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Die Urne im Wohnzimmer

Tagesthema 01. Oktober 2013

Omas Asche auf dem Kaminsims? In Bremen könnte das Wirklichkeit werden: Das Bundesland will den Friedhofszwang für Urnen lockern. Kirchen und Friedhofsgärtner sehen den würdevollen Umgang mit der Asche der Toten gefährdet.

Bremen will Friedhofszwang aufheben

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Ein Kind stellt eine leere Urne auf den Nachttisch seines Kinderzimmers (Archivfoto). Bild: Gustavo Alabiso / epd-Bild  

Für die rot-grüne Regierungskoalition im Land Bremen ist die Lage klar. „Zur Würde eines jeden Menschen gehört das Recht auf Individualität“, argumentieren ihre Fraktionsspitzen in der Bremischen Bürgerschaft. Dazu gehört für die Landtagsabgeordneten folgerichtig ein deutschlandweit einmaliger Vorstoß, um den Friedhofszwang zu lockern. Er sieht unter anderem vor, dass Angehörige die Urne mit der Asche eines Verstorbenen zwei Jahre lang zu Hause aufbewahren dürfen.

Erst dann müsste die Urne in einer Grabstätte beigesetzt werden, die zuvor reserviert und nachgewiesen worden sein muss. Damit würde das aus dem Jahr 1934 stammende deutsche Feuerbestattungsgesetz zumindest teilweise ausgehebelt. Nach dieser Verordnung muss eine Urne mit der Asche des Toten zwingend sofort auf Friedhöfen oder besonders ausgewiesenen Arealen wie Friedwäldern beigesetzt werden.

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Urne mit Kunstblumen, Dekor betende Hände. Bild: Creativ Studio Heinemann / epd-Bild  

„Deutschland und Österreich sind die einzigen verbliebenen Länder mit einem Friedhofszwang“, kritisiert die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen in der Bremischen Bürgerschaft, Maike Schäfer. In anderen Ländern dürfe die Asche Verstorbener dagegen zu Hause aufbewahrt werden. Wenn die Bremer Bürgerschaft den Weg zu einer Novellierung des Bestattungsrechts freimache, solle außerdem die Asche auf ausgewiesenen Friedhofsflächen ausgestreut werden dürfen.

Schäfer geht davon aus, dass die Entscheidung eine bundesweite Debatte über den Friedhofszwang auslöst. „Ich bin überzeugt, dass der Bremer Beschluss diese Diskussion in den Bundesländern ankurbeln wird“, sagt sie. Es gebe überall in Deutschland eine wachsende Zahl von Menschen, die woanders als auf dem Friedhof bestattet werden wollten. Das müsse die Politik berücksichtigen.

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Biologisch abbaubare Urne. Bild: Christopher Clem Franken / epd-Bild  

Schon jetzt lässt sich das deutsche Bestattungsrecht auf legalem Wege umgehen. Das Online-Bestattungsunternehmen Anternia mit Sitz in Bornheim bei Bonn etwa bietet Einäscherungen in der Schweiz an. Nach dem Bestattungsrecht der Eidgenossen gilt die Urne ab der Übergabe an die Hinterbliebenen als beigesetzt. Sie wird dann vom Schweizer Partner des Unternehmens nach Deutschland überführt und kann unbefristet zu Hause aufbewahrt werden.

„Die Nachfrage ist steigend“, berichtet Anternia-Sprecher Markus Deutsch. Das liege nicht zuletzt daran, dass sich viele Menschen mehr Zeit wünschten, um von dem Verstorbenen Abschied zu nehmen. Für sie sei der Friedhof deshalb keine Lösung. Sie fühlten sich vom deutschen Bestattungsrecht geradezu bevormundet. „Das Gesetz traut den Bürgern offenbar nicht zu, mit einer Urne anständig umzugehen“, kritisiert Deutsch. Doch auch wer aus Deutschland eine Feuerbestattung in der Schweiz wähle, müsse dort einen Grabplatz nachweisen können.

