2012_09_25

 Bild: Diakonie Katastrophenhilfe/LWB/R.Schlott

Mehr Spenden werden benötigt

Tagesthema 04. November 2013

Krieg und Kinderlachen - ein Gegensatz kann stärker kaum sein. Für syrische Flüchtlinge ist er Alltag. Beim Besuch in Jordanien bekommen das deutsche Kirchenvertreter vor Augen geführt. Dabei haben die Kirchen an die Bundesregierung appelliert, mehr syrische Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. „5.000 ist keine Zahl, auf die man stolz sein könnte“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, bei einem Besuch des Flüchtlingslagers Al-Husni im Norden des syrischen Nachbarlandes Jordanien. 

Mohammed malt den Tod

Delegation in Jordanien
Spitzenrepräsentanten der deutschen Kirchen haben bei einem Besuch des Flüchtlingslagers Al-Husni im Norden von Jordanien, dem Nachbarland Syriens, syrischen Flüchtlingen weitere Unterstützung zugesagt. Zur Delegation gehörten der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider (2. von rechts), der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Norbert Trelle (links) und die Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, Cornelia Füllkrug-Weitzel (2. von links). Bild: Harald Oppitz / epd-Bild  

Gesang, Lachen, kindliche Freude: Nur auf den zweiten Blick lässt sich im nordjordanischen Flüchtlingslager Al Husni erkennen, dass der Eindruck unbekümmert spielender Mädchen und Jungen trügt. Zusammen mit anderen steht Mohammed an einem Tisch in der Mitte des bunt geschmückten Zeltes. Der Zwölfjährige malt: ein sechsstöckiges Haus, Menschen darin, die syrischen Nationalfarben Rot, Weiß, Schwarz und Grün. Links oben trifft eine Rakete das Gebäude. Sieben Cousins von ihm seien bei dem Angriff getötet worden, berichtet er.

Seit einem Jahr lebt Mohammed im nördlichen Nachbarstaat des Bürgerkriegslandes Syrien. Eines Tages wolle er wieder in seine Heimat im südlichen Syrien zurückkehren, sagt er, strahlt über das ganze Gesicht und schenkt sein Bild Nikolaus Schneider. Dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist der Zwiespalt anzusehen. Der Gegensatz des mit erkennbarem Stolz lachenden Jungen und seiner im Bild dokumentierten Erlebnisse - „Das hat mich sehr bewegt“, berichtet Schneider wenig später.

Schneider
Die syrischen Flüchtlingen in Jordanien „sind nicht vergessen“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, beim Besuch in Al-Husni. Bild: Harald Oppitz / epd-Bild

Gemeinsam mit dem katholischen Hildesheimer Bischof Norbert Trelle, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, ist Schneider für zwei Tage nach Jordanien gekommen, um sich anzuschauen, wie syrische Flüchtlinge dort leben. „Wir müssen uns in die Augen schauen, wenn wir den Menschen helfen“, sagt der oberste Repräsentant der protestantischen Christen in Deutschland. Nur Geld zu geben, das schaffe Distanz. Und Trelle ergänzt: „Christliche Nächstenliebe kann keine Liebe auf Distanz sein.“

Insbesondere die Arbeit der kirchlichen Organisationen Caritas International und Diakonie Katastrophenhilfe interessiert die Theologen. In Al Husni sind beide aktiv. Caritas Jordanien unterhält eine Anlaufstelle, in der Flüchtlinge registriert, medizinisch versorgt und an Bedürftige Hilfsgüter und Warengutscheine ausgegeben werden. Der Diakonie-Partner Department of Services for Palestinian Refugees (DSPR) konzentriert sich auf Hilfen für Frauen und Kinder in dem Camp, das 1967 zunächst für Palästinenser errichtet wurde. Heute leben 25 Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt unter den 30.000 Palästinensern etwa 400 syrische Familien.

Schneider mit Kindern
ratsvorsitzender Nikolaus Schneider mit Kindern aus dem Flüchtlingslager im Norden von Jordanien. Bild: harald Opitz / epd-Bild

Mehr als eine halbe Million Syrer haben in dem selbst nur 6,5 Millionen Menschen zählenden Jordanien Schutz gefunden. Die meisten leben nicht in Lagern, sondern sind bei Verwandten untergekommen, in selbst angemieteten Wohnungen und manche bei Fremden, die selbstlos Platz in ihren Häusern machen. Insgesamt etwa 2,6 Millionen Menschen haben seit Beginn des Syrien-Konfliktes ihre Heimat verlassen und sind vor allem in die Nachbarländer geflohen.

„Ich habe großen Respekt vor den Menschen in Jordanien“, sagt der EKD-Ratsvorsitzende Schneider mehrfach an diesem Tag. Angesichts der Aufnahmebereitschaft des Nachbarn sei das von Deutschland geplante Kontingent für 5.000 Syrer eine „sehr kleinmütige Hilfe“. „Man sollte die Zahl zumindest verdoppeln“, sagt Bischof Trelle.

