2013_11_08

Bild: Norbert Neetz

Für Frieden und Schutz religiöser Minderheiten

Tagesthema 07. November 2013

Der Weltkirchenrat stellt den Schutz religiöser Minderheiten ins Zentrum seiner Arbeit. Mit großer Sorge beobachtet der größte globale kirchliche Bund Fanatismus und Gewalt im Nahen Osten. In Südkorea geht am Freitag, 8. November, die 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zu Ende. Rund 3.000 Christen hatten sich zehn Tage lang in der Hafenmetropole Busan versammelt, um über die Themen Gerechtigkeit, Frieden, Klimaschutz und Christenverfolgung zu diskutieren. Die Vollversammlung ist das höchste Gremium des weltweit größten Kirchenbundes. Sie findet etwa alle sieben Jahre statt, zuletzt 2006 im brasilianischen Porto Alegre. Dem Weltkirchenrat gehören rund 350 protestantische, anglikanische, orthodoxe und altkatholische Kirchen sowie Freikirchen mit rund 500 Millionen Christen an.

Mehr Schutz für religiöse Minderheiten

Der Weltkirchenrat drängt die Staaten des Nahen Ostens, die Christen und andere religiöse Minderheiten in ihren Ländern besser vor Übergriffen und Gewalt zu schützen. „In den Ländern des Nahen Ostens wie Ägypten, Syrien, dem Irak und dem Iran leben die religiösen Minderheiten in Angst und Unsicherheit“, warnte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) in einer Erklärung kurz vor Ende der 10. Vollversammlung im südkoreanischen Busan.

Die Unruhen und Konflikte in der Region hätten zu „politischem Radikalismus und religiöser Intoleranz“ geführt, erläutert der größte globale Zusammenschluss christlicher Kirchen. In Syrien gehörten die „Entführung von Zivilisten, darunter auch Geistliche, sowie Folter, Massaker und außergerichtliche Hinrichtungen“ zum Alltag. In Ägypten seien „besonders die christliche Bevölkerung und die christlichen Gotteshäuser Ziele von Angriffen“, beklagt der ÖRK. Am Freitag endet die zehntägige ÖRK-Vollversammlung, zu der rund 3.000 Teilnehmer in die südkoreanische Hafenstadt gereist waren.

Der Schutz der Christen liege im eigenen Interesse der Staaten, unterstreicht der Dachverband mit 350 Mitgliedskirchen und 500 Millionen Gläubigen. „Die in der Region lebenden Christen sind ein wesentlicher Teil ihres Landes, sie leisten einen Beitrag zu den reichen Traditionen, den pluralistischen Gesellschaften und der kulturellen Vielfalt“, hält der Weltkirchenrat fest. „Das Versagen der Staaten, religiöse Minderheiten vor Gewalt zu schützen, bedroht das Überleben der Gemeinschaften und stellt eine Verletzung der internationalen staatlichen Verpflichtungen dar.“

Der EKD-Auslandsbischof Martin Schindehütte forderte, dass Christen auch gegen die Unterdrückung anderer Glaubensgemeinschaften energisch ankämpfen sollten. „Wir dürfen nicht nur die Christenverfolgung anprangern, sondern müssen ebenso Übergriffe gegen die Mitglieder aller anderen Religionsgruppen verurteilen“, mahnte Schindehütte von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Busan an.

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Erzbischof Narek Alemezian von der armenisch apostolischen Kirche im Plenum der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen  in der südkoreanischen Hafenstadt Busan. Bild: Norbert Neetz / epd-Bild

„Die Kirchen müssen ihre Stimme laut erheben, egal ob Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus oder Gläubige anderer Richtungen diskriminiert, verfolgt, angegriffen oder vertrieben werden“, betonte Schindehütte. Es stehe den Kirchen nicht gut an, ausschließlich die eigenen Glaubensbrüder in Schutz zu nehmen.

Auf der ÖRK-Vollversammlung wurde zudem eine „Erklärung über den Weg zum gerechten Frieden“ vorgelegt. Danach gehören Gerechtigkeit und Frieden untrennbar zusammen. „Soziale Gerechtigkeit tritt Privateigentum entgegen, wirtschaftliche Gerechtigkeit dem Reichtum, ökologische Gerechtigkeit dem Konsum und politische Gerechtigkeit Macht an sich“, heißt es.

Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm ging auf den Zusammenhang zwischen Klimaschutz und globaler Gerechtigkeit ein. Beides sei untrennbar verbunden. „Die reichen Industriestaaten müssen ihren Lebensstil radikal ändern und die natürlichen Ressourcen mit den sich entwickelnden Ländern teilen“, sagte der evangelische Theologe dem epd am Rande der 10. Vollversammlung.

