefragt: „Wo ist die Polizei?“ Und eine Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen, erscheint ihr auch zu gewagt.

Der Buchautor Thielen meint denn auch, dass „Jüdische Persönlichkeiten in Hannovers Geschichte“ im Grunde eine Geschichte über 700 Jahre Antisemitismus in Hannover sei. Ein Titel wie „Kein Zeichen von Toleranz“ wäre durchaus auch angebracht gewesen.

Von Michael Eberstein

Landesbischof Ralf Meister

Landesbischof - im Wortlaut
Bild: Jens Schulze

„Das Gedenken an den 9. November vor 75 Jahren ist angesichts der Reihe von antisemitischen und ausländerfeindlichen Parolen zwingend notwendig. Unser Gedenken ist eine Erinnerung an die Menschen, die unter Terror und Verfolgung gelitten haben, eine Erinnerung an die Opfer von Willkür, politischer Gewalt und systematischer Ermordung und ein Besinnen auf das mutige Bekenntnis derer, die damals widersprochen haben. ...“

Die gesamte Erklärung ist nachzulesen auf der Internetseite von Landesbischof Ralf Meister.

Direkt zur Seite des Landesbischofs

Erinnerung an die Synagoge

Hannovers Kulturdezernentin Marlis Drevermann, die Holocaust-Überlebenden Henry Kormann und Ruth Gröne (im Bild rechts) und Präsidentin des Landeskirchenamtes Dr. Stephanie Springer (im Bild links) enthüllten im September eine Informationstafel zur Neuen Synagoge Hannover. Mit dem Aufstellen der Gedenktafel in der Roten Reihe der Calenberger Neustadt ist die Geschichte der Neuen Synagoge an ihrem ehemaligen Standort dokumentiert. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten zerstört.