Schaufel und Hacke

Bild: Thomas Siepmann / pixelio.de

Revolution im Betrieb

Tagesthema 29. September 2013

Betriebsärzte sind in Deutschland längst zu Gesundheitsmanagern geworden, die sich nicht nur mit Prävention oder Unfallvorsorge beschäftigen. So hat der Führungsstil im Betrieb oft gravierende Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Beschäftigten.

Die Aufgaben der Werksärzte ändern sich angesichts des demografischen Wandels dramatisch

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Andreas Baum, Mitarbeiter bei der BASF Coatings, wird bei seiner Arbeit von einer Hebehilfe unterstützt - ein Beitrag zur Gesundheit im Betrieb. Bild: Peter Grewer / epd-Bild  

Die Schultern verspannt, der Nacken steif und im Kreuz sticht es: Rückenschmerzen gehören am Arbeitsplatz zu den häufigsten Problemen, mit denen sich Beschäftigte in Deutschland herumplagen müssen. Deshalb spielen sie auch im Alltag der Betriebs- und Werksärzte, die sich von Mittwoch an zu ihrem mehrtägigen Bundeskongress in Bremen treffen, eine große Rolle. Doch angesichts alternder Belegschaften vollzieht sich langsam aber stetig eine Revolution in den Praxen der Arbeitsmediziner. Ihr Job ist längst mehr als nur die Einstellungsuntersuchung oder die Rückenschule.

Es ist nur ein kleiner Pieks. Aber Ruth Stelljes mag trotzdem nicht hinschauen. Anderen Menschen Blut abnehmen, das ist für die Krankenschwester überhaupt kein Problem. Aber heute nimmt ihr Betriebsärztin Bettina Stein beim routinemäßigen Vorsorgecheck zu Infektionsgefahren Blut ab. „Angst habe ich nicht, ich weiß ja, dass die Untersuchung meinem Schutz dient“, sagt Stelljes. Und schaut trotzdem lieber auf das Bild an der Wand mit dem Wasserfall, der beruhigend über eine Felsklippe strömt. 

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Betriebsärztin Bettina Stein (links) nimmt Krankenschwester Ruth Stelljes Blut für eine routinemäßige Untersuchung auf Infektionsgefahren wie Hepatitis C oder HIV ab. Bild: Dieter Sell / epd-Bild  

Laut Arbeitsschutzgesetz steht dieser Pieks alle drei Jahre an, um frühzeitig Infektionen etwa mit Hepatitis C oder HIV zu identifizieren. „Bei 3.000 Beschäftigten hier im Klinikum haben wir jährlich allein 650 Vorsorgeuntersuchungen“, bilanziert Arbeitsmedizinerin Stein. Doch wo früher alles um die Vermeidung von Krankheitsrisiken wie Lärm, Infektionsgefahren und Unfällen kreiste, geht es heute eher um Salutogenese, um die Gesundheitsförderung. „Die Frage ist: Was hält uns gesund?“, bringt es Uwe Gerecke auf den Punkt, Präsidiumsmitglied des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte.

Der zunehmende Fachkräftemangel in vielen Branchen, Arbeitsdruck und Umstrukturierungen sind da Gift. Geht es nur um schweres Heben und Tragen, kann den daraus entstehenden Problemen durch technische Hilfen leichter begegnet werden. «Maschinen können mit Hebehilfen oder Laufkatzen nachgerüstet werden», gibt Bettina Stein ein Beispiel. Die Bremer Landesvorsitzende des Verbandes der Betriebs- und Werksärzte zählt aber auch Risiken auf, die in der Dramatik neu sind. In erster Linie sind das psychische Probleme wie Depressionen und Burn-out.

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Mobbing im Büro (gestelltes Foto). Bild: Hanno Gutmann / epd-Bild  

„Durch fehlendes Personal und Arbeitsverdichtung gehen viele Schwestern und Ärzte auf dem Zahnfleisch“, erläutert Stein die Situation in den meisten Krankenhäusern. Um gegenzusteuern, engagiert sie sich im klinikinternen „Arbeitskreis betrieblicher Gesundheitsförderung“. Doch was von ihren Ideen umgesetzt wird, ist gar nicht selten eine Frage des Geldes und der Themen, mit denen sich die Geschäftsführung sonst noch auseinandersetzen muss. „Häufig fehlen die Ressourcen“, mahnt Uwe Gerecke, Leitender Betriebsarzt bei einem großen Energieversorger in Hannover.

Als teils freischaffende Arbeitsmedizinerin begegnet Stein sowohl in der Industrie wie im Gesundheitswesen mit der Führungskultur der Chefetagen ein Faktor, der das psychische und physische Wohl und Wehe vieler Beschäftigter massiv beeinflusst - auch und vor allem wenn sie älter sind. „Mehr loben und ermutigen, weniger tadeln, das kostet kein Geld und hat großen Einfluss auf die Gesundheit am Arbeitsplatz“, hat sie erfahren. „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ lautet das Motto.

