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Ein feste Burg ist unser Gott

Tagesthema 26. Oktober 2013

Vielen gilt Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ als „Hymne
der Reformation“. Beliebt ist das Lied bis heute, selbst in der
Generation Internet.

Luthers Kampflied gegen die weltlichen Verhältnisse

Die Popularität ist seit fast 500 Jahren ungebrochen: Der Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ von Martin Luther fehlt in keinem evangelischen Kirchengesangbuch und bei kaum einer kirchlichen Großveranstaltung. Selbst in der alles andere als kirchenfreundlichen DDR gehörte er zum Bildungskanon: Mit Friedrich Engels hatte einer der Kronzeugen der ostdeutschen Weltsicht das Lied einst als „Marseillaise des 16. Jahrhunderts“ gleichsam zum revolutionären Text erhoben.

Diese Bezeichnung sei vor allem der Tatsache zu verdanken, dass das Lied wie viele andere damals zuerst auf Straßen und Plätzen gesungen worden sei, sagt Franziska Seils, Professorin an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle an der Saale. Sie nennt den Text „Luthers Kampflied gegen die weltlichen Verhältnisse und die Fürsten dieser Welt, gegen die es zu kämpfen gilt“. Der „rechte Mann“ stehe auf der Seite der Armen und Unterdrückten. Dass es wirklich Luther war, der das Lied zwischen 1525 und 1529 geschrieben hat, gilt als sicher. Bei der Melodie indes könnte der „protestantische Urkantor“ Johann Walter, ein enger Freund des Reformators, nachgeholfen haben. Die seither entstandenen Bearbeitungen sind in Zahl und Stil kaum überschaubar. Unmittelbar nach der Reformation ist es etwa bei dem fränkischen Kantor Caspar Othmayr (1515-1553) noch ein schlichtes Erbauungslied. Dagegen komponierte der Thüringer Johannes Eccard (1553-1611) einen der frühen hymnischen Chorsätze.

Jahrhunderte Musikgeschichte auf Grundlage von Psalm 46

In späteren Jahrhunderten haben sich nahezu alle Komponisten von Rang und Namen mit Luthers Lied auseinandergesetzt. Die Kantate des Leipziger Thomaskantors Johann Sebastian Bach gehört dazu ebenso wie Orchester-, Chor- und Orgelwerke von Komponisten wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Liszt oder Max Reger.

Hinzu kommen etliche weltliche Umdichtungen: Von Liedern der deutschen Arbeiterbewegung des späten 19. Jahrhunderts über Bert Brechts „Hitler-Choräle“ von 1933 bis zu den Protestsongs westdeutscher Anti-Atom-Aktivisten der 80er Jahre im Wendland. Es wurde aber auch immer wieder militaristisch instrumentalisiert. Ein besonderes Gewicht in der Wirkungsgeschichte des Liedes hat das kleine Tröchtelborn im Thüringischen zwischen Erfurt und Gotha. Denn dort wurde Martin Luthers Kirchenlied unter dem Titel „Das Lutherische Schloß oder Feste Burgk“ 1617 bei der 100-Jahr-Feier des Reformationsbeginns zur machtvollen protestantischen Hymne stilisiert. Die pompöse Festmusik „Gaudium Christianum“ war ein Werk des Kantors Michael Altenburg (1584-1640). Der Musiker, der die Jahre in dem Thüringer Dorf später die schönsten seines Lebens nennen sollte, war nicht nur ein Meister des frühbarocken Musizierens. Er galt zudem als orthodoxer lutherischer Theologe. So garniert er denn auch in seiner Reformationsmusik den Luther-Choral, den er mit Pauken und Trompeten und in den höchsten Tönen erschallen lässt, mit allerlei Attacken gegen die damalige Papstkirche.

„Evangelsche Lauterkeit“ sei es gewesen, die dem Papst den Streit abgewonnen habe, heißt es schon in dem bezeichnenden Eingangschor „Das Lutherische Jubelgeschrey“. Dem „treulosen Haufn, der sich von Luthers Lehr verlaufen“ habe, wünscht er die baldige Bekehrung zum rechten Glauben. Und „Ein feste Burg“ ergänzte er um eine Strophe mit ausführlichen Lobpreisungen für den „höchsten Gott“. Ob es Martin Luther selbst mit seiner Auslegung des biblischen Psalms 46 wirklich um eine solche Hymne ging, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Zur Entstehungsgeschichte des Liedes kursieren zahlreiche Mutmaßungen.