Die Friedensnobelpreisträgerin von 2011, Leymah Gbowee aus Liberia, rief die Kirchen dazu auf, sich nicht an die Seite der Mächtigen zu stellen. „Wer Frieden stiften will, muss den Herrschenden die Wahrheit sagen und auf Gewalt verzichten", erklärte die Friedensaktivistin auf einem Friedens-Podium: Christen seien "ein Teil des Problems, wenn sie nichts tun.“

epd

Von Amsterdam nach Busan
Weltkirchenrat besteht seit 65 Jahren

Die 10. Vollversammlung des Weltkirchenrates ist vom 30. Oktober bis 8. November in der südkoreanischen Hafenstadt Busan zusammen gekommen. Offiziell gegründet wurde der Ökumenische Rat der Kirchen 1948 auf der 1. Vollversammlung in Amsterdam (Niederlande). Nachstehend dokumentieren wir wichtige Etappen in der Geschichte der kirchlichen Dachorganisation:

1941: Bereits 1941 gibt es Planungen zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen, die jedoch durch den Zweiten Weltkrieg zunichte gemacht werden.

1945: Ein Stab mit 20 Mitgliedern wird in Genf eingerichtet. Vor allem Lutheraner aus den USA waren die treibende Kraft.

1948: In Amsterdam treffen sich vom 22. August bis 4. September Repräsentanten von 147 zumeist protestantischen Kirchen aus 44 Ländern. Zu den Gründungsmitgliedern des ÖRK gehört auch die neu gebildete Evangelische Kirche in Deutschland. Das Gründungstreffen steht unter dem Eindruck des Ost-West-Konfliktes nach dem Zweiten Weltkrieg. Die orthodoxen Kirchen des Ostblocks sind aus politischen Gründen nicht vertreten. Erster Generalsekretär des Kirchenbundes, dem die katholische Kirche nicht angehört, wird der Niederländer Willem A. Visser't Hooft (1900-1985).

1954: Vollversammlung in Evanston (US-Bundesstaat Illinois). Themen sind die Spannungen des Kalten Kriegs sowie die Konflikte zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung in den USA.

1961: Vollversammlung in Neu-Delhi (Indien). Das oberste Gremium des Weltkirchenrats kommt erstmals in einem Land der Dritten Welt zusammen. Gleichzeitig rückt der Nord-Süd-Konflikt immer mehr in den Vordergrund. Die orthodoxen Kirchen unter anderem aus Russland, Rumänien und Bulgarien treten dem ÖRK bei.

1968: Vollversammlung in Uppsala (Schweden). Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) wirkt sich auf die Ökumene positiv aus. Katholische Beobachter nehmen an der ÖRK-Vollversammlung teil. Eine Rolle spielt auch die Befreiungstheologie aus Lateinamerika, die in den kommenden Jahren die ökumenische Bewegung beeinflussen wird. Im selben Jahr startet der Weltkirchenrat sein Programm zur Bekämpfung des Rassismus.

1975: Vollversammlung in Nairobi (Kenia). Kirchen des Südens üben scharfe Kritik an den Industriestaaten, weil diese ihren Reichtum auf Kosten der armen Länder vergrößerten.

1983: Vollversammlung im Vancouver (Kanada). Die Abendmahlsgemeinschaft zwischen Katholiken und Protestanten scheint in greifbarer Nähe. Einer der Höhepunkte der Versammlung ist die Feier der Lima-Liturgie, ein Gottesdienst mit anglikanischen, katholischen, lutherischen und orthodoxen Elementen.

1988: Weltkirchenrat ruft die ökumenische Dekade "Solidarität der Kirchen mit den Frauen" aus, um Frauenrechte und Gleichberechtigung weltweit zu fördern.

1990: Angestoßen durch die Vollversammlung von Vancouver findet in Seoul (Südkorea) die ökumenische Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung statt. Beteiligt sind alle Konfessionsfamilien, der Vatikan entsendet eine Beobachterdelegation.

1991: Vollversammlung in Canberra (Australien). Das Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen gewinnt im Weltkirchenrat an Bedeutung. Zugleich gibt es in der ökumenischen Bewegung kaum Fortschritte zu vermelden. Obwohl eine Reihe von wichtigen Texten die Gemeinsamkeiten der christlichen Traditionen betonen, wird in der Praxis die Grenze zwischen den Kirchen wieder deutlicher.

1993: Mit Theologieprofessor Konrad Raiser wird erstmals ein Deutscher zum Generalsekretär des Weltkirchenrates gewählt.

1998: Vollversammlung in Harare (Simbabwe). Sie wird überschattet von Spannungen zwischen orthodoxen und protestantischen Kirchen. Streitthemen sind Frauenordination und Homosexualität, bei denen schließlich Kompromisse gefunden werden und eine Spaltung des ÖRK vermieden wird.

2004: Mit dem aus Kenia stammenden Pfarrer Samuel Kobia rückt zum ersten Mal ein Afrikaner als Generalsekretär an die Spitze.

2006: Vollversammlung in Porto Alegre (Brasilien). Themen sind die negativen Folgen der Globalisierung und die Neuausrichtung der ökumenischen Bewegung.

2008: Der ÖRK feiert sein 60-jähriges Bestehen.

2009: Im Sommer löst der norwegische Lutheraner Olav Fykse Tveit den Kenianer Kobia im Amt des ÖRK-Generalsekretärs ab.

2010: Abschluss der Dekade zur Überwindung von Gewalt (2001-2010).

2013: Vollversammlung in Busan (Südkorea). Zu dem Treffen werden rund 3.000 Teilnehmer erwartet. Der Klimawandel soll einen Tagungs-Schwerpunkt bilden. Es soll auch ein Zeichen für die Wiedervereinigung des politisch geteilten Landes gesetzt werden.

epd

Positive Bilanz

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Jan Janssen

Der Oldenburger Bischof Jan Janssen hat eine positive Bilanz der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) im südkoreanischen Busan gezogen. „Busan hat die weltweite Ökumene vorangebracht“, sagte er in Busan. Themen der Tagung seien zum Beispiel die Christenverfolgung, eine globale gerechte Wirtschaft und die Mission.

Mission sollte mit Zuhören beginnen und nicht überrumpeln“, sagte Janssen, der auch Vorsitzender des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland ist. Die Einladung zum christlichen Glauben müsse in den Vordergrund gestellt werden. Dazu gehöre der Respekt vor anderen Religionen und Kulturen.

Für viel Diskussionen habe die Verfolgung von Christen in der ganzen Welt gesorgt. In der Abschlusskundgebung werde sich Janssen zufolge der Weltkirchenrat solidarisch an die Seite der Leidenden und Verfolgten stellen. Die Kirchen verpflichteten sich darin zu gegenseitiger Unterstützung mit finanziellen Hilfen, Fortbildungen und die Schaffung von Schutzräumen.

Heftige Kritik übten die Delegierten an Wirtschaftsunternehmen, die auf dem Rücken von Wanderarbeitern Profite machten, betonte Janssen. „Das ist ein weltweites Problem, das uns alle angeht.“ Von der Vollversammlung gehe auch eine klares Votum für die Einheit der Kirche aus. „Dabei ist eine Gemeinschaft der verschiedenen Christen und Kirchen gemeint“, erläuterte der Oldenburger Bischof.

Janssen räumte ein, dass es auf dem Weg zu Einheit der Kirche noch viele Baustellen gebe. Die Fragen nach einem gemeinsamen Abendmahl und der Gleichberechtigung von Männern und Frauen seien in Busan noch kein Thema gewesen. Zwar gebe es diese Forderungen, doch sei es noch ein weiter Weg dahin. „Da können wir von Europa aus nur werben, aber nicht unsere Kriterien einfach weltweit als Maßstab anlegen.“

epd

Friedensbeauftragter erinnert an deutsche Verantwortung

Renke Brahms
 Renke Brahms

Deutschland hat nach Ansicht des Friedensbeauftragten der EKD Renke Brahms eine besondere Verantwortung, sich weltweit gegen Gewalt einzusetzen. Der jahrzehntelange Frieden in fast allen Regionen Europas verpflichte zur Hilfe für Menschen in Not, sagte der Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Rande der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) im südkoreanischen Busan. Wer das Glück habe, Teil der „europäischen Friedensgeschichte“ zu sein, dürfe gegenüber anderen nicht gleichgültig werden.

Deutschland habe aus seiner Geschichte heraus zudem eine besondere Verantwortung „für eine deutliche Stärkung der zivilen und gewaltfreien Konfliktbearbeitung“, sagte der Bremer Theologe. Daraus müsse auch eine schärfere Kontrolle und Reduzierung der Waffenexporte folgen, betonte Brahms.

Auf seiner an diesem Freitag zu Ende gehenden Vollversammlung, die nur alle sieben Jahre tagt, rief der ÖRK eine „Pilgerreise“ für Gerechtigkeit und Frieden für die nächsten Jahre aus. Die Tagung mit rund 3.000 Delegierten steht unter dem Motto „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden.“ Der Weltkirchenrat repräsentiert mehr als 500 Millionen Christen weltweit.

Brahms zufolge kommt dem Tagungsort Südkorea eine besondere Bedeutung zu. „Ihr Deutschen müsst mehr erzählen von euren Erfahrungen mit der Wiedervereinigung“, habe er oft von Koreanern gesagt bekommen. Zugleich warnte Brahms davor, den Koreanern „kolonialistisch“ mit gut gemeinten Ratschlägen zu begegnen.

Bei vielen Gemeinsamkeiten unterscheide sich die Geschichte Koreas von der deutschen erheblich. „Wir konnten ja wenigstens Pakete schicken“, sagte der leitende Bremer Theologe mit Blick auf die Spaltung Deutschland in einen West- und Ostteil. Dennoch sei er schon lange nicht mehr an das „Wunder der deutschen Wiedervereinigung“ erinnert worden, wie auf dem ÖRK-Kongress in Südkorea.

Zuvor hatte der Weltkirchenrat konkrete Schritte zur Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea gefordert. Nach Jahrzehnten des Konflikts müsse ein Friedensvertrag das Waffenstillstandsabkommen von 1953 ersetzen. Eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Süd- und Nordkorea könnte der Wiedervereinigung des Landes den Weg ebnen.

Die 350 ÖRK-Mitgliedskirchen haben sich dazu verpflichtet, zu humanitären Lösungen beizutragen. Dazu gehöre die Problematik getrennter Familien, ein freier Briefwechsel sowie gegenseitige Besuche.

epd-Gespräch: Stephan Cezanne

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