Zu einem ausgefeilten und modernen Gesundheitsmanagement im Betrieb gehören nach ihren Worten deshalb nicht nur der Arbeitsplatz an sich sowie Unfallvorsorge, Beratung und Untersuchungen. Es gehe auch um den „Betriebsarzt als Kümmerer“, der als Vertrauensperson etwa Reha und Wiedereingliederung nach einer längeren Krankheit begleite und an der Seite des Beschäftigten bei psychischen Problemen um einen der knappen Therapieplätze kämpfe.

Am Ende wird die Medizinerin Stein politisch. Vor allem sei eine humanere Arbeitswelt gefragt. „Das fängt schon bei verlässlicher Freizeit an», betont sie und fügt hinzu: «Viel wäre schon gewonnen, wenn einfach das Arbeitszeitgesetz eingehalten wird. 14-Stunden-Tage sind nicht human.“

Von Dieter Sell (epd)

Jeden Tag drei Sturzunfälle ...

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Quelle: EFAS

In der evangelischen Kirche verunglücken jedes Jahr über 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Arbeit, indem sie ausrutschen, umknicken, stolpern, von der Leiter oder mit dem Fahrrad stürzen.

Stolpern, Rutschen und Stürzen (SRS-Unfälle) dominieren neben den Wegeunfällen das Unfallgeschehen bei der Arbeit in der Kirche. 

Ursachen für diese Unfälle sind oft Kleinigkeiten, wie eine Stufe, eine Wasserlache oder ein Moment der Ablenkung. Mit der Kampagne „eile achtsam“ zeigt die EFAS Ihnen Wege auf, wie Sie Ihre und die Sicherheit Ihrer Mitarbeitenden erhöhen können.

Zur Kampagne "Eile Achtsam"

Betriebsärzte fordern gesetzliche Pflicht zur Prävention

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Die Betriebsärzte in Deutschland fordern angesichts des demografischen Wandels in den Unternehmen eine gesetzlich verankerte Pflicht zur Prävention. Vorbeugende Maßnahmen zur Erhaltung der Arbeitskraft seien angesichts älter werdender Belegschaften immer wichtiger, sagte am Donnerstag der Arbeitsmediziner Wolfgang Panter zu Beginn eines Fachkongresses in Bremen. „Prävention muss in der Kita beginnen und sich bis in die Unternehmen fortsetzen“, verdeutlichte der Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte.

Etwa 800 Arbeitsmediziner aus ganz Deutschland diskutieren noch bis Sonnabend in der Hansestadt über medizinische Konsequenzen angesichts der steigenden Quote älterer Menschen im Beruf. Ab dem 55. Lebensjahr stiegen Zahl und Schwere der Krankheiten, erläuterte Panter, der selbst als leitender Betriebsarzt in einem Duisburger Hüttenwerk arbeitet. An oberster Stelle stünden neben Herz- und Kreislauferkrankungen auch Muskel-Skelett Probleme und vermehrt psychische Leiden wie Depressionen und Burn-out.

Knapp die Hälfte der deutschen Unternehmen biete keine speziellen Präventions- und Weiterbildungsangebote für Ältere an, fasste Panter das Ergebnis einer Verbandsstudie zusammen. Arbeitnehmer wünschten sich deutlich mehr zielgerichtete Angebote zur Erhaltung der eigenen Gesundheit wie etwa individuelle Ernährungsberatung, Rückenschulen oder Maßnahmen zur Vermeidung psychischer Erkrankungen. Die Schere zwischen Bedarf und Angebot sei „sehr groß“.

Zwar seien immer mehr Unternehmen offen für Prävention, um Ältere und ihr Wissen möglichst lange im Betrieb zu halten. Aber vor allem bei kleineren und kleinsten Firmen müsse noch viel passieren. Speziell bei Maßnahmen zur Erhaltung der psychischen Gesundheit stünden die Firmen „noch wirklich weit am Anfang“, unterstrich Panter und fügte hinzu: „Die Hälfte der Beschäftigten ist heute bei der Arbeit angespannt, 34 Prozent arbeiten häufig unter starkem Zeitdruck.“

Die gesetzlichen Krankenkassen gaben vergangenes Jahr laut Bundesgesundheitsministerium bei einem Gesamtetat von knapp 185 Milliarden Euro etwa ein Prozent für Vorsorge- und Rehaleistungen aus. Allein für Prävention seien es nur 250 Millionen Euro gewesen, mahnte Panter. Ohne eine gesetzliche Regelung werde sich an dieser Stelle „nichts bewegen“.

Bereits jetzt kämpfen die Betriebe Panter zufolge mit einem gesellschaftlichen Trend, „der Angst machen kann“. Schon bei den Jüngeren im Betrieb steige die Zahl Übergewichtiger, «gleichzeitig nehmen die körperliche Leistungsfähigkeit und die koordinativen Fähigkeiten ab». Im Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte sind nach eigenen Angaben etwa 3.000 der bundesweit rund 10.000 Arbeitsmediziner organisiert.

epd

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