Nach nicht einmal zwei Stunden heißt es für die Besucher aus Deutschland schon wieder Abschiednehmen von Mohammed und den anderen Mädchen und Jungen. Da haben die syrischen Kinder ihre anfängliche Scheu vor den christlichen Geistlichen Schneider und Trelle längst abgelegt. Bevor es in den Bus und zur nächsten Station der Reise geht, wird noch einmal gemalt: Beide bekommen mit Schminke ein dickes Herz ins Gesicht. 

Von Karsten Frerichs (epd)

Spenden und Unterstützung

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Bild: Diakonie-Katastrophenhilfe

Spendenkonto

Diakonie Katastrophenhilfe,

  • Konto-Nummer 502 502
  • Ev. Darlehnsgenossenschaft Kiel, BLZ 210 602 37

Stichwort: Nothilfe Syrien 

Direkt zur Seite der Diakonie Katastrophenhilfe

„Mehr Hilfe für die Region ist unerlässlich“

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, und der Stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Norbert Trelle (Hildesheim), haben ihre Rückreise aus der Krisenregion nach Deutschland angetreten. Die ökumenische Delegation konnte sich im Flüchtlingslager al-Husn nahe der syrischen Grenze und bei Begegnungen mit Flüchtlingsfamilien in Amman über die aktuelle Lage sowie die Aktivitäten der kirchlichen Hilfswerke informieren. 

Weitere Informationen

Diakonie Katastrophenhilfe wünscht sich mehr Spenden für geflohene Syrer

Füllkrug-Weitzel
Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, im Flüchtlingslager im Norden von Jordanien. Bild: Harald Opitz / epd-Bild  

Die Diakonie Katastrophenhilfe wünscht sich mehr Spenden für die Unterstützung syrischer Flüchtlinge. Momentan sei die die Spendenbereitschaft in Deutschland "im Vergleich zu andern Krisen erschreckend gering", sagte die Präsidentin der evangelischen Hilfsorganisation, Cornelia Füllkrug-Weitzel, am Wochenende am Rande eines Besuchs im syrischen Nachbarland Jordanien: "Offenbar befürchten viele angesichts des unüberschaubaren Konflikts, dass Hilfe in falsche Kanäle fließt", sagte Füllkrug-Weitzel dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Was brauchen die syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern angesichts des bevorstehenden Winters am dringendsten?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Im Sommer ist es etwas weniger tragisch, wenn Menschen auf dem nackten Fußboden schlafen müssen. Im Winter wird sich die Lage aber verschärfen.

epd: Das bedeutet?

Füllkrug-Weitzel: Matratzen, Winterkleidung und Heizstrahler unter den Flüchtlingen zu verteilen, ist für die nächsten Wochen vordringlich. Doch zum Beispiel in Jordanien ist die Mehrzahl der Menschen nicht in Lagern untergekommen, sondern hat in selbst angemieteten Wohnungen oder bei anderen Familien, oft Verwandten, Unterschlupf gefunden. Diese Menschen zu erreichen, ist schwierig.

epd: Was macht die Diakonie Katastrophenhilfe?

Füllkrug-Weitzel: Wir versuchen, insbesondere jenen zu helfen, die nicht in Lagern leben. Dabei setzen wir auf die Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen vor Ort, die zum Teil seit langem im Land verwurzelt sind und durch ihre Sozialarbeit in den Dörfern und Städten rumkommen. Nur so können wir den Menschen die Unterstützung zukommen lassen, die sie brauchen. Das reicht von Nahrungsmittelhilfen über Mietzuschüsse bis zu medizinischer Betreuung und spezielle Hilfen für Frauen und Kinder.

epd: In welcher Verfassung sind die Menschen?

Füllkrug-Weitzel: Viele sind von Kriegserlebnissen traumatisiert. Sie brauchen psychosoziale Betreuung, Hilfe bei der Traumabewältigung. Nach zweieinhalb Jahren Krieg kommt hinzu: Je länger die Menschen nicht in ihre Heimat zurückkönnen, desto verzweifelter werden sie. Bei vielen sind inzwischen die Ersparnisse aufgebraucht, sie haben Mühe, die drastisch gestiegenen Mieten in den Zufluchtsländern aufzubringen.

epd: Wie ist die Spendenbereitschaft der Deutschen für die Flüchtlinge aus Syrien?

Füllkrug-Weitzel: Die ist im Vergleich zu andern Krisen erschreckend gering. Offenbar befürchten viele angesichts des unüberschaubaren Konflikts, dass Hilfe in falsche Kanäle fließt. Dabei hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Hilfe für die 2,6 Millionen Syrer, die ihre Heimat aus Furcht vor dem Krieg verlassen haben, ist unabdingbar und erreicht die Bedürftigen in der Region sehr wohl. 

epd-Gespräch: Karsten Frerichs (epd)

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