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Wer teilt, wird reich

Tagesthema 06. November 2013

Am 10. November ist nicht nur der Geburtstag des Reformators Martin Luther, sondern auch der Namenstag dessen, von dem Martin Luther seinen Namen bekam: Martin von Tour. Der Bischof, der seinen Mantel mit den Armen geteilt hat, ist nicht nur Anlass für viele Laternenumzüge, sondern auch Vorbild im Geben - Grund genug, sich einmal in der Evangelischen Zeitung über das Teilen Gedanken zu machen.

Vom Sinn des Gebens: Warum sich Selbstlosigkeit auszahlt

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Der Heilige Martin mit dem Bettler", Kupferstich von Martin Schongauer (um 1450 - 1491). Bild: epd-Bild

Was haben wir davon, wenn wir hilfsbereit und großzügig sind? Gar nichts, antworten nicht wenige Zeitgenossen hinter vorgehaltener Hand. Ihrer Meinung nach ist es nur einer Dressur zu verdanken, wenn Menschen wenigstens gelegentlich auch an andere denken. Zweifellos hörten wir in unserem Leben Tausende Ermahnungen zur Anständigkeit – von der Anweisung der Eltern, die kostbaren Süßigkeiten mit den Geschwistern zu teilen, bis hin zu den Lehren der Religion. Aber die Frucht dieser Erziehung zur Selbstlosigkeit ist vergiftet: Wir zweifeln längst selber daran, dass wir uns aus freien Stücken um andere kümmern.
Dabei nehmen wir viele Alltagserfahrungen, die in eine ganz andere Richtung weisen, gar nicht mehr wahr. Wenn wir einem Fremden den Weg in unserer Stadt zeigen können, einem Kind eine Freude bereiten oder Menschen in Not Geld spenden, fühlen wir uns gut. Und die Hochstimmung, die uns nach einer selbstlosen Tat oft ereilt, ist keine Illusion. Wie neue Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, werden bei den meisten Menschen Zentren für Lust aktiv, wenn sie freiwillig anderen etwas geben. Es sind dieselben Schaltungen, die uns auch beim Genuss einer Tafel Schokolade, eines geliebten Musikstückes oder auch beim Sex angenehme Gefühle bereiten. Süßer Egoismus, bittere Moral? Tatsächlich scheint geteilte Freude doppelte Freude zu sein.

Und das Glück, für andere da zu sein, ist von Dauer. Frauen und Männer, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen, sind messbar zufriedener als solche, die nur den eigenen Interessen nachgehen. Medizinische Untersuchungen förderten noch erstaunlichere Fakten zutage. Altruisten leiden nicht nur auffallend selten unter Depressionen, ihr Gesundheitszustand ist allgemein besser. Sie leben sogar länger. Intensive soziale Beziehungen halbieren glattweg das Sterberisiko in jedem Alter. Das ist das Fazit von drei inzwischen klassischen Langzeitstudien an über 500 Menschen: Wer gut zu anderen ist, dem geht es selbst besser.

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Martinsumzug. Bild: epd-Bild

Was hindert uns eigentlich daran, zu unserem eigenen Besten mehr für unsere Mitmenschen zu sorgen? Zwar spüren wir oft den Impuls, etwas für andere zu tun, aber dann unterdrücken wir ihn. Dem eigenen Wunsch, großzügig zu sein, misstrauen wir zutiefst. Da ist zum einen die Angst, uns lächerlich zu machen. Großherzigkeit genießt in unserer Gesellschaft einen seltsamen Ruf: Öffentlich lobt jeder selbstlose Menschen, doch hinter vorgehaltener Hand gedeiht der Zynismus. Bewunderung genießt, wer cool und durchsetzungsstark wirkt. Mitgefühl hingegen gilt als ein Zeichen von Schwäche. Man zweifelt am Verstand derer, die ihre Interessen bisweilen zurückstellen; allzu oft fällt der Begriff des naiven „Gutmenschen“. Noch tiefer als die Furcht vor Spott sitzt die Angst, ausgenutzt zu werden. Sie plagt uns völlig zu Recht. Denn solange Menschen ihren eigenen Vorteil anstreben, werden Einzelne von der Gutwilligkeit der anderen profitieren wollen.

So sind wir in Sachen Selbstlosigkeit mindestens so gespalten wie St. Martins Mantel: Wir wollen daran glauben, können es aber nicht, und wenn wir es könnten, würden wir es nicht zugeben. Nur auf einen Gedanken scheint niemand zu kommen: Dass die Bereitschaft zur Hingabe auf die Stärke eines Menschen hindeuten könnte. Nicht nur das Wohlergehen jedes Einzelnen hängt von einem Wandel zur Selbstlosigkeit ab, sondern auch die Zukunft der Menschheit. Erst wenn Unternehmen, Völker und Nationen lernen, das Wohl aller den Interessen der eigenen Gemeinschaft wenigstens gleichzustellen, wird es gelingen, die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten zu schützen.

Stefan Klein, Physiker, Philosoph und Wissenschaftsautor

Die Legende das heiligen Martin

„Und so geschah es einmal, daß er, nur mit seinen Waffen und einem einfachen Soldatenmantel bekleidet, mitten in einem Winter, dessen Strenge grimmiger war als gewöhnlich, so daß die Gewalt der Kälte gar viele tötete, am Tore der Hauptstadt der Ambianer (Amiens) einem nackten Armen begegnete: der bat die Vorübergehenden, sich seiner zu erbarmen, es gingen aber alle an seinem Elend vorbei; da begriff der von Gott erfüllte Mann, daß der Arme ihm vorbehalten sei, da die anderen kein Mitleid mit ihm hatten. Was sollte er aber tun? Er besaß nichts als den Mantel, den er anhatte, alles übrige hatte er verschenkt. Da ergriff er das Schwert, mit dem er umgürtet war, teilte den Mantel in zwei Teile, gab den einen dem Armen und hüllte sich selbst in den andern. Da lachten einige von den Umstehenden, weil er mit seinem zerschnittenen Mantel sehr häßlich aussah. … Und als es Nacht geworden war und er sich dem Schlafe hingegeben hatte, erschien ihm Christus, angetan mit dem Teil des Mantels, den er dem Armen gegeben hatte. Man gebot ihm, den Herrn aufmerksam anzuschauen, und das Kleid, das er verschenkt hatte, zu erkennen. Und alsogleich hörte er Jesus mit lauter Stimme zu einer großen Schar von Engeln sprechen, die ihn umstanden: „Martinus, der noch ein Katechumene ist, hat mich mit diesem Mantel bekleidet!“ Wahrlich, der Herr gedachte der Worte: „Was ihr einem der Geringsten getan, das habt ihr mir getan“…

Sulpicius Severus (* um 363 in Aquitanien; † zwischen 420 und 425 in Südgallien)

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