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Bild: Jens Schulze 

Bad Nenndorf ist bunt

Tagesthema 03. November 2013

Bad Nenndorfer demonstrieren friedlich gegen Nazi-Aufmarsch

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Protest gegen Neonazis. Bild: Rainer Oettel / epd-Bild  

Mit Transparenten, Sprechchören und Musik haben mehrere hundert Menschen am Sonnabend im niedersächsischen Bad Nenndorf gegen einen Neonazi-Aufmarsch protestiert. Der Demonstrationszug und die Kundgebungen des Bürger-Bündnisses „Bad Nenndorf ist bunt“ verliefen nach Angaben der Polizei friedlich. Lediglich in einigen Fällen nahmen Beamte die Personalien von Nazi-Gegnern auf.

Nach einem ökumenischen Gottesdienst, zu dem die christlichen Kirchen und die Jüdische Gemeinde der Stadt eingeladen hatten, formierten sich Demonstranten zu einem „Zug der Erinnerung“. Die Polizei und das Bündnis sprachen von etwa 350 Teilnehmern. Unter ihnen waren auch mehrere Landtagsabgeordnete von SPD und Grünen.

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No Nazis. Bild: Daniel Peter / epd-Bild

Die Auftakt-Kundgebung des Bündnisses „Bad Nenndorf ist bunt“ fand in der Nähe von im Asphalt eingelassenen „Stolpersteinen“ statt. Sie sollen an jüdische Opfer der Nazi-Diktatur erinnern. Der SPD-Landtagsabgeordnete Karsten Becker zitierte den Auschwitz-Überlebenden Primo Levi: „Dass es geschehen ist, zeigt, dass es wieder geschehen kann“. Gleichzeitig unterstrich Becker die Bedeutung des Widerstandes gegen Rechtsextremismus.

Die Rektorin des Nenndorfer Gymnasiums, Irmtraut Gratza-Lüthen, betonte, der Name der Stadt dürfe nicht zuerst mit Neonazis in Verbindung gebracht werden. Die Schule bemühe sich deshalb um eine weltoffene Erziehung. Weitere Kundgebungen des Bündnisses gab es unter anderem vor dem Jüdischen Gemeindezentrum und dem ehemaligen Wohnhaus eines jüdischen Arztes.

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Protest gegen Neonazis. Bild: Boness/Ipon / epd-Bild  

An einer Kundgebung der Partei „Die Rechte“ beteiligten sich zunächst etwa 30 Neonazis. Später zogen nach Polizeiangaben 53 Rechtsextremisten mit Fahnen und Transparenten zum Bad Nenndorfer Wincklerbad. Dort hatte der britische Geheimdienst von 1945 bis 1957 mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher verhört, dabei kam es teilweise zu Misshandlungen.

Neonazis veranstalten bereits seit 2006 sogenannte „Trauermärsche“ zum Wincklerbad. Im vergangenen August hatten Hunderte Gegendemonstranten den Kundgebungsplatz vor dem Bad blockiert. Die Polizei war am Sonnabend mit mehreren hundert Beamten im Einsatz. Anwohner konnten sich an einem Bürgertelefon über Behinderungen informieren oder Hinweise geben. 

epd

Stationen der Demonstration
Sabine Freitag war für die Evangelische Zeitung dabei

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Gottesdienst feiern. Bild: Sabine Freitag (Evangelische Zeitung)  

„Wir sind das den Ermordeten schuldig“ – Marina Jalowaja, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Bad Nenndorf fasste mit wenigen Worten eine wichtige Motivation zusammen, weshalb sich das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ weiterhin energisch gegen den Versuch von neuen und alten Nazis wehrt, durch den zu marschieren. Nachdem zwei rechtsradikale Gruppen am 2. November zum Start der Projektwoche des Bündnisses zum Gedenken der Pogromnacht vom 9. November 1938 Kundgebungen bei den Genehmigungsbehörden anmeldeten, wurde innerhalb weniger Tage ein friedlicher Gegenprotest organisiert.

Rund 350 Teilnehmer, so Angaben der Polizei, erlebten den „Zug der Erinnerung“ durch die Innenstadt. Zuerst feierten viele Gäste einen ökumenischen Gottesdienst in der St. Godehardikirche. In ihm fragte Pastorin Sabine Lambrecht auch selbstkritisch „was hätte ich damals getan?“. „Nichts“, gab sie zur Antwort. „Unser Scheitern ist Geschichte geworden. Heute bin ich stolz auf die wenigen, die im 3. Reich auf das Unrecht aufmerksam gemacht haben. Meine Geschichte ist noch nicht Geschichte geworden. Der erste Schritt ist es, sich dem Zug der Erinnerung anzuschließen“, sagte sie. Die mehrstündige Kundgebung von „Bad Nenndorf ist bunt“ fand an verschiedenen Orten, wie dem Stolperstein für Dr. Ernst Blumenberg oder am Mahnmal für die Opfer der NS-Zeit, statt. Eine Station lag vor dem Haus der jüdischen Gemeinde. Anders als geplant, konnte der „Zug der Erinnerung“ nicht direkt am Wincklerbad enden – dort durften zunächst die knapp 60 angereisten Neonazis zwei Stunden lang reden.

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In der Kirche. Bild: Sabine Freitag (Evangelische Zeitung)  

In den Kultur- und Wortbeiträgen unterstrichen die Veranstalter und Unterstützer des Bündnisses ihr Verständnis von einer offenen, toleranten und demokratischen Bürgergesellschaft. Im Bündnis engagieren sich Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Vereine, Geschäftsleute und viele mehr. „Die Nazis haben weder am 3. August noch am 2. November hier was zu suchen. Wir weisen darauf hin, was diese Ideologie bedeutet, wohin es im Namen dieser Ideologie geführt hat“, sagte Jürgen Uebel vom Bündnis in seiner Begrüßung. Der Samtgemeindebürgermeister Bernd Reese hob hervor: „Wir halten den Kopf hin für unsere Demokratie und engagieren uns nachhaltig gegen den Trauermarsch, gegen das, was über Bad Nenndorf hereinbricht“.

Seit 2006 rufen rechtsextreme Gruppen zu einem Marsch Anfang August zum Wincklerbad auf, in dem nach dem 2. Weltkrieg unter anderem Mitglieder von NS-Organisationen von den Briten teils gewaltsam verhört wurden. Diese Geschehnisse von 1945 bis 47 seien in einem Buch dokumentiert. „Für Geschichtsverdrehung besteht vor dem Wincklerbad kein Anlass“, so Reese. Und auch Marina Jalowaja wehrte sich in ihrem Grußwort gegen die Verdrehung der Geschichte durch Neonazis. „Damit wollen sie ihre Taten relativieren“. Es sei für die jüdische Gemeinde einige Jahre kaum erträglich gewesen, das der „Trauermarsch“ am Sabbat direkt am Gotteshaus vorbeiführte. Im August dieses Jahres sei dies dank der Proteste nicht geschehen.

 

Von Sabine Freitag (Evangelische Zeitung)

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Die Aktionsgemeinschaft in Bad Nenndorf

Proteste 4
Das Hakenkreuz zerbrechen. Bild: Uwe Möller / epd-Bild
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