Die beiden großen Kirchen sehen den Bremer Vorstoß kritisch. Die Bremische Evangelische Kirche begrüßt in einer Stellungnahme zwar die „entstandene öffentliche Diskussion über Fragen der Bestattungskultur“, hat jedoch gegen eine befristete Aufbewahrung der Urne zu Hause erhebliche Bedenken. Wenn der Ort der Beisetzung nicht öffentlich zugänglich sei, hätten weitere Angehörige wie etwa Freunde oder Nachbarn keinen Ort für ihre Trauer. Auch sei ungeklärt, wie die Einhaltung der Aufbewahrungsfrist kontrolliert werden könne.

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Gläserne Urnen mit LED Beleuchtung. Bild: Wilfried Meyer / epd-Bild  

Ähnlich argumentiert auch die katholische Kirche in der Hansestadt. „Eine solche Privatisierung kann aus psychologischer und geistlicher Sicht das Abschiednehmen, das Loslassen und Trauern verhindern. Sie macht es unmöglich, dass andere Menschen das Grab an einem öffentlichen Ort besuchen und so um den Verstorbenen trauern“, warnt der Leiter des Katholischen Büros in Bremen, Propst Martin Schomaker. Auch er sieht „enorme verwaltungsrechtliche Probleme“ bei der Kontrolle, dass „würdevoll mit der Urne umgegangen und sie nicht irgendwo entsorgt wird“.

Pietätlosigkeit befürchtet auch der Bund deutscher Friedhofsgärtner. „Ein Umgang mit der Wahrung der Totenruhe ist außerhalb des Friedhofs nicht gewährleistet“, warnt Vorstandsmitglied Martin Walser. Die Würde des Menschen sei über den Tod hinaus unantastbar. Mit einer Urne, die im Wohnzimmer stehe, werde „am Fundament einer jahrhundertealten Tradition gesägt“. 

Von Frank Bretschneider (epd)

Trauer nicht aus der Öffentlichkeit verdrängen

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Thies Gundlach vom Kirchenamt der EKD. Bild: Jens Schulze

Die Lockerung des Bestattungsrechts in Bremen stößt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf Kritik. Dies fördere eine Tendenz zur Privatisierung von Religion und verdränge Trauer aus der Öffentlichkeit, sagte Vizepräsident Thies Gundlach vom EKD-Kirchenamt in Hannover am Donnerstag dem epd. Die Bremische Bürgerschaft hatte am Mittwoch eine Lockerung des bisherigen Friedhofszwanges beschlossen. Damit soll es Angehörigen erlaubt werden, die Urne mit der Asche eines Verstorbenen künftig für zwei Jahre zu Hause aufzubewahren.

Das gehe zu weit, sagte Gundlach, der die Hauptabteilung Kirchliche Handlungsfelder und Bildung in der EKD-Zentrale leitet. Der Theologe argumentierte, im Zuge der Liberalisierung des Bestattungsrechtes gebe es bereits eine Vielfalt an Beisetzungsformen. Eine würdige Bestattungskultur sei ein "Grundanliegen der Christenheit". Der Umgang mit den Toten zeige, wie eine Gesellschaft über die Würde des Menschen denke.

Weiter gab der Vizepräsident zu bedenken, dass es bei der privaten Aufbewahrung von Urnen zu Missbrauch kommen könnte. Um die gröbsten Missbrauchsfälle auszuschließen, seien wiederum Kontrollen durch Verwaltungsbehörden erforderlich. 

epd

Trauer und Tod

Trauer und Tod
Bild: epd

Wenn ich nur dich habe
Dennoch bleibe ich stets an dir;
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,
du leitest mich nach deinem Rat
und nimmst mich am Ende mit Ehren an.
Wenn ich nur dich habe,
so frage ich nichts nach Himmel und Erde.
Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet,
so bist du doch, Gott,
allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Psalm 73, 23-27

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