Luthers Lied in der Popkultur

Burg 6
Bronzebüste des Reformators Martin Luther an der Mauer des Freiberger Doms. 1917 wurde die Bronzebüste zum 400. Jahrestag des Thesenanschlages aufgestellt. In den Sockel ist der Spruch 'Ein feste Burg ist unser Gott' eingemeißelt. Bild: epd-Bild

Luther habe der seinerzeit latenten Bedrohung durch die Türken bewusst ein protestantisches Trutz- und Triumphlied entgegenstellen wollen, heißt es etwa. Andere sehen in „Ein feste Burg“ nicht mehr als ein Stück allgemeiner religiöser Erbauungslyrik. Schließlich werden als Impuls für das Lied auch die inneren organischen Leiden genannt, mit denen Luther Zeit seines Lebens zu kämpfen hatte und gegen die er sich mit tröstlichen Versen zu wappnen versucht habe.

Mittlerweile hat auch die Generation Internet „Ein feste Burg“ längst für sich entdeckt. Nur einen Mausklick voneinander entfernt erklingt Luthers Lied mit Chor oder Orchester, auf der Orgel oder als Elektropop. Die Clips dazu zeigen gelegentlich Sänger und Musiker oder ein Karaoke-Schriftband zum Mitsingen, manchmal aber auch nur Fotogalerien mit malerischen Burgen zwischen Schottland und dem Thüringer Wald - selbstredend mit der Wartburg. Die Übergänge zu Sakro-Kitsch sind fließend. Absoluter Renner indes ist die „Reformation Polka“, für die ein lutherischer Pastor aus den USA die Vorlage lieferte. Der bunte Comic beginnt mit „Ein feste Burg“ und erzählt mit Versatzstücken der Pop-Kultur wie Michael Jacksons legendärem Moonwalk die Reformationsgeschichte vom Erfurter Augustinerkloster bis zu Luthers Hausstand mit Katharina von Bora - in weniger als vier Minuten.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Projektseite Hallo Luther

Luthers Lied

„Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362), verfasst vom Reformator Martin Luther nach Psalm 46, ist eines der bekanntesten protestanischen Kirchenlieder. Den Text verfasste Luther zwischen 1525 und 1529, bei der Melodie werden Einflüsse des Kantors Johann Walter vermutet.

Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind
mit Ernst er s jetzt meint;
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
wir sind gar bald verloren;
es streit für uns der rechte Mann,
den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie saur er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht :
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
und kein Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan
mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin,
sie haben's kein Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.
 

Uraufführung

Bei den Frauenkirchen-Festtagen in Dresaden wurde am gestrigen Samstag das Oratorium „Ein feste Burg“, das der 1961 geborene Komponist Daniel Schnyder im Auftrag der Gesellschaft zur Förderung der Frauenkirche geschaffen hat, uraufgeführt. Die Musik sei für das Anliegen des Wiederaufbaus der Dresdner Kirche „ganz entscheidend“ gewesen, sagte Ludwig Güttler, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft am Montag in Dresden.

Diese wolle nun „etwas ins Musikleben zurückgeben“, begründete Güttler die Vergabe von Kompositionsaufträgen, die bereits 2008 und 2010 in Uraufführungen mündeten. Güttler wird die Uraufführung des von Schnyder geschaffenen Oratoriums leiten. Dabei wird auch der Komponist selbst mit musizieren. Schnyder bezeichnete sein Werk, für das er neben dem bekannten Kirchenlied von Martin Luther verschiedene Texte aus dem Alten Testament vertonte, als „eine Art musikalisches Stoßgebet“. Musikalisch gebe es Bezüge zur Zeit Luthers, aber auch zu Gospel und Jazz. Schnyder, der in Zürich aufgewachsen ist, lebt seit 1992 in New York